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Peggy-Prozeß : Lebenslange Haft: Gericht spricht Ulvi K. schuldig

  • Aktualisiert am

Zu lebenslanger Haft verurteilt: Ulvi K. Bild: dpa/dpaweb

Es gibt keine Leiche, es gibt Zeugen, die das Opfer lebend gesehen haben wollen. Dennoch wurde der Angeklagte im Fall Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verteidigung kündigte Revision an.

          Drei Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden der damals neunjährigen Peggy Knobloch aus Lichtenberg in Bayern ist der 26ährige Angeklagte Ulvi K. am Freitag wegen Mordes an dem Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zugleich ordnete das Landgericht Hof die Unterbringung des geistig zurückgebliebenen Mannes in einer psychiatrischen Anstalt an. Nur wenige Minuten nach dem Urteilsspruch kündigten die Verteidiger eine Revision an.

          Das Gericht folgte mit seinem Urteil in dem Indizienprozeß weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die in ihrem Plädoyer Zeugenaussagen, Peggy sei in jüngster Zeit lebend in der Türkei gesehen worden, als Irrtum bezeichnet hatte. Vom Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs sprach das Gericht den Gastwirtssohn wegen verminderter Schuldfähigkeit frei. Von der Leiche des Mädchens fehlt noch heute jede Spur.

          Mißbrauch sollte vertuscht werden

          Die Richter sahen es als erwiesen an, daß der Beschuldigte das Mädchen im Mai 2001 ermordet hat. Er habe damit vertuschen wollen, daß er sie ein paar Tage zuvor sexuell mißbraucht habe. Der Gastwirtssohn hat nach Überzeugung des Kammervorsitzenden Georg Hornig das Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Schule in ihrem Heimarort Lichtenberg abgepaßt. Ursprünglich habe er sich bei Peggy wegen sexueller Übergriffe in den Vortagen entschuldigen wollen.

          Peggys Mutter Susanne Knobloch zufrieden nach der Urteilsverkündung

          Als sie den damals 23jährigen gesehen habe, sei sie aber davon gelaufen. Der Beschuldigte habe daraufhin sein Opfer verfolgt. Erst auf einer Treppe zum Schloßturm sei es dem Angeklagten gelungen, Peggy einzuholen. Schließlich sei sie gestürzt. Das Mädchen habe dann um Hilfe geschrien. „Spätestens zu diesem Zeitpunkt faßte der Angeklagte den Entschluß, Peggy zu töten“, betonte der Richter in seiner Rekonstruktion der Tat.

          Geständnis rechtmäßig

          Aus der Angst heraus, daß die sexuelle Mißhandlung Peggys bekannt werden könnte, habe der Angeklagte keine andere Möglichkeit gesehen, als sie zu töten. „Er faßte Peggy mit einer Hand am Nacken und hielt ihr mit der anderen Hand Mund und Nase zu, bis sie sich nicht mehr rührte. Anschließend schleifte er sie zur Burgmauer“, sagte der Richter.

          Das Gericht sei auch auf Grund seines Geständnisses von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Der Beschuldigte habe zwei Mal erklärt, daß er Peggy getötet habe. Das Geständnis ist dabei nach Auffassung des Gerichts rechtmäßig zu Stande gekommen. Der Gastwirtssohn sei ordnungsgemäß belehrt worden. Es habe auch keine verbotenen Vernehmungsmethoden gegeben, wie es von den Verteidigern wiederholt vermutet worden war.

          Zweifel an der Mordtheorie

          Für die Anwälte des 26-Jährigen Gastwirtssohnes bleiben die Zweifel an der Mordtheorie bestehen. Von seinem Mandanten berichtete Rechtsanwalt Wolfgang Schwemmer: „Er hat das regungslos aufgenommen und war sehr blaß. Ich denke aber, er hat verstanden, daß dieses Urteil ein Eingesperrtsein für die nächsten 15 Jahre bedeutet.“

          Nach Meinung der Verteidiger blieben in dem über ein halbes Jahr dauernden Prozeß viele Rechtsfragen ungelöst. Es habe zu viele Zweifel in diesem Verfahren gegeben, als daß sie für eine Verurteilung ausreichten, sagte Rechtsanwalt Walter Bagnoli. „Das wird jetzt aber letztlich der Bundesgerichtshof entscheiden müssen.“ Zweifel hatten in dem Prozeß ohne Leiche immer wieder auch Zeugen gesät, die Peggy erst vor wenigen Wochen gesehen haben wollen. Das das Gericht darauf nichts gab, machte Richter Hornig in der Urteilsbegründung klar: Es habe sich wohl teilweise um „Erscheinungen“ gehandelt, offensichtlich habe es auch „Absprachen in Lichtenberg gegeben, um Zeugenaussagen abzustimmen“, mutmaßte der Richter. Dies wiesen die Verteidiger zurück. „Anscheinend haben alle, die Peggy am 7. Mai 2001 nach 14 Uhr - dem mutmaßlichen Todeszeitpunkt des Mädchens - noch gesehen haben wollen, an Halluzinationen gelitten“, kritisierte Schwemmer.

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