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Opferschutzverband : „Wir brauchen Opferanwälte“

Die Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Roswitha Müller-Piepenkötter, fordert Anwälte für Opfer. Bild: obs

Zeugenvernehmung und Spurensicherung belasten Opfer von Kriminaldelikten zusätzlich zur eigentlichen Tat. Wie groß die Probleme sind und was Ermittler besser machen können, zeigt eine Studie des „Weißen Rings“.

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          Die Einbrecher waren weg, dann kam die Polizei. Die Beamten mussten in der Wohnung der Frau Spuren sichern, auch in ihrem Schlafzimmer. Dass sich die Polizisten ohne ihr Beisein – sie wurde zu dem Zeitpunkt vernommen – in ihrem durchwühlten Schlafzimmer aufhielten und so einen Einblick in ihre „Intimsphäre“ bekamen, empfand das weibliche Opfer auch noch Monate später als sehr belastend. Mindestens so belastend empfinden es auch Opfer von Sexualdelikten, die zum Zwecke der Wahrheitsfindung Polizeibeamten detailliert schildern müssen, an welchen Körperteilen der Täter welche Handlungen wie und wie lange vorgenommen hat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Belastungen wie diesen sind Kriminalitätsopfer während des Ermittlungsverfahren zusätzlich zu den traumatischen Erlebnissen während der Tat ausgesetzt. Die Stiftung der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ hat diese Belastungen nun erstmals systematisch untersucht. Forscher der Universitäten Heidelberg und Gießen haben für die Studie Opfer von Gewalt-, Sexual- und Einbruchsdelikten befragt und rund 180 Strafakten ausgewertet. Zudem wurden Gruppengespräche mit Polizisten, Anwälten, Opferhelfern und Therapeuten in verschiedenen Bundesländern geführt. Um regionale Unterschiede zu erfassen, waren Staatsanwaltschaften in Hamburg, Essen, Leipzig, Heidelberg, Mannheim und Saarbrücken beteiligt. Die geplante Aktenanalyse einer bayerischen Staatsanwaltschaft war nicht möglich, da nach den Angaben zwei bayerische Staatsanwaltschaften keine Genehmigung erteilten.

          Viele Opfer werden länger als zwei Stunden vernommen

          Am Mittwoch wurden die Ergebnisse nun im Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden vorgestellt. Es sei nicht darum gegangen, Polizei und Staatsanwälte pauschal zu kritisieren, sagt Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU), ehemalige Justizministerin von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende des Stiftungskuratoriums. „Wir wollten herausfinden, welche Belastungen es gibt und was man verbessern kann.“ Viele Opfer hätten zwar die Ermittlungen als anstrengend empfunden, jedoch hervorgehoben, dass die Polizei „eben ihre Arbeit“ machen müsse.

          Schon die Länge der Vernehmung kann jedoch belastend sein. Viele Opfer, besonders bei Sexualdelikten, wurden demnach länger als zwei Stunden vernommen, oft auch mehrfach. Die Betroffenen können die Notwendigkeit meist nicht einschätzen, werden verunsichert und fragen sich, ob man ihnen misstraue. Diese Verunsicherung wird noch verstärkt, wenn sich die Opfer schlecht oder zu wenig über den Stand der Ermittlungen informiert fühlen. „Die Polizei muss verständlich erklären, warum es jetzt solange dauern muss und wie es weitergeht“, sagt Müller-Piepenkötter. Letztlich sind es ähnliche Phänomene wie im Krankenhaus: Ärzte setzen ebenso wie Polizisten, Staatsanwälte und Richter zu oft zu viel voraus, verwenden Fachbegriffe und tragen so zur Verunsicherung bei. Als „mangelnde Sensibilität“ der Beamten bezeichneten dies einige der befragten Opfer. Man müsse Polizisten und Staatsanwälte daher in der Ausbildung noch stärker für die Empfindungen der Opfer sensibilisieren, fordert der „Weiße Ring“.

          Weil Dolmetscher fehlen, müssen häufig Angehörige einspringen

          Besonders ist dies bei Opfern nötig, die schlecht oder kein Deutsch sprechen. Die Beamten sollten nicht nur kulturelle Besonderheiten stärker berücksichtigen. „Wir brauchen unbedingt mehr qualifizierte Dolmetscher bei der Polizei“, sagt die Stiftungsvorsitzende. Denn häufig werden aus Budgetgründen Angehörige der Opfer als Dolmetscher eingesetzt. „Doch diese können oft die Fachbegriffe nicht richtig wiedergeben.“ Ist die Vernehmung zu Ende, muss das Protokoll unterschrieben werden. Einige Opfer gaben jedoch an, dass das Gesagte nicht richtig wiedergegeben sei. Hier kann es helfen, verstärkt auf audiovisuelle Dokumentationen zurückzugreifen. Für die Opfer ist es auch sehr wichtig, dass personenbezogene Daten, zum Beispiel Adresse oder Arbeitgeber, vertraulich behandelt werden. Es sollte sichergestellt werden, dass Beschuldigte nur bei begründetem Interesse Einsicht in diese Daten bekommen.

          Um die Interessen des Opfers besser zu wahren, fordert der „Weiße Ring“ zudem eine Stärkung der Opferschutzbeauftragten der Polizei. Auch sei zu wenig bekannt, dass Betroffene einen Rechtsanwalt hinzuziehen können. Nach den Angaben der Studie war jedoch ein Anwalt nur bei 1,4 Prozent der untersuchten Vernehmungen anwesend. „Alle Opfer beschreiben ihre Lage während der Tat als absoluten Kontrollverlust“, sagt Müller-Piepenkötter. Dem könne man im Ermittlungsverfahren dann wieder entgegenwirken, wenn Betroffene jemanden an ihrer Seite hätten, der ihre Rechte vertrete. Schon allein, um im Vergleich zum Beschuldigten „Waffengleichheit“ herzustellen. „Wir fordern daher die Bundesrechtsanwaltskammer auf, den Fachanwalt für Opferrechte einzuführen.“

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