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Peggy-Prozeß : Was man nicht erfinden kann

Ulfi K., der Angeklagte im Peggy-Prozeß Bild: dpa/dpaweb

Der Peggy-Prozeß in Hof geht mit dem Plädoyer des Staatsanwalts in die Schlußphase. Ein 26jähriger Analphabeth ist der Hauptverdächtigte. Doch nach wie vor hält sich das Gerücht, daß Peggy noch lebe.

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          Die Mittagszeit und einige Verschnaufpausen eingerechnet, plädiert Staatsanwalt Gerhard Heindl in leiser Eintönigkeit fünf Stunden lang. Denn er hat nicht nur zu begründen, wieso er den jetzt 26 Jahre alten Ulvi K., den im Gerichtssaal schweigenden Angeklagten, für den Mörder des Kindes Peggy Knobloch hält. Heindl muß auch auf ein Dutzend Fälle sexuellen Kindesmißbrauchs zurückkommen, in denen er eine "einheitliche Linie" zunehmender Gewalttätigkeit erblickt.

          Roswin Finkenzeller

          Schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wie der Angeklagte schon der Polizei gegenüber zugab, begannen seine Sexualstraftaten mit Akten der Selbstbefriedigung vor den Augen des einen oder anderen Knaben und endeten mit der sexuellen Berührung der neun Jahre alten, in der Nachbarschaft wohnenden Peggy. Womit ein Tötungsmotiv gegeben wäre.

          Peggy entkommt zum zweiten Mal, wird zum zweiten Mal eingeholt

          Zu den Tatbestandsmerkmalen des Mordes zählt das Strafgesetzbuch die Absicht, "eine andere Straftat zu verdecken". Es wäre begreiflich, daß ein Mann wie der Analphabet Ulvi, gut genug für die Verrichtung von Gelegenheitsarbeiten in der elterlichen Gastwirtschaft, sein kleines Opfer zur Verschwiegenheit überreden wollte, es dann aber, als solche Versuche scheiterten, kurzerhand aus dem Wege räumte. K. selbst hat sich der Polizei gegenüber so eingelassen und auch den Hergang des Kapitalverbrechens in allen Einzelheiten geschildert.

          Der Staatsanwalt skizziert die dramatische Episode, die jeder Prozeßbeteiligte seit langem kennt: Lichtenberg in Oberfranken, 7. Mai 2001. Mittags auf dem Weg von der Schule nach Hause wird Peggy von K. angesprochen. Sie läuft davon, stolpert über einen Stein und fällt hin. K. bietet ihr Schokolade an und erhält als Antwort einen Tritt in die Genitalien. Die schreiende Peggy entkommt zum zweiten Mal und wird zum zweiten Mal eingeholt. K. hält ihr zehn Minuten lang Mund und Nase zu und verharrt so, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gibt.

          "Das erfindet man nicht"

          Ob diese Episode der Wahrheit entspricht, ist das Kernproblem der im vergangenen Jahr eröffneten Hauptverhandlung. K. hat den Mord nicht nur gestanden, sondern auch vor laufender Kamera an einer Puppe demonstriert. Doch dieses Geständnis widerrief er. Die Verteidigung erklärte von Anfang an, es sei unter psychischem Druck erfolgt, während die Staatsanwaltschaft es für so glaubwürdig hält wie die von den mißbrauchten Kindern bestätigten Einlassungen des Täters über seine sexuellen Verfehlungen. Immer wieder pocht Heindl darauf, daß nie und nimmer eine blühende Phantasie, sondern einzig und allein die persönliche Wahrnehmung zu einem Geständnis führen könne, wie K. es einst abgelegt hatte.

          "Das erfindet man nicht", sagt Heindl mit sanfter Entschiedenheit zu der früheren Behauptung des Angeklagten, das Kind "wie einen Hasen am Nacken gepackt" zu haben. Warum eigentlich nicht? "Das kann nicht erfunden sein", bemerkt der Staatsanwalt auch zu der Sache mit dem Stolperstein. Den hatte K. beim Lokaltermin unter einem Grasbüschel ohne weiteres gefunden.

          Peggys Leiche fehlt

          Warum aber sollte es so schwierig sein, auf einem Weg unter freiem Himmel einen Stein kenntlich zu machen? Weitaus überzeugender hingegen, ja geradezu schlagend ist das Argument, ein äußerst schlichter Geist wie dieser Gaststättenhelfer könne sich unmöglich die Details eines kompliziert zu beschreibenden Todeskampfes ausdenken. Daß K. die Reaktionen des geschundenen und sehr langsam sterbenden Körpers Minute für Minute geradezu lehrbuchreif zu Protokoll gab, hat ein Gutachter schon vor vielen Wochen bekundet.

          Die Geheimnisse des Todes hätte der Strafkammer ein Gerichtsmediziner offenbaren können, wäre nur Peggys Leiche vorhanden. Sie, das allerwichtigste Beweisstück, fehlt aber in diesem Indizienprozeß, was immer wieder der Version Vorschub leistet, das Mädchen sei noch am Leben und halte sich, mittlerweile 12 Jahre alt, in der Türkei auf.

          In den Verdacht, sie verschleppt zu haben, ist bereits der türkische Lebensgefährte der Mutter gekommen, der jedoch laut Heindl wenn überhaupt jemanden, dann seine leibliche und nicht eine andere Tochter in das Land der Väter verfrachtet hätte. In diesem Zusammenhang bietet der Staatsanwalt dem Gericht als "entscheidendes Argument" die Rückbesinnung auf Peggys Schulkoffer an. Der Ranzen ist nämlich auch verschwunden, wäre aber nach Meinung Heindls da, hätte jemand das Mädchen nicht getötet, sondern außer Landes gebracht.

          Wieder einmal keine Peggy

          Nun aber wartet der Hofer Staatsanwalt mit einer heimatkundlichen Geschichte auf, von der selbst die Verteidigung wissen wird, wie wahr sie ist. Vor etlichen Jahren wurde während der Schneeschmelze bei Oberkotzau die Leiche eines Mannes entdeckt, der während des ersten starken Kälteeinbruchs auf freiem Feld tödlich verunglückt war. Ihn, den eine Schneedecke den Blicken entzog, wollten einen Winter lang viele Personen auf der Straße gesehen haben. Heindl bezeichnet es als kriminalistische Erfahrung, daß kaum etwas die Einbildungskraft des Publikums so beflügelt wie eine Vermißtenanzeige.

          Wäre es nicht so, hätte er mit seinem Plädoyer schon um neun Uhr beginnen können und nicht erst um halb elf. Es mußte erst eine Zeugin vernommen werden, die jeden Eid darauf geschworen hätte, kurz vor Ostern auf dem türkischen Schiff "Ali Baba" das Mädchen aus Lichtenberg beobachtet zu haben. Peggy im Bikini - ein Bild von einer jungen, schönen, erblühenden Frau. Der Mann in der Badehose neben ihr - ein Muster an Fiesling, ungepflegt und herrisch. Unter Tränen war sich die Zeugin ihrer Sache völlig sicher. Kurz darauf erklärte ein Polizeibeamter, bei dem Pärchen habe es sich erwiesenermaßen um irgendeine Tochter und deren Vater gehandelt, Namen und Anschriften bekannt, Fotos vorhanden. Aber wieder einmal keine Peggy.

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