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Mörder und die Gesellschaft : Ich bin ja kein schlechter Mensch

Während sich Vorgehen und Motive etwa bei pädophilen Tätern ähnelten, so Kröber, seien die Unterschiede zwischen Menschen, die einen Mord begangen haben, groß. Das betreffe die Lebenslage, aus der heraus eine Tat begangen werde, aber auch den späteren Umgang damit: Während einige sich stark mit ihrem Mord identifizierten, blickten andere wie auf eine Jugendsünde darauf zurück.

Psychopathen machen geringen Teil aus

Von der populären These, dass jeder zum Mörder werden könne, hält Kröber nichts, Kriegssituationen ausgenommen. Tötungsphantasien seien zwar weit verbreitet. Aber eine „normale Entwicklung“ bis zum Alter von etwa 14 Jahren führe in der Regel dazu, dass man auch in schweren Krisen keinen Menschen töte. Die Mehrheit der Mörder zeige hingegen Auffälligkeiten: kleine Macken im Charakter, persönliche Schwächen unterschiedlichster Art.

Mit der schillernden Figur des Mörders, der die kollektive Phantasie beflügelt, weil er so kalt und zielstrebig handelt wie Hannibal Lecter, hat das nichts zu tun. Sowohl Serientäter als auch Psychopathen machen Kröber zufolge nur einen winzigen Anteil der wegen Mordes verurteilten Straftäter aus. Jeder zweite Mörder indessen, schätzt der Gutachter, habe sich mit der Tat sein Leben ruiniert: Schwächlinge, Romantiker und Verlierer, die eine Niederlage nicht akzeptieren konnten.

Ein freundlicher Mann

Drei Stühle, zwei Gitterfenster, ein Tisch: Andreas H. legt einen Stapel eng beschriebenes Papier auf die Furnierholzplatte im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt Tegel. „Meine Lebensbeichte“, sagt er und schüttelt den Kopf, als könne er es kaum fassen. Ein freundlicher, etwas verhuschter Mann in knielangen Jeans, Rugby-Shirt und Sneakers. Frühestmöglicher Entlassungstermin: 2026.

Der Achtunddreißigjährige ist wegen Mordes an einer Nachbarin verurteilt worden. Nach Auffassung des Gerichts hat er aus Habgier getötet. Fast dreieinhalb Jahre ist das her. Fast dreieinhalb Jahre hat Andreas H. behauptet, die Leiche nur gefunden zu haben. „Justizopfer halt“, sagt er. Nachdem jedoch nicht nur sein Revisionsantrag verworfen worden, sondern auch eine Verfassungsbeschwerde gescheitert war, verließ ihn seine langjährige Freundin. „Ich wollte sie nicht verlieren und hab’ sie halt belogen.“ Noch im Winter wollte er sich das Leben nehmen. Dann fing er an, sich seiner Sozialarbeiterin anzuvertrauen.

„Ich bin ja kein schlechter Mensch“

Und so erzählt H. ein wenig stockend von jenem Februarsonntag, von dem er sagt, dass er ihn nie vergessen werde, und seine gefängnisblasse Haut rötet sich und glänzt, als wäre sie durchlässig, so neu, so frisch ist diese Art Gespräch: Jahrelang sei er der etwas wunderlichen älteren Nachbarin als Hausmeister und Handwerker behilflich gewesen, bis sie ihn damals in ihrer Wohnung überraschend umarmt, gedrückt, geküsst habe. Er habe sie weggestoßen. Sie sei gestürzt. Und als sie schrie und schrie, dass sie ihn anzeigen und die Polizei holen werde, sei er in Panik geraten und habe ihr einen Schal auf den Mund gedrückt, bis Stille war. Das Plastiketui, in dem er am nächsten Morgen die EC-Karte gefunden haben will, habe er zufällig mit seinen Zigaretten gegriffen. Er wisse selbst nicht so recht, warum er damit Geld abgehoben habe.

H. sagt: „Ich bin zwar dafür verantwortlich, dass die Frau ums Leben gekommen ist. Aber ich fühle mich nicht als Mörder. Mörder ist generell etwas Schlechtes. Die ganze Welt draußen denkt, das ist verachtenswert. Aber ich bin ja kein schlechter Mensch.“

So wichtig es ist, dass Täter ihre Verteidigungs- und Selbstschutzstrategien aufgeben, um sich ihrer Verantwortung zu stellen: Für eine erfolgreiche Resozialisierung ist es ebenfalls nötig, dass auch ein Mörder sich nicht mit Leib und Seele als Mörder fühlt. Da könnte die Abschaffung des Rechtsbegriffs von Nutzen sein. Ob das etwas an der schillernden Figur des Mörders in unseren Köpfen ändert, ist allerdings fraglich. Schon heute sind Nichtjuristen überzeugt: Ein Mord ist eine geplante Tötung. Totschlag passiert im Affekt. So in etwa sah die Rechtslage bis 1941 aus. Der Mordparagraph der Nazis hat sich im Bewusstsein der Allgemeinheit nie durchgesetzt.

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