https://www.faz.net/-gum-9u0s8

Olympionik verurteilt : Missbrauch in der Judofamilie

Peter Seisenbacher betritt den Wiener Gerichtssaal, in dem er sich wegen mutmaßlichen Missbrauchs verantworten muss. Bild: Reuters

Der österreichische Judokämpfer Peter Seisenbacher galt als Idol. Ein Status, der es ihm leicht machte, das Vertrauen der Kinder in seiner Obhut zu gewinnen – und zu missbrauchen. In Wien ist er nun wegen Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen worden.

          3 Min.

          Der einstige Judokämpfer und Trainer Peter Seisenbacher, einer der erfolgreichsten österreichischen Olympioniken, ist wegen Missbrauchs von Kindern, die ihm anvertraut waren, zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Seisenbacher hatte 1994 und 1998 Goldmedaillen im Judo gewonnen, später arbeitete er als Judotrainer in einem Wiener Verein. Nach Überzeugung des Wiener Landesgerichts, welches das Urteil am Montagnachmittag fällte, hat sich der heute 59 Jahre alte Seisenbacher während Trainingslagern und Wettkampfreisen an zwei Mädchen sexuell vergangen, von denen eine 13 Jahre alt war, die andere bei den ersten unsittlichen Annäherungen neun und bei den ersten geschlechtlichen Handlungen elf. Eine weitere Frau sagte zudem aus, sie habe als damals Sechzehnjährige sexuelle Avancen abgewehrt. Seisenbacher wies jegliche Schuld von sich und unterstellte den Belastungszeuginnen, sich gegen ihn verschworen zu haben. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Die Missbrauchsvorwürfe waren 2014 bekannt geworden, nachdem sich eine der betroffenen Personen an die Staatsanwaltschaft gewandt hatte. Sie lebt heute als Mann. Die Nachricht hatte – wie es seitens des Verbands hieß – „Österreichs Judofamilie wie ein Blitz getroffen.“ Aber auch in der weiteren Öffentlichkeit wirkte die Nachricht wie ein Schock – übertroffen später nur durch die Vergewaltigungsvorwürfe gegen das einstige, bereits verstorbene Ski-Idol Toni Sailer, die 2018 laut wurden. Seisenbacher galt als Vorbild. 1996 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Er selbst gründete in Wien einen Judo-Verein, in dem die Übergriffe stattgefunden haben, wegen derer er nun erstinstanzlich verurteilt wurde.

          Er hatte Fluchthelfer – mutmaßlich aus der „Judofamilie“

          Eine besondere Note erhielt der Fall Seisenbacher durch seine fast zwei Jahre dauernde Flucht ins Ausland, mit der er sich 2016 dem Prozess zu entziehen versuchte. Er reiste zunächst nach Georgien, dann in die Ukraine. Dort wurde er im August 2017 von Zielfahndern des österreichischen Bundeskriminalamts aufgespürt. Er schien sich dort vor einer Strafverfolgung sicher zu wähnen, bis die Ukraine im vergangenen Frühjahr ein Zusatzprotokoll des Europäischen Auslieferungsübereinkommens unterzeichnete. Dann versuchte er, mit einem falschen Pass die polnisch-ukrainische Grenze zu überwinden. Dabei wurde er festgenommen. Der Pass gehörte einem österreichischen Judo-Funktionär, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Fluchthilfe ermittelt. Der bestreitet den Vorwurf. Ob dieser Mann oder jemand anderes den Pass in die Ukraine übermittelt hat, ist unklar, gewiss ist, dass Seisenbacher auch nach seiner Flucht Helfer hatte, mutmaßlich aus besagter „Judofamilie“.

          Die Flucht wollte Seisenbacher nicht als Schuldeingeständnis bewertet wissen, sein Anwalt sprach vielmehr von einer „Kurzschlussreaktion“. Seisenbacher habe der Geburt eines Sohnes entgegengesehen, sich medial vorverurteilt gefühlt und die Sorge gehabt, dass er vor Gericht „den Malus eines Prominenten hat“. Die Aussagen der Belastungszeugen bezeichnete Seisenbacher vor Gericht als „Unwahrheit“ und „Märchen“. Er bejahte die Aussage, dass sie sich gegen ihn „verschworen“ hätten. Er vermochte es aber nicht, diese Behauptung dem Gericht plausibel zu machen. Hingegen bezeichnete der Vorsitzende Richter die Aussagen der drei Hauptbelastungszeugen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurden, als „außerordentlich glaubwürdig“. Ein weiterer Zeuge, der damals an Trainingslagern teilgenommen hatte, steuerte belastende, wenn auch nicht eindeutige Beobachtungen bei.

          Seisenbacher hat leicht das Vertrauen der Kinder gewonnen

          Die Staatsanwaltschaft verwies darauf, dass Seisenbacher für die ihm anvertrauten Kinder ein „Idol“ gewesen sei. Er habe Geschick im Umgang mit Kindern gehabt und ihr Vertrauen gewonnen. Die von den Übergriffen Betroffenen hätten zu Hause familiäre Schwierigkeiten gehabt. Seisenbachers langjährige Lebensgefährtin, die selbst Töchter hat, gab hingegen an, sie habe nie „nur ansatzweise ein komisches Gefühl gehabt, dass da etwas mit Mädchen ist“. Seisenbachers Anwalt versuchte auch damit zu argumentieren, dass kleine Mädchen nicht in Seisenbachers „Beuteschema“ gepasst hätten. Allerdings hatte er unbestritten zeitweilig eine einvernehmliche Beziehung zu einem 16 Jahre alten Mädchen geführt.

          Bei der Strafbemessung wurde Seisenbacher zugutegehalten, dass er bislang unbescholten war und dass aus den vergangenen 15 Jahren keine weiteren Straftaten bekannt wurden. Erschwerend war, dass es mehrere Verbrechen und Vergehen gegen verschiedene Opfer über einen längeren Zeitraum (1997 bis 2004) gegeben habe. Seisenbacher wurde unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen schuldig gesprochen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.