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Attentat in Florida : „Wir haben die Warnsignale übersehen“

  • -Aktualisiert am

Nikolas Cruz bei seiner ersten Gerichtsanhörung, begleitet von seiner Pflichtverteidigerin Melisa McNeill Bild: EPA

Nikolas Cruz gesteht vor Gericht, beim Amoklauf an seiner ehemaligen Highschool 17 Menschen ermordet zu haben. Sein Motiv bleibt aber weiterhin rätselhaft.

          Bei der Anklageerhebung wegen Mordes in 17 Fällen wirkte Nikolas Cruz eher wie ein verschüchterter Schüler denn wie ein Schwerverbrecher. Die Frage der Vorsitzenden Richterin Kim Theresa Mollica, ob ihm der Grund für den Gerichtstermin bewusst sei, beantwortete der Neunzehnjährige in dem orangefarbenen Häftlingsoverall mit einem verlegenen „Ja“. Seine Pflichtverteidigerin Melisa McNeill, die am Donnerstag bei der Videoübertragung aus dem Gefängnis des Bezirks Broward (Florida) in den Gerichtssaal neben ihm stand, hatte zuvor erklärt, Cruz wolle sich vorerst nicht äußern.

          Am Mittwoch hatte er mit einem halbautomatischen Gewehr des Typs AR-15 in der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland nördlich von Miami einen der verheerendsten Anschläge auf eine amerikanische Bildungseinrichtung verübt. Das hatte er schon kurz nach der Verhaftung am Mittwochnachmittag bei der Polizei gestanden. „Er ging mit dem Vorsatz, Schüler und Lehrer zu töten, in die Schule“, fasste die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Shari Tate den Anschlag zusammen. „Er schoss auf 17 Menschen, die später starben. Anschließend verließ er den Tatort.“

          Während Cruz’ Motiv offenblieb, versuchten Schulverwaltung und Polizei, das Massaker zu rekonstruieren. Nach den bisherigen Ermittlungen ließ Cruz sich am Mittwoch kurz vor Schulschluss gegen 14.30 Uhr von einem Fahrdienst zur Marjory Stoneman Douglas High School bringen.

          Er ging durch das Schulgebäude und schoss wahllos um sich

          „Das Schulgelände ist zu der Zeit ziemlich leicht zu betreten“, sagte der Schulrat Robert Runcie. Auf dem Flur im ersten Obergeschoss begegnete Cruz dem 15 Jahre alten Chris McKenna. Wie der Schüler der Polizei später berichtete, sah er, wie Cruz das Sturmgewehr lud. „Du solltest besser abhauen. Hier wird es gleich ungemütlich“, sagte er. Chris McKenna begann zu rennen. In den nächsten Minuten ging Cruz, der eine schusssichere Weste trug, durch das Schulgebäude und schoss wahllos um sich. Überlebende beschrieben, wie Dutzende Schüler in Klassenräumen Zuflucht suchten. Als der Erdkundelehrer Scott Beigel die Tür öffnete, um eine Gruppe von Schülern hereinzulassen, wurde er tödlich verletzt. Die Schüler, die der Fünfunddreißigjährige in das Klassenzimmer ließ, überlebten. „Ich verdanke ihm mein Leben. Er ist mein Held“, sagte die Schülerin Kelsey Friend dem Sender CNN.

          Wie lange Nikolas Cruz in den Schulfluren auf panische Jugendliche und Erwachsene schoss, blieb bislang offen. Um nach dem Massaker an den schwerbewaffneten Einsatzkräften vorbei aus dem Schulgebäude zu entkommen, warf er Gewehr und Weste fort. Wie die etwa 3000 Schüler der High School verließ auch er das von den Rauchschwaden des Sturmgewehrs durchzogene Gebäude mit erhobenen Händen.

          Da Cruz als ehemaliger Schüler der High School das weinrote T-Shirt des Ausbildungskorps für Jugendliche der amerikanischen Armee (JROTC) trug, fiel er nicht auf. Wie der Neunzehnjährige der Polizei sagte, lief er nach dem Anschlag in ein benachbartes Einkaufszentrum, kaufte sich eine Limonade und setzte sich in ein Schnellrestaurant. Auf dem Weg nach Hause fiel er schließlich einer Polizeistreife auf. Nach der Aufforderung eines Beamten, sich auf den Boden zu legen, ließ sich Cruz etwa eine Stunde nach den ersten tödlichen Salven ohne Widerstand festnehmen. Wegen Atemproblemen wurde er wenig später in ein Krankenhaus gebracht. Seit Donnerstagmorgen sitzt Cruz im Bezirksgefängnis von Broward County, wo er wegen Suizidgefahr unter Beobachtung steht. „Er ist traurig und reumütig. Er ist wie ein Kind“, sagte seine Pflichtverteidigerin McNeill.

          Beim Mittagessen verkaufte er Messer aus seiner Brotbüchse

          Die persönliche Geschichte des Neunzehnjährigen blieb derweil ein Rätsel. Angehörige seiner verstorbenen Adoptiveltern verwiesen auf psychische Störungen und eine Autismus-Diagnose. Frühere Mitschüler der Stoneman Douglas High School erinnerten sich an einen Jugendlichen, der während des Mittagessens Messer aus seiner Brotbüchse verkaufte. Als er im vergangenen Jahr den neuen Freund einer ehemaligen Freundin angriff, musste er die Schule verlassen.

          Gerüchte, der Neunzehnjährige habe sich damals der rechtsextremen Organisation „Republic of Florida“ angeschlossen, bestätigten sich aber nicht. „Wir konnten keine Verbindung zwischen der Gruppe und dem Schützen von Broward County finden“, teilte das Sheriff-Büro des Bezirks Leon, dem Sitz der „Republic of Florida“, am Donnerstag mit. Der unerwartete Tod seiner Adoptivmutter Lynda Cruz Anfang November soll die psychische Talfahrt des Neunzehnjährigen weiter beschleunigt haben. „Wir haben die Warnsignale übersehen“, gab der Landrat Michael Udine am Donnerstag zu. „Wenn ein Anschlag dieser Art in einer Stadt wie Parkland passieren kann, kann er überall passieren.“

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