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Offene Grab-Frage : Rosa Luxemburgs Leiche im Keller gefunden?

  • -Aktualisiert am

Eine zeitgenössische Darstellung der 1919 ermordeten Revolutionärin Rosa Luxemburg Bild: dpa

Die 1919 ermordete Revolutionärin wurde nie beerdigt, sagt der Rechtsmediziner Michael Tsokos von der Berliner Charité. Er hat eine Wasserleiche aus dem Fundus obduziert, die alle Merkmale Rosa Luxemburgs aufweist. Ein DNA-Test soll nun Klarheit bringen.

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          Am 15. Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg in Berlin ermordet. Soviel steht fest. Dass der Leichnam der Revolutionärin auch tatsächlich am 13. Juni auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde neben dem Grab des mit ihr ermordeten Karl Liebknecht beigesetzt wurde, hält Professor Michael Tsokos für ausgeschlossen. Der Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts der Berliner Charité wartet dagegen in der neuen Ausgabe des „Spiegel“ mit einer anderen Variante auf: Er hält es für gut möglich, dass er Rosa Luxemburgs Leichnam gefunden hat. „Es gibt schon seit Jahrzehnten die Gerüchte, dass ihre Leiche nie die Charité verlassen hat“, sagt Tsokos, der sein Amt Anfang 2007 angetreten hat, am Freitag. Er ging diesen Gerüchten nach. Bei seinen Recherchen fand er den Obduktionsbericht des Leichnams, der unter dem Namen Rosa Luxemburg beigesetzt wurde. „In diesem Protokoll gibt es so viele Ungereimtheiten, dass ich sicher bin, dass diese Leiche nicht Rosa Luxemburg war. Sie hatte keinen Kopfschuss, keinen Hüftschaden und keine unterschiedlich langen Beinen.“

          Das hielten seine Vorgänger Fritz Strassmann und Paul Fraenckel im Obduktionsbericht fest, der im Freiburger Militärarchiv lagert. Und für den sich, obwohl einsehbar, bislang außer Tsokos niemand interessiert hat. Die beiden Rechtsmediziner, zwei Koryphäen auf ihrem Gebiet, widersprachen sich in ihrem Bericht, Fraenckel distanziert sich mit einer Ergänzung am Ende des Protokolls sogar von seinem Kollegen.

          „Ein absolut ungewöhnlicher Vorgang“, so Tsokos. Möglicherweise hatten die beiden eine Selbstmörderin, die von einer Brücke gesprungen war, vor sich. Sie wies eine Schädelverletzung auf, die jedoch nicht als Folge eines Schusses identifiziert werden konnte.

          Gedenktafel erinnert an ihren Todestag

          Es sollte nach der Tat eines wütenden Mobs aussehen

          Die fehlenden Merkmale, die die tatsächliche Leiche Rosa Luxemburgs haben müsste, weist allerdings eine andere Tote auf, die Tsokos 2007 im Keller des Medizinhistorischen Museums der Charité vorfand. „Es war früher üblich, dass Leichname als Exponate für Lehrzwecke und Demonstrationen behalten wurden“, so Tsokos. „Es gab bei meinem Amtsantritt nur noch diese eine Leiche in der Charité. Sie hat 90 Jahre überdauert, möglicherweise wurde sie bewusst zurückgehalten. Es hat mich gereizt, diese unidentifizierte Leiche, die noch nie obduziert worden war, zu untersuchen.“

          Der Wasserleiche fehlen Kopf, Hände und Füße. An den Stellen, an denen die Gliedmaßen abrissen, hatten Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division nach Augenzeugenberichten an der Leiche Rosa Luxemburgs Drahtschlingen für Gewichte aus Stein festgeschnürt, um sie im Berliner Landwehrkanal zu versenken.

          In dem Kanal wurde sie am 31. Mai 1919 gefunden - vermeintlich, wie man nach Tsokos' These jetzt vielleicht hinzufügen muss. Die Mitbegründerin der Kommunistischen Partei war zunächst niedergeschlagen und dann durch einen Schuss in den Kopf getötet worden. Der Mord sollte aussehen wie der spontane Übergriff einer empörten Menschenmenge.

