https://www.faz.net/-gum-8orhq

Obdachloser angezündet : Nach Attacke in Berlin fahndet Polizei mit Bildern nach Tätern

  • Aktualisiert am

In der deutschen Hauptstadt ist die Stimmung nach dem Terroranschlag angespannt. Nach Heiligabend sollen Jugendliche versucht haben, auf einem U-Bahnhof einen Obdachlosen anzuzünden. Jetzt wird mit Bildern nach den Tätern gesucht.

          An einer langen grünen Holzbank auf dem Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße bleiben an den Weihnachtstagen die Blicke hängen. Hat hier in der Nacht nach Heiligabend der Obdachlose geschlafen, als Menschen versuchten, ihn anzuzünden? Wer macht so etwas? Und vor allen: warum?

          Die Kriminalpolizei fahndet seit Montagnachmittag öffentlich nach sieben Jugendlichen und jungen Männern – wegen versuchten Mordes. Ihre Gesichter sind auf den Fotos und dem Videomaterial aus einer U-Bahn gut zu erkennen. Die Gruppe junger Leute war nach der Tat in eine U-Bahn geflüchtet und davon gefahren.

          Es ist gut ausgegangen. Der Obdachlose bleibt unverletzt. Passanten helfen um zwei Uhr früh sofort und beherzt, berichtet die Polizei. Sie löschen die Flammen, die wohl bereits das Papier erfassten, mit dem sich der 37-Jährige, offenbar alkoholisierte Mann zugedeckt hatte. Ein U-Bahn-Fahrer, der den Brand sieht, kommt mit einem Feuerlöscher hinzu. Nein, er sei kein Lebensretter, heißt es schnell. Er habe zuerst an Routine gedacht, einen brennenden Papierkorb.

          Das Leben geht weiter, doch die Sinne sind geschärfter

          Ist nichts mehr Routine in dieser Stadt? Im sonst so coolen Berlin ist die Stimmung nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und mehr als 50 Verletzten angespannter als sonst. Das Leben geht weiter, doch die Sinne sind geschärfter, empfindlicher. Schon der Knall eines frühen Silvesterböllers kann da anders klingen.

          „In diesen Tagen sollten wir Nächstenliebe erwarten. Stattdessen erleben wir Menschenverachtung“, sagt Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Sonntag. „Ich bin entsetzt und danke allen, die beherzt geholfen haben. Das ist wahre Mitmenschlichkeit.“

          Beim Stichwort U-Bahn kommt noch etwas in den Sinn: Das Video, mit dem die Berliner Polizei Mitte Dezember nach einem Mann suchte, der eine junge Frau die Treppe heruntergetreten hatte. Sie brach sich einen Arm. Das Video wurde tausendfach im Netz geteilt, inzwischen ist der mutmaßliche Täter gefasst. Diesmal wurden die Bilder schneller veröffentlicht. Es ist dieselbe U-Bahnlinie, ebenfalls videoüberwacht und nur vier Stationen entfernt.

          „Solche Gewaltvorfälle häufen sich nicht“

          Fallen Hemmschwellen bei Gewalttaten? „Solche Gewaltvorfälle häufen sich nicht“, betont Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die BVG habe 2011 einen Höhepunkt mit 880 Gewalttaten gegen Menschen registriert. Seitdem seien die Zahlen stark zurückgegangen – 2015 seien es 484 Gewalttaten gewesen. „Es spricht sich herum, dass die Bahnhöfe videoüberwacht sind“, sagte Reetz.

          Der Kiez an der Grenze der Stadtteile Kreuzberg und Neukölln ist eine gemischte Gegend: Anziehungspunkt für Nachtschwärmer und zunehmend hippe Wohngegend – aber es gibt auch die Drogenprobleme und die Armut im Migrantenkiez rund um das Kottbusser Tor.

          Der Angriff auf den Obdachlosen wirft ein Schlaglicht auf das Berlin jenseits der beliebten Kultur- und Partymeilen: In der Hauptstadt haben Tausende Menschen keine Wohnung, die steigenden Mieten verschärfen dieses Problem. Je nach Quelle und Definition ist von 3000 bis 10.000 Menschen auf der Straße die Rede. Die Berliner Kältehilfe bietet in diesem Winter 700 Schlafplätze.

          „Das langsame Sterben dieser Menschen wird sonst ausgeblendet“

          In der Bahnhofsmission, die Menschen auf der Straße hilft, ist der Angriff auf den Obdachlosen ein großes Thema. Gewalt gegen Berliner Obdachlose habe nicht zugenommen, sagt Leiter Dieter Puhl. „Was passiert ist, tut mir sehr leid. Aber aus meiner Sicht häuft sich das nicht.“

          Einen brutalen Fall gab es Mitte November in Köln. Polizisten entdeckten nicht weit vom Hauptbahnhof einen sterbenden Obdachlosen mit brennender Kleidung. Die Obduktion ergab, dass der 29-Jährige Opfer einer Gewalttat war.

          In Berlin treibt Helfer noch etwas um: Die empörte Debatte im Internet nach dem Feuer im U-Bahnhof. Für manche hat sie etwas von Scheinheiligkeit. „Vermutlich schlafen in Berlin in der kommenden Nacht über 6000 obdachlose Menschen im Freien, nicht freiwillig“, schreibt Dieter Puhl auf seiner Facebook-Seite. Es sei kalt, nass und jede Nacht sei gefährlich. „Doch das tägliche langsame Sterben dieser Menschen wird sonst ausgeblendet.“

          Anmerkung der Redaktion

          Nachdem sich die Verdächtigen der Polizei gestellt haben, sind die Fahndungsbilder nicht mehr zur Veröffentlichung freigegeben. Wir haben sie deswegen depubliziert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Iran-Konflikt : Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Die Spannungen zwischen Iran und Amerika nehmen zu. Zwar betont man in Washington, man suche nicht die Konfrontation mit Teheran – dennoch verstärkt Amerika seine Truppen im Nahen Osten. Eine Ankündigung des Irans verschärft die Lage weiter.
          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.