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NS-Verbrechen : Viele Leichen, wenig Erinnerung

Der 93-jährige Bruno D. trifft am Landgericht in Hamburg ein. Bild: Reuters

Der frühere SS-Mann Bruno D. zeigt Mitleid mit den Opfern von Stutthof – und mit sich selbst.

          3 Min.

          HAMBURG, 21. Oktober. Als die Richterin immer weiter fragt, wie es war als Wache im Konzentrationslager, wie viele Leichen Bruno D. gesehen, und wer sie aus den Baracken geschleppt hat, wie die Leichen aussahen und wo sie hinkamen, wie es gerochen hat, wenn man auf dem Wachturm gleich neben dem Krematorium Dienst gehabt hat, und was er bei all dem um ihn herum gefühlt und gedacht habe, macht Bruno D. irgendwann eine lange Pause. Dann sagt er: „Es war grausam, was man gesehen hat.“ Und er sagt, er sei froh gewesen, dass er das für sich verarbeitet habe in den Jahren danach, „dass ich Ruhe hatte“. Jetzt, durch den Prozess, werde alles wieder aufgewühlt. „So habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt. Trotz allem.“ Die Richterin spricht von den Überlebenden, für die es wichtig sei, dass die Vergangenheit nicht vergessen werde. Die sich fragten, warum er das gemacht, warum er da gewacht habe. Bruno D. sagt: „Weil ich dazu gezwungen wurde, dort Dienst zu machen.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Bruno D. ist 93 Jahre alt. Er war Wachmann der SS im Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig. Er ist in Hamburg der Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen angeklagt. Zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 soll er „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt“ haben.

          Es ist der dritte Verhandlungstag in Hamburg und der erste, an dem Bruno D. ausführlich aussagt. Nach der Anklageverlesung am ersten Tag, hatte am zweiten ein Sachverständiger darüber berichtet, wie das Lager Stutthof aufgebaut war. Etwa 65 000 Menschen sollen hier getötet worden sein, von Mitte 1944 an, wurde es zum Vernichtungslager. Der Sachverständige berichtete, wie die Baracken angeordnet waren, wo die Gaskammer stand, das Krematorium und die Wachtürme. Das gehört zu den wichtigen Fragen in diesem Prozess: Was konnten die Wachmänner sehen, was konnten sie wissen. Und was hätte ein Wachmann anders machen können.

          Als der dritte Verhandlungstag beginnt, gibt Bruno D. eine Erklärung ab. Er sagt, ihn hätten die Menschen leidgetan, die er habe bewachen müssen. Es tue ihm leid, was ihnen angetan worden sei und dass er seinen Wehrdienst an so einem Ort habe ableisten müssen. Er habe keine Möglichkeit gehabt, ihnen zu helfen. Die Bilder des Schreckens hätten ihn sein Leben lang verfolgt. Als die Richterin ihn fragt, welche Bilder das denn seien, erzählt Bruno D. von den Leichen. Er sagt: „Ich habe viele Leichen gesehen.“ Vor allem in den letzten Monaten im Lager. Wenn er morgens auf einem Wachturm gestanden habe, habe er gesehen, wie andere Häftlinge die Leichen aus den Baracken gezogen und übereinander gestapelt hätten. Damals war eine Epidemie im Lager ausgebrochen, Fleckenfieber, so sollen alleine schon etwa 5000 Menschen gestorben sein. Die Leichen seien nackt und ausgemergelt gewesen. Ein Wagen sei herangeschoben und die Leichen darauf geworfen worden, berichtet Bruno D. Als der Wagen voll war, wurde er von anderen Häftlingen weitergezogen. Es seien vor allem Frauen gewesen. Warum Sie da waren, was für Gefangene es waren, will Bruno D. nicht gewusst haben. Wie er überhaupt vieles nicht gewusst, gefragt oder besprochen haben will.

          Bruno D. wirkt trotz seines hohen Alters präsent, versteht die Fragen und antwortet höflich. Doch was er sagt, klingt immer wieder zumindest erstaunlich. Er habe nichts davon gewusst, wie es im Lager zugegangen sei – als Wachmänner hätten sie es nicht betreten. Er will nicht gewusst haben, wie die Versorgung war, wie es in den Baracken aussah, er habe nie erschossene Gefangene gesehen, und einmal zwar ins Krematorium geblickt und die zwei Öfen gesehen, aber sonst nicht gewusst, was dort geschehen sei. Die Anklage geht davon aus, dass Bruno D. „teilweise bis ins Detail“ Kenntnis gehabt hat von den Vorgängen im Lager. Das klingt bei Bruno D. anders. Auch von der Judenvernichtung will er „ganz wenig oder gar nichts“ gewusst haben. Ausführlicher werden seine Antworten erst wieder, als es um die Zeit geht, bevor er als Wachmann nach Stutthof kam. Wie er versucht hat, sich einer Einberufung zu entziehen. Auch zur Hitlerjugend habe er nicht gewollt, er habe vom Marschieren nichts gehalten. Wegen eines Herzfehlers war er nicht kriegsdiensttauglich und wurde deshalb 1944 nicht an die Front, sondern in das Lager als Wachmann geschickt.

          Auch mit seinen Eltern will er nicht wirklich über all das gesprochen haben, was um sie herum passierte. Über Politik, den Krieg. Seine Eltern hätten viel gearbeitet, sie hätten keine Zeitung gehabt oder Radio. Über Adolf Hitler habe man nur gesagt, dass der viel auf den Weg gebracht habe, Leute in Arbeit, Straßen gebaut. Und dass er dann aufgerüstet hat. Ob über negative Seiten Hitlers diskutiert worden sei? Bruno D. sagt: „Nein.“ Nach gut zwei Stunden ist der Verhandlungstag vorbei. Mehr lässt seine Gesundheit nicht zu.

           

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