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Mörder und die Gesellschaft : Ich bin ja kein schlechter Mensch

Ist ein Mann, der seine Frau aus Eifersucht tötet, ein Mörder? Ist er es dann, wenn er so starke Besitzansprüche hegt, dass er sie keinem anderen gönnt? Was ist, wenn er tief verzweifelt war, depressive Züge zeigte oder unter Verlustängsten litt? Oft genug hängt die Entscheidung, ob jemand lebenslang ins Gefängnis muss (Mord) oder auf eine niedrigere Strafe hoffen darf (Totschlag), am Gutachten eines Gerichtspsychiaters. An der Selbstdarstellung des Täters. Am psychologischen Gespür des Gerichts.

Und was ist mit der Frau, die jahrelang von ihrem Mann geschlagen wurde, bis sie ihn im Schlaf ersticht? Laut Gesetz ist die Sache eindeutig: Heimtücke - so nennt man die Tötung eines Arg- und Wehrlosen - bedeutet Mord, und Mord verlangt die lebenslange Freiheitsstrafe. Mildernde Umstände sind nicht vorgesehen. Aber ist das fair? Hätte der Mann seine Ehefrau eines Tages totgeprügelt - er wäre mit einer Verurteilung wegen Totschlags davon gekommen.

Maas sagt: „Der Mordparagraph ist schwammig formuliert, er benachteiligt Frauen, und gerechte Urteile lassen sich auf seiner Grundlage heute nur deshalb fällen, weil unsere Gerichte bei seiner Anwendung bis an die Grenzen der zulässigen Rechtsauslegung gehen.“

Unübersichtliche Spruchpraxis

Niemand behauptet, deutsche Gerichte würden systematisch Fehlurteile produzieren. Das wäre genauso falsch wie die Unterstellung, sie sprächen bis heute Nazi-Recht. Unter dem Einfluss von Bundesgerichtshof und Verfassungsgericht hat sich die deutsche Strafjustiz so entwickelt, dass die Schwurgerichte ihre Materie beherrschen. Die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) kritisiert deshalb: „Das Anliegen, Begrifflichkeiten aus der NS-Zeit aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Es verkennt aber, dass diese Begrifflichkeiten seit 65 Jahren eine gefestigte Rechtsprechung unter Geltung des Grundgesetzes erfahren haben. Es gibt vordringlichere Themen, die es zu bearbeiten gilt.“

Die Summe der Ausnahmelösungen jedoch, die rechtlichen Verrenkungen und Klimmzüge im Einzelfall haben zu einer Spruchpraxis geführt, die unübersichtlich ist und aus Sicht der Reformbefürworter nicht mehr viel mit dem Inhalt des Gesetzes zu tun hat. Strafrechtlerin Grünewald sagt: „Es darf nicht sein, dass wir an einer so zentralen Stelle einen Straftatbestand haben, bei dem es immer wieder Umgehungsstrategien braucht, um zu adäquaten Urteilen zu kommen.“

Unterschiedlicher Umgang mit den begangenen Taten

Wer aber die bestehenden Gesetze antastet, steht vor einer Grundsatzfrage von gesellschaftspolitischer Tragweite. Die Kommission im Justizministerium muss diskutieren: Wie definieren wir heute, was wir nicht nur für ein schlimmes Verbrechen halten, sondern für das allerschlimmste, auf das deshalb die allerschwerste Strafe folgt? Welche Kriterien taugen zur Abgrenzung?

„Der Mörder war und ist eine mythische Figur“, sagt Hans-Ludwig Kröber, „und die Zuordnung der jeweils möglichen Höchststrafe ist ein soziales Sakrament - zur Abwehr des bedingungslos Bösen.“ Kröber ist Gerichtspsychiater an der Berliner Charité. Für ein Forschungsprojekt erfasst er gerade die Daten aller zu lebenslanger Haft verurteilten Gefängnisinsassen in Berlin, etwa hundert Männer sind das und eine Handvoll Frauen. Der Forensiker will Motive auswerten, nach psychischen Auffälligkeiten suchen und beides mit den im Urteil genannten Mordmerkmalen abgleichen. Für Ergebnisse ist es noch zu früh. Aber aus seiner langjährigen Erfahrung als Gutachter sagt Kröber schon jetzt: Einen typischen Mörder gebe es nicht.

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