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Pariser Kunstraub : Durchs Fenster in die Moderne eingestiegen

Nur die Rahmen sind geblieben Bild:

Aus dem Museum der Modernen Kunst in Paris sind in der Nacht zum Donnerstag fünf Meisterwerke von Picasso, Braque, Modigliani, Léger und Matisse gestohlen worden. Der Wert der Werke wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.

          Den Einbruch entdeckte ein Wächter am frühen Morgen. Bei seiner Morgenrunde vor Öffnung des Museums um zehn Minuten vor sieben Uhr bemerkte er, dass Bilder fehlten. Daraufhin stellten die Mitarbeiter des Museums fest, dass eine Scheibe eingeschlagen und ein Vorhängeschloss aufgebrochen worden war. Die Ermittler werteten die Aufzeichnungen der Überwachungskameras aus und erkannten auf den Filmaufnahmen eine vermummte Person, die durch ein Fenster in das Museum an der Avenue du Président Wilson einsteigt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der anscheinend so einfache Einstieg ins Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, kurz MAM genannt, das Städtische Museum für Moderne Kunst, in dem 8000 Werke des 20. Jahrhunderts gezeigt werden, führte zu einem der größten Kunstdiebstähle der jüngeren Geschichte. Der Wert der fünf Gemälde, die aus dem im Palais de Tokyo im 16. Bezirk beherbergten Museum gestohlen wurden, wird auf rund 100 Millionen Euro geschätzt.

          Beachtliche Beute

          Denn es handelt sich um Werke einiger der wichtigsten Maler des 20. Jahrhunderts. Verschwunden sind von Pablo Picasso „Le pigeon aux petits pois“ („Taube mit grünen Erbsen“, 1912), von Henri Matisse „La Pastorale“ („Pastoral“, 1905), von Amedeo Modigliani „La femme à l'éventail“ („Frau mit Fächer - Lunia Czechowska“, 1919), von Georges Braque „L'olivier près de l'Estaque“ („Der Olivenbaum bei L'Estaque“, 1907) sowie von Fernand Léger „Nature morte aux chandeliers“ („Stilleben mit Kerzen“, 1922). Die Bilder zählen zur ständigen Ausstellung des Museums, einer der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Europa.

          „L'Olivier prés de l'Estaque” von George Braque. Jetzt nicht mehr in Paris

          Die berühmten Gemälde sind de facto unverkäuflich, da sie auf dem Kunstmarkt nicht gehandelt werden können, ohne Aufsehen zu erregen. Deshalb nehmen die französischen Ermittler an, dass es sich um einen Auftragsdiebstahl handelt. Pierre Cornette de Saint-Cyr, der Direktor des Palais de Tokyo, nannte die Diebe am Donnerstag „Dummköpfe“: „Mit diesen Bildern kann man nichts anfangen.“ Jeder wisse nun davon, und kein Sammler werde ein gestohlenes Bild kaufen.

          Paris, Versailles, Marseille

          Der Diebstahl steht in einer Linie mit spektakulären Vorfällen des vergangenen Jahres. So war im Juni aus dem Pariser Picasso-Museum ein Skizzenbuch des Malers gestohlen worden - an der Vitrine war nur eines von zwei Schlössern zugesperrt. Im Schloss von Versailles fehlen zwei wertvolle Bronzevasen, deren Verlust vielleicht erst nach mehreren Wochen im September aufgefallen war. Und an Silvester entwendeten Kunstdiebe aus einem Museum in Marseille das Gemälde „Les choristes“ von Edgar Degas, dessen Wert auf 800000 Euro geschätzt wird.

          Eine Debatte über veraltete oder unzureichende Sicherheitsvorkehrungen, wie sie nach dem Diebstahl des Picasso-Skizzenbuchs im vergangenen Sommer ausgebrochen war, scheint aber in diesem Fall verfehlt. Das Museum für Moderne Kunst, das - anders als das staatliche Centre Pompidou - von der Stadt Paris verwaltet wird, war erst 2006 nach zweijähriger Renovierung wieder eröffnet worden. Bei den Sanierungsarbeiten wurde das Museum auch mit moderner Sicherheitstechnik ausgerüstet. Das Museum für Moderne Kunst ist seit 1961 im Palais de Tokyo untergebracht, einem neoklassizistischen Repräsentationsgebäude, das 1937 für die Weltausstellung gebaut worden war.

