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Nigerianische Bruderschaften : Die Schwarze Axt

  • -Aktualisiert am

Eine schwarze Axt, die die Ketten der Unterdrückung zerschlägt: das Logo des Neo-Black Movement Bild: Archiv

Nigerianische Studenten gründeten in den siebziger Jahren eine Bruderschaft, um gegen Unterdrückung und Rassismus zu kämpfen. Heute taucht deren Name weltweit im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften auf. Was ist passiert?

          11 Min.

          Usman dan Fodio singt gern, wenn es um das „Neo-Black Movement“ geht. Er singt von afrikanischen Freiheitskämpfern und ihren Heldentaten, er singt in die Kamera seines Handys und lädt die Videos bei Facebook hoch. Seit gut fünf Jahren ist er ein „Axeman“, wie sich die Mitglieder selbst nennen. Usman dan Fodio ist der Name, den er damals verliehen bekam, nach einem westafrikanischen Herrscher des 19. Jahrhunderts. „Das NBM hat mein Leben verändert“, sagt er. „Es hat mir Respekt und Disziplin beigebracht. Diese Werte will ich weiterverbreiten.“

          (English version of this article)

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auch Tobias Uche betreibt eine Internetseite über das „Neo-Black Movement“. Er veröffentlicht Fotos und Namen, Zeitungsartikel und interne Dokumente. Sein Gesicht würde er niemals vor einer Kamera zeigen. Sein Name ist ein Pseudonym. Und er besteht darauf, dass nicht einmal die Stadt genannt wird, in der man ihn zum Gespräch trifft. „Ich will sie entlarven“, sagt er, „der Öffentlichkeit klarmachen, was sie wirklich sind: eine sehr effektive und gefährliche Maschinerie internationaler Kriminalität.“

          Als Studenten einst das „Neo-Black Movement“ gründeten, setzten sie sich große Ziele: Sie wollten gegen die Unterdrückung und die Not schwarzer Menschen kämpfen; nicht nur in ihrer