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Pädophilenring zerschlagen : Pornobilder via Handy verschickt

  • -Aktualisiert am

Die Polizei ermittelt gegen 465 Verdächtige Bild: dpa

Im Kampf gegen Kinderpornografie sind die Ermittler bei einer Razzia nach eigenen Angaben dem bislang größten MMS-Tauschring dieser Art auf die Spur gekommen. Insgesamt seien bei der bundesweiten Polizeiaktion 465 Tatverdächtige ermittelt worden.

          Den bisher größten Fall von Kinderpornographie via Mobiltelefon haben die Kriminalpolizei im hessischen Homberg und die Staatsanwaltschaft Kassel aufgedeckt. Im Laufe dieser Woche wurden die Wohnungen von 465 Verdächtigen in ganz Deutschland durchsucht. Die Verdächtigen waren überwiegend Männer im Alter zwischen 20 und 83 Jahren. Etwa 20 Frauen sollen unter den Verdächtigen gewesen sein. Die Ermittler stellten 212 Personalcomputer, 109 Laptops, 2197 Festplatten, USB-Sticks und Speicherkarten, 644 Mobiltelefone und 16.282 selbst gefertigte CD, DVD und Videofilme sicher.

          Das sichergestellte Material ist zwar noch nicht komplett ausgewertet, aber in zahlreichen Fällen habe sich der Verdacht des Besitzens und Verschaffens sowie des Verbreitens von Kinderpornographie via „multimedia messaging service“ (MMS) bestätigt, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft in Kassel mit. Auf den Telefonen wurden nicht nur pornographische Inhalte empfangen, sondern diese wurden auch mit bestimmten anderen Nummern getauscht. Noch sei offen, ob die Daten von einer Zentrale aus sternförmig oder innerhalb einer Netzwerkstruktur versandt wurden. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung wird das Verbreiten kinderpornographischer Schriften grundsätzlich mit einer Freiheitsstrafe von 3 Monaten bis zu 5 Jahren geahndet. Geldstrafen habe der Gesetzgeber für diese Täter nicht vorgesehen. Der Besitz solcher Schriften werde mit Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren, aber auch mit Geldstrafen geahndet.

          Einschlägige Kontakte zu etwa 500 Mobilfunknutzern

          Die Ermittlungen begannen im vergangenen Spätsommer. In einem anderen Verfahren wegen des Vorwurfs der Pädophilie erhielt die Polizei in Homberg von der Polizei in Bremen den Hinweis auf einen 33 Jahre alten Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Die Staatsanwaltschaft Kassel beantragte einen richterlichen Durchungsbeschluss gegen den Verdächtigen. Die Beamten stellten umfangreiches Beweismaterial bei dem Mann sicher. Es erhärtete sich nicht nur der Verdacht der Bremer Ermittler, sondern die Polizei in Homberg fand Material, das eine Fülle weiterer Ansätze zur Ermittlung bot.

          In den schriftlichen Aufzeichnungen des Mannes und im Speicher seines Mobiltelefons fanden sich Hinweise, dass der Verdächtige kinderpornographische Schriften in Form von Bildern und Videosequenzen nicht nur empfangen hatte und besaß, sondern dass er diese auch an einen großen Personenkreis ausschließlich via MMS verbreitet hatte. Der Mann, der sich den Behörden gegenüber kooperativ zeigte, hatte einschlägigen Kontakt zu etwa 500 Mobilfunknutzern in Deutschland gehalten. Internationale Ausmaße hat der Fall nach Angaben der Ermittler bisher nicht.

          „Operation Susi“

          Daraufhin bildete die Kriminalpolizei in Homberg die Arbeitsgruppe mit dem Namen „Operation Susi“. Mit Hilfe von Beamten des Polizeipräsidiums Nordhessen und des Landeskriminalamtes verifizierte „Susi“ die Mobilfunknummern und überprüfte die Informationen mit den Daten der Einwohnermeldeämter. Die Verfahren richteten sich zunächst gegen die Inhaber der Mobilfunkanschlüsse. Der Verdächtige, also der Inhaber des Telefonanschlusses, müsse aber später nicht unbedingt der Verurteilte sein, wenn sein Telefon zum Beispiel von einer anderen Person genutzt wurde.

          Alle Verfahren wurden gesammelt an die Staatsanwaltschaft Kassel gegeben. Diese fragte sich, ob eine Behörde überhaupt in der Lage sei, ein solches Verfahren zu führen, sagte Jung. Die Staatsanwaltschaft entschied sich aber dafür, die Verfahren alle in Kassel zu behalten und nicht an die jeweils lokalen Staatsanwaltschaften in den Heimatorten der Verdächtigen abzugeben, um die Ermittlungen zeitlich abgestimmt und damit effektiv führen zu können. Hätten die einzelnen Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden zu unterschiedlicher Zeit ihre Ermittlungen aufgenommen, wäre die Kinderpornoszene aufgeschreckt und der Ermittlungserfolg gefährdet worden. Die Asservate verbleiben nun bei den örtlichen Polizeibehörden und die Staatswaltschaft Kassel gibt nach der gelungen Welle von Hausdurchsuchungen die Verfahren an die jeweils örtlich zuständigen Behörden ab.

          Aufklärungsquote weit über 90 Prozent

          Der Leiter der Operation Susi, Klaus Quanz, sagte, im Zusammenhang mit den Ermittlungen gebe es Hinweise auf zwei bis vier Fälle von Kindesmissbrauch, diese seien aber noch nicht überprüft. Die pornographischen Bilder stammten aber alle aus dem Internet. Wegen ihrer werde kein Verfahren wegen Missbrauchs eingeleitet. Es habe im Zusammenhang mit den Durchsungen in der Wochenmitte auch keine Verhaftungen gegeben. Achim Kaiser, Leiter der Soko bei der Kripo in Homberg, wollte nicht von einem „neuen Trend“ in der Kinderpornographie sprechen, obschon es sich um das erste große Verfahren von Kinderpornographie mit Hilfe des Mobiltelefons handele. Kaiser sprach von einem „sehr, sehr großen Dunkelfeld“ in der Kinderpronographie. Werde ein Fall aber aufgedeckt, legte Kaiser anhand von Ermittlungsdaten dar, reiche die Aufklärungsquote weit über 90 Prozent hinaus.

          Jung dankte den Medienvertretern für ihre verständnisvolle Rücksichtnahme auf die Ermittler, indem sie während der Durchsuchungen nicht über den Fall berichteten, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Leider sei es einem überregional erscheinenden Printmedium nicht möglich gewesen, sich an die Verabredung zu halten, woraufhin auch Online-Dienste, die Nachricht aus dem Printmedium ungeprüft und ohne Nachfrage bei der Behörden abschrieben. Inwiefern dies die Ermittlungen beeinträchtigt habe, sei noch nicht festzustellen.

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