          Drei Personen stiegen ein

          Die Gemälde seien zusammen rund 100 Million Euro wert, sagte Christophe Girard, der stellvertretende städtische Kulturdezernent, als er den Ort des Geschehens am Donnerstag besichtigte. Allein das Bild von Picasso sei 23 Millionen Euro wert, das Gemälde von Matisse rund 15 Millionen. Der Diebstahl sei „wohlorganisiert“ gewesen, sagte Girard. Als der Raub stattfand, seien drei Personen in dem Museum gewesen. Mit den Ermittlungen ist eine auf Kunstdiebstähle spezialisierte Abteilung der Kriminalpolizei betraut worden. Die Behörden verbreiteten die Daten der Bilder umgehend über die internationale Polizeibehörde Interpol.

          Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delano teilte mit, dass das Museum bis auf weiteres geschlossen bleibt. Am Mittag hingen zwei DIN-A-4-Blätter am Eingang mit dem Hinweis, das Museum sei „aus technischen Gründen“ geschlossen. Da lauter Journalisten und Kameraleute vor der Tür standen, trauten die verhinderten Besucher dieser Begründung wohl nicht.

          Aufsehenerregende Kunstdiebstähle der letzen Jahre in Europa:

          24. September 2009:
          Aus dem Brüsseler Museum René Magritte wird kurz nach der
          Öffnung der Ausstellungsräume ein Bild des belgischen Malers
          gestohlen: Das Aktbild „Olympia“ hat einen Schätzwert von bis zu drei
          Millionen Euro.

          9. Juni 2009:
          Im Pariser Picasso-Museum wird der Diebstahl eines wertvollen
          Skizzenbuchs des spanischen Malers bemerkt, das in einer nicht
          verschlossenen Vitrine ausgestellt wurde. Sein Wert wird auf gut
          acht Millionen Euro geschätzt.

          31. Dezember 2009:
          Im Cantini-Museum im südfranzösischen Marseille wird der
          Diebstahl des Gemäldes „Les Choristes“ von Edgar
          Degas entdeckt. Das auf rund 30 Millionen Euro geschätzte Werk
          wurde offenbar in der vorhergehenden Nacht entwendet.

          11. Februar 2008:
          Aus der Sammlung E.G. Bührle in Zürich werden vier Gemälde von
          Vincent van Gogh, Claude Monet, Paul Cézanne und Edgar Degas gestohlen.
          Die Ermittler sprechen vom größten Kunstdiebstahl in Europa.
          Etwa eine Woche später werden die gestohlenen Bilder von Monet und
          van Gogh in Zürich auf der Rückbank eines gestohlenen Autos
          entdeckt.

          27. Februar 2007:
          Aus der Pariser Wohnung von Picassos Enkelin Diana
          Widmaier-Picasso werden in der Nacht drei Gemälde des Künstlers im
          Wert von 50 Millionen Euro gestohlen. Die Bilder und die Diebe
          werden fünf Monate später durch einen anonymen Hinweis gefunden.

          6. August 2006:
          Die jahrelangen Kunstdiebstähle in der St. Petersburger
          Eremitage und im Moskauer Staatsarchiv werden aufgeklärt. Der
          Ehemann der ehemaligen Museumskonservatorin, dessen Sohn, ein
          Universitätsprofessor und ein Antiquitätenhändler werden
          festgenommen, weil sie 221 Meisterwerke der russischen
          Goldschmiedekunst und Emaillearbeiten im Wert von 3,9 Millionen
          Euro entwendet hatten.

          22. August 2004:
          Zwei maskierte und bewaffnete Männer dringen mitten am Tag in
          das Osloer Edvard-Munch-Museum ein und rauben die weltberühmten
          Gemälde „Der Schrei“ und „Madonna“ im Wert von rund 75 Millionen
          Euro. Die beiden Räuber sowie ein dritter Mann, der Fahrer, werden
          gefasst und zwei Jahre später zu mehrjährigen Haft- und Geldstrafen
          verurteilt. Die Bilder werde mit zum Teil irreparablen Schäden
          aufgefunden.

          11. Mai 2003:
          Ein Alarmanlagenexperte stiehlt die „Saliera“ von Benvenuto
          Cellini aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Das kunstvoll
          gearbeitete goldene Salzfässchen des florentinischen Schmieds und
          Bildhauers ist rund 50 Millionen Euro wert. Der Dieb fordert drei
          Jahre später zehn Millionen Euro Lösegeld, wird dann aber von der
          Polizei festgenommen.

          20. April 2002:
          Vier Männer brechen in das Berliner Brücke-Museum ein und
          stehlen neun expressionistische Gemälde unter anderem von Emil
          Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein im Gesamtwert von
          3,6 Millionen Euro. Ein Jahr später sind alle gestohlenen Bilder
          sichergestellt. Die Täter erhalten mehrjährige Haftstrafen.

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