https://www.faz.net/-gum-9oulq

„Typisches Wiesn-Gebalze“ : Urteil nach Tod auf dem Oktoberfest

  • Aktualisiert am

Tatort Oktoberfest: Polizisten 2018 bei der Spurensicherung Bild: dpa

Im Prozess um einen tödlichen Schlag auf der Wiesn geht das Gericht noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus – und zeigt doch Milde für den Angeklagten. Täter und Opfer hatten viel gemeinsam.

          2 Min.

          Was als feuchtfröhliche Zufallsbekanntschaft auf der Wiesn begann, endete in einer Tragödie: Am Dienstag hat das Landgericht München I einen 43-Jährigen für einen tödlichen Schlag auf dem Oktoberfest zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Angeklagte hatte zugegeben, einen 58-Jährigen im vergangenen Jahr im Raucherbereich des Augustiner-Zeltes so heftig geschlagen zu haben, dass sein Kontrahent an einer Hirnblutung starb.

          „Dieser eine Schlag reichte völlig aus, um den Geschädigten vom Leben zum Tode zu befördern“, sagt die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl. Sie spricht von einer „Spontantat“ und einem „typischen Wiesn-Gebalze zweier alkoholisierter Männer um die Aufmerksamkeit einer Frau“.

          Der 58-Jährige soll sich ordinär verhalten und eine Bekannte des Angeklagten belästigt haben, bevor dieser heftig zuschlug. „Ein deutliches Missverhältnis zwischen dem Anlass und der Tat“, sagt Ehrl. Das Gericht geht mit seinem Urteil sogar noch sechs Monate über die Forderung der Staatsanwaltschaft von fünf Jahren für Körperverletzung mit Todesfolge hinaus. Die Verteidigung hatte drei Jahre gefordert.

          Die Angehörigen des Angeklagten brechen im Gerichtssaal in Tränen aus, als sie das Urteil hören – dennoch ist es ein mildes. Vieles spreche für den 43-Jährigen, sagt Ehrl. Er sei „von der ersten Sekunde an sehr kooperativ“ gewesen. „Sie haben kein Selbstmitleid gezeigt, was auch nicht oft vorkommt. Sie haben nicht nach fadenscheinigen Entschuldigungen gesucht. Wir haben Empathie gesehen und Reue und Schuldeinsicht.“ In der Untersuchungshaft habe er sich sogar mit der Mutter seines Opfers getroffen. „Sie haben sich zum Schluss die Hand gegeben, Sie haben sich entschuldigt.“

          „Das sollte Ihnen ein Negativbeispiel sein“

          Darum gibt das Gericht dem Angeklagten „eine Riesen-Chance“ und verhängt den Aufenthalt in einer Entzugsklinik für den alkohol- und opiatabhängigen Mann. Wenn die zweijährige Entziehungskur erfolgreich verläuft und er danach fünf Jahre lang nicht zur Flasche oder zur Tablette greift, könnte er sogar um eine Gefängnisstrafe herumkommen. Mit Anrechnung der Untersuchungshaft von mehreren Monaten ist nach Gerichtsangaben bei einem erfolgreichen Entzug die Aussetzung der restlichen Haftstrafe zur Bewährung möglich. Sollte der Mann gegen die Auflagen verstoßen, muss er die Reststrafe allerdings absitzen.

          Auf den Rat seiner Anwälte erklärt der Angeklagte noch im Gerichtssaal, das Urteil anzunehmen und von Rechtsmitteln abzusehen. Die Staatsanwaltschaft schließt sich an. „Der Entzug, das wird schwer. Den müssen Sie machen“, sagt Richterin Ehrl und zieht hier eine Parallele zu dem 58 Jahre alten Mann, der den Wiesn-Abend im vergangenen Jahr nicht überlebte. Er habe nach einer Verurteilung wegen einer Straftat die gleiche Chance bekommen wie jetzt der Angeklagte, sei aber „in der Endphase rückfällig geworden“. Schließlich sei auch er an jenem dramatischen Tag auf der Wiesn betrunken gewesen. „Das sollte Ihnen ein Negativbeispiel sein.“

          Er könne sich künftig nicht mehr „wie Otto Normalbayer abends ein Bier aufmachen“, sagt Ehrl zum Angeklagten. „Sie setzen sich mit ihrer Frau in den Garten, schauen den Igeln zu und trinken eine Johannisbeerschorle. Auch das kann ein schönes Leben sein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bestens gefüllt – auch am Wochenende: Das britische Parlament am „Super Saturday“.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung will Brexit-Verschiebung beantragen

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.
          Die „People’s Vote“- Bewegung verlangt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

          Protestmarsch in London : „Wir wurden von Anfang an belogen“

          Zum „Super Saturday“ sind auch Hunderttausende Demonstranten nach London gekommen. Viele fühlen sich belogen, wollen Boris Johnson die Zukunft nicht anvertrauen – sondern selbst ein zweites Mal abstimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.