          „Mir fehlt der letzte Beweis“

          Die unidentifizierte Leiche aus der Charité ließ Tsokos im Leibniz-Labor für Altersbestimmung der Christian-Albrechts-Universität Kiel per Computertomographie untersuchen. Demnach soll die Frau zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 40 und 50 Jahre alt gewesen sein, an Arthrose gelitten und unterschiedlich lange Beine gehabt haben.

          Rosa Luxemburg war 47 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Ihre unterschiedlich langen Beine waren die Folge einer angeborenen Hüftverrenkung, sie hinkte. Auch die Körpergröße von 1,50 Meter soll übereinstimmen, Rosa Luxemburg war klein. „Ich habe keinen Hinweis gefunden, dass sie es nicht sein könnte“, sagt Tsokos. „Das heißt aber nicht, dass sie es sein muss. Mir fehlt der letzte wissenschaftliche Beweis.“

          Die geistig umnachtete Nichte

          Um den zu finden, wendet sich Tsokos nun an die Öffentlichkeit. Er möchte nach Möglichkeit einen DNA-Abgleich vornehmen. „In offiziellen Archiven gibt es nichts von Rosa Luxemburg. Aber vielleicht hat noch ein Sammler ein Kleidungsstück von ihr in seinem Fundus. Briefe oder Bücher bringen uns nichts, die sind seit 90 Jahren durch alle Hände gegangen.“ Eine Briefmarke auf einem Brief Rosa Luxemburgs brachte keine verwertbare DNA-Probe.

          Auch eine Exhumierung der Leiche auf dem Friedhof Friedrichsfelde würde keine Gewissheit bringen, da das Grab 1935 von den Nationalsozialisten geöffnet und die Gebeine offenbar geraubt wurden. 1950 suchten Friedhofsangestellte auf Weisung der DDR-Regierung Wilhelm Piecks erfolglos nach den sterblichen Überresten Rosa Luxemburgs und Liebknechts.

          In Warschau soll laut „Spiegel“ eine geistig umnachtete Nichte Rosa Luxemburgs leben. „Ich hoffe, dass sich die Politik jetzt einschaltet, dass ich einen DNA-Test machen kann“, sagt Tsokos. „Auf eigene Faust kann ich nichts unternehmen.“

          Millionen von Menschen am falschen Grab gestanden?

          Die Gerichtsmediziner Strassmann und Fraenckel handelten bei ihrer Obduktion von 1919 offenbar unter Druck. Der Leichnam der linken Revolutionärin sollte auf schnellstem Wege aus der Öffentlichkeit verschwinden, bevor sich der Fund der Wasserleiche in der überhitzen Atmosphäre des Berlin 1919 herumsprach. Unruhen sollten vermieden werden. Reichswehrminister Gustav Noske, mit dessen Billigung die Morde an den beiden Köpfen der Linken geschahen, wollte sie schnell beerdigen lassen. Strassmann und Fraenckel verzichteten auf eine Untersuchung der Zähne der Toten.

          Identifiziert wurde Rosa Luxemburg schließlich von ihrer Vertrauten Mathilde Jacob, allerdings nur anhand eines Medaillons und ihrer Handschuhe. „Ich halte es für sehr unwahrscheinlich“, sagt Tsokos, „dass während vier Monaten in einem Strömungsgewässer das Medaillon nicht abgerissen wurde.“

          Sollte Tsokos nun tatsächlich Rosa Luxemburgs Leichnam gefunden haben, müsse die Geschichte umgeschrieben werden, meint der Rechtsmediziner. „Dann haben in den letzten 90 Jahren Millionen von Menschen ein falsches Grab besucht. Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger der Weimarer Republik muss überlegen, wie sie diese Leiche beerdigt. Mein Job ist dann schon erledigt.“

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