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Südafrika : Pistorius muss im Gefängnis bleiben

Oscar Pistorius beteuerte während des Strafprozesses im Jahr 2014 stets seine Unschuld. Richterin Thokozile Masipa verurteilte den Paralympics-Star dennoch wegen fahrlässiger Tötung. Bild: dpa

Der ehemalige Paralympics-Star Oscar Pistorius darf das Gefängnis vorerst doch nicht verlassen. Auf Druck von Frauenrechtsgruppen wird die Entscheidung über seinen Freigang nochmal überprüft.

          Es war eine Entscheidung in letzter Minute: Oscar Pistorius darf an diesem Freitag doch nicht das Gefängnis verlassen. Der wegen Totschlags verurteilte Sportstar hätte den Rest seiner fünf Jahre Haft eigentlich im Hausarrest verbüßen dürfen. Doch Justizminister Michael Masutha teilte am Mittwochabend überraschend mit, die Entscheidung werde überprüft.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Viele Südafrikaner hatten schon das Urteil von Richterin Thokozile Masipa im November als zu milde bezeichnet. Umso größer war die Empörung vor einigen Monaten, als bekannt wurde, dass der prominente Sportler nur zehn Monate im Gefängnis verbringen muss.

          Die Intervention des Ministers jedoch steht jetzt ebenfalls in der Kritik. Rechtsfachleute warnten vor politischer Einflussnahme in einem Fall, der wie kein anderer in Südafrika Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Es hieß, Rechtsanwälte der Familie Pistorius prüften, ob sie Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen. Masutha indes bezog sich auf eine gesetzliche Regelung. Demnach darf die Entscheidung über einen Freigang erst nach Verbüßen eines Sechstels der Strafe, also nach zehn Monaten, gefällt werden. In Pistorius’ Fall jedoch war dies schon Anfang Juni geschehen. Zuvor hatte eine Frauenrechtsorganisation dagegen protestiert, Pistorius ausgerechnet im August zu entlassen, in dem Monat, der den Rechten der Frauen gewidmet ist.

          Gremium aus drei Richtern entscheidet über Freigang

          Der heute 28 Jahre alte Südafrikaner hatte seine Freundin Reeva Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag 2013 mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür erschossen. Er sprach von einer tragischen Verwechslung mit einem Einbrecher. Der Prozess hatte ein großes Medieninteresse hervorgerufen. Doch seit der „Blade Runner“, wie der behinderte Sprinter wegen seiner Prothesen genannt wird, einsitzt, ist es ruhiger geworden um ihn.

          Da war die Welt noch in Ordnung: Bei den Paralympics in London gewinnt Pistorius 2012 den 400-Meter-Lauf.

          Pistorius wurden als Kind wegen eines Gendefekts beide Beine unterhalb der Knie amputiert. Als Sprinter wurde er weltbekannt, als er mit seinen J-förmigen High-Tech-Prothesen aus elastischem Karbon bei den Paralympics Rekorde brach. Angeblich soll sich der Achtundzwanzigjährige im Gefängnis von gebackenen Bohnen aus der Dose ernährt und sich ein striktes Trainingsprogramm verordnet haben. Wegen seiner Behinderung war er im Krankentrakt des Gefängnisses inhaftiert.

          An diesem Freitag wäre Pistorius vermutlich, mit einer elektronischen Fußfessel versehen, bei seinem Onkel Arnold eingezogen. Dessen Villa liegt in einem der besten Viertel Pretorias und verfügt angeblich über Schwimmbad und Fitness-Studio. Kritiker sprachen von einem Luxus-Hausarrest. Ein Gremium aus drei Richtern muss jetzt über den Freigang entscheiden. Selbst wenn Pistorius danach das Gefängnis verlassen kann, ist eine Rückkehr nicht ausgeschlossen, denn die Staatsanwaltschaft hat Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Aus ihrer Sicht sollte der einstige Nationalheld wegen Mordes verurteilt werden, weil er gewusst habe, dass sich ein Mensch in der Toilette befand, als er die Schüsse abgab. Die Verhandlung beginnt im November.

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