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Mörder und die Gesellschaft : Ich bin ja kein schlechter Mensch

Ist die Frau, die ihren prügelnden Ehemann im Schlaf umbringt, tatsächlich eine Mörderin? Bild: dpa

Wer mordet, muss hart bestraft werden. Doch ausgerechnet für dieses allerschlimmste Verbrechen gibt es in Deutschland nur einen Paragraphen, der dazu noch von den Nazis stammt.

          Manchmal ist das Leben eindeutig. Das Sterben auch. Nach einem Streit mit ihrem Lebensgefährten ging Ulla N. in der Nacht zum 6. Oktober vergangenen Jahres zu Bett. Das Paar, das eine Fernbeziehung zwischen Berlin und München führte, verbrachte das Wochenende in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg: Sie, 45 Jahre alt, Lehrerin an einer Waldorfschule; er, 51, Informatiker mit kubanischen Wurzeln und italienischem Pass. Sicherlich lief nicht alles rund zwischen den beiden. Es hatte Spannungen gegeben, Abwertungen, Kränkungen. Eifersucht. Besitzansprüche.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Nacht zum 6. Oktober übergoss Jorge Q. seine schlafende Freundin mit Brennspiritus und zündete sie an. Ulla N. rannte schreiend in den Hausflur, „wie eine brennende Fackel“, sollte der Richter bei der Urteilsverkündung später sagen. Die Frau verbrannte bei lebendigem Leib.

          Jorge Q. ist zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Die Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts stellte Anfang Juni fest, er habe grausam, heimtückisch, aus niedrigen Beweggründen und mit gemeingefährlichen Mitteln getötet. Vier Mordmerkmale – das, sagte der Vorsitzende Richter, sei ihm noch nie untergekommen. Schon eins reicht. Nach geltendem Recht ist Jorge Q. ein Mörder.

          Paragraph aus der Nazi-Zeit

          Die Wirklichkeit ist aber selten so eindeutig wie im Fall Ulla N. Und auch der Mörder mag zwar die Schlüsselfigur in jedem durchschnittlichen Thriller sein - im Strafrecht ist er ein schwieriger Begriff. Justizminister Heiko Maas (SPD) hat deshalb eine Gesetzesänderung angekündigt, mit der die Tötungsdelikte grundlegend reformiert werden sollen. Viele Juristen halten das für überfällig. Heikel ist es trotzdem. Eine Kommission, in der Richter und Anwälte, Rechtswissenschaftler sowie Praktiker aus Polizei und Politik zusammensitzen, soll innerhalb des nächsten Jahres Vorschläge erarbeiten.

          „Bis heute ist unsere schärfste Strafvorschrift vom Ungeist der Nationalsozialisten geprägt“, sagt Maas. Der geltende Mordparagraph beschreibe keine Straftat, sondern einen Menschentypus mit moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen: „Das ist noch immer die beklemmende Beschreibung eines Mörders, wie ihn sich die Nazis vorgestellt haben.“

          Tatsächlich stammt Paragraph 211 des heutigen Strafgesetzbuches aus dem Jahr 1941. Maßgeblich für die Formulierung war der berüchtigte spätere Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler: „Mörder ist . . .“ heißt es da, um dann aufzulisten, was ein Tötungsdelikt so verwerflich macht, dass zwingend die lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden muss. Einziger Unterschied: Bei den Nazis stand darauf der Tod.

          Ist ein Mann, der aus Eifersucht tötet, ein Mörder?

          Heute kennt das deutsche Strafrecht weder Betrüger noch Vergewaltiger, es kennt keine Diebe, keine Räuber. Menschen werden für ihre Taten verurteilt, nicht als Menschen. Nur in seinem Kern, ausgerechnet dort, wo es um Leben und Tod geht, finden sich Spuren der nationalsozialistischen Tätertypen-Lehre. Und auch die Liste der Mordmerkmale atmet diesen Geist, der auf den Täter, seine Person und seine Einstellung zielt. Deshalb ist es nicht mit einer sprachlichen Korrektur getan.

          „Täterbezogene Merkmale führen zu einer gewissen Beliebigkeit bei der Bewertung der Tat“, kritisiert Strafrechtlerin Anette Grünewald. Die Professorin, die sich in ihrer Habilitation mit vorsätzlichen Tötungsdelikten befasst hat, hält die aktuelle Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag für fehleranfällig. Und das, obwohl die Konsequenzen so gravierend sind.

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