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Landgericht Arnsberg : Der Liebesterror geht weiter

  • -Aktualisiert am

Christel G. musste sich bereits im Jahr 2014 in Meschede wegen Stalking verantworten. Ihre Zuneigung zu dem Pastor konnte dies aber nicht mindern. (Archiv-Foto) Bild: dpa

Im Zweifel für die Angeklagte: Der Berufungsprozess gegen die Pfarrer-Stalkerin Christel G. endet mit einem Freispruch. Die Seniorin sei „lästig“, aber ungefährlich.

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          Pfarrer Michael Hammerschmidt ahnte, dass sein Martyrium wohl doch kein Ende finden würde, als er vergangenen Donnerstag das Landgericht Arnsberg verließ. „Soll das Ganze denn noch zehn Jahre weitergehen?“, fragte er resigniert. Schon am ersten Tag der Berufungsverhandlung zeichnete sich nach den Stellungnahmen der insgesamt vier Gutachter ab, dass das Landgericht Christel G., die dem katholischen Pfarrer mit unheimlicher Penetranz und Konsequenz seit beinahe fünfzehn Jahren nachstellt, freisprechen würde. Ebenso kam es am Mittwoch.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mehrmals täglich ruft die mittlerweile 72 Jahre alte G. im katholischen Pfarrhaus der St.-Nikolaus-Gemeinde im Mescheder Ortsteil Freienohl an. Oder sie teilt ihrem „liebsten Bräutigam“ ihre sexuellen Wünsche und Phantasien in Briefen, in Mail und SMS mit. Ausdauernd dekoriert sie den Vorgarten des Pfarrhauses mit Herzchen, Blumen, Luftballons, deponiert dort Phallussymbole wie Maiskolben und Möhren, denen sie Kondome übergezogen hat. Wegen Nachstellung in Tateinheit mit Hausfriedensbruch und Verstoß gegen das Gewaltschutzgesetz hatte das Amtsgericht Christel G. im März 2014 zu vierzehn Monaten Freiheitsentzug ohne Bewährung verurteilt. Es schien, als hätte der Pfarrer wenigstens eine Weile lang seine Ruhe.

          Verteidigung plädierte auf schuldunfähig

          Doch Rechtskraft erlangte das Urteil nicht, weil sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Berufung einlegten. Die Anklage wollte eine höhere Strafe, die Verteidigung einen Freispruch, weil die Seniorin nicht liebestoll, sondern liebeskrank und damit schuldunfähig sei. Waren Gutachter in der ersten Instanz noch zu dem Ergebnis gekommen, dass Christel G. schuldfähig ist, sahen sie im Verhalten der Rentnerin nun einen krankhaften „Liebeswahn“ und vereinten die Schuldfähigkeit.

          Ein vierter Sachverständiger kam zu dem Ergebnis, dass G. an einer Persönlichkeitsstörung leidet und wollte nun – anders als in der ersten Instanz – eine verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen. Deshalb plädierte am Mittwoch dann auch die Staatsanwaltschaft auf Freispruch. Keines der Gutachten sei überzeugend gewesen, sagte die Staatsanwältin. Die Verteidigung hob in ihrem Plädoyer auf den „Leidensdruck“ der Beschuldigten ab. Den Wahn, den Pfarrer zu lieben, sei für sie zum „Sinn des Lebens“ geworden. Sie nehme die Ächtung der Bevölkerung auf sich, habe Psychiatrie und Gefängnis über sich ergehen lassen und fahre trotzdem fort mit ihrem Tun. „Wenn das nicht krank ist, weiß ich nicht, was krank ist“, sagte der Verteidiger.

          Mehrere Behandlungen in psychiatrischen Kliniken

          Tatsächlich hatte das Amtsgericht Meschede Christel G. im April 2005 schon einmal zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Immer wieder war G. für Wochen oder Monate zur Behandlung in psychiatrischen Kliniken. Mehrere Monate saß G. in Untersuchungs- und Ordnungshaft. Lange schon ist es ihr untersagt, dem Pfarrer näher als 50 Meter zu kommen.

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          Doch um solche Auflagen schert sie sich nicht. Selbst bei Beerdigungen tauche sie auf und buhle um Aufmerksamkeit, sagte Hammerschmidt vergangene Woche im Zeugenstand. Seit Jahren schon kann der Pfarrer nicht mehr richtig abschalten, er leidet unter Bluthochdruck und Niedergeschlagenheit. In einer Verhandlungspause am ersten Prozesstag vor einer Woche, stellte der Pfarrer desillusioniert fest, der Rechtsstaat stoße in dem Fall an seine Grenzen. „Aber es muss doch möglich sein, mich vor dieser Frau zu schützen. Ich habe auch Rechte.“

          Im Zweifel für die Angeklagte

          Am Mittwoch entschied das Landgericht dann „im Zweifelsfall für die Angeklagte“. Nach der Anhörung der Gutachter habe man die Schuldfähigkeit von Christel G. nicht eindeutig feststellen können, sagte der Richter. Aus rechtlichen Gründen sei auch die Einweisung der Frau in die Psychiatrie nicht möglich. Dafür habe der Gesetzgeber „Gott sei Dank“ hohe Hürden gesetzt; „unliebsame“ oder „lästige“ Personen könnten nicht eingewiesen werden. Christel G. aber sei nicht gemeingefährlich. Die Gesellschaft müsse sie aushalten.

          Derjenige, der Christel G. ganz konkret weiter aushalten muss, war am Mittwoch nicht mehr ins Gericht gekommen. Der Katholischen Nachrichtenagentur sagte Hammerschmidt nach dem Urteil: „Der Rechtsstaat hat versagt. Ich bin ja vogelfrei.“ Trotz allem ist er entschlossen, in seiner Gemeinde zu bleiben. Als Opfer müsse er sich nicht verstecken. Wegziehen sei ohnehin keine Option, da Stalker ihre Nachstellungen auch andernorts fortsetzten.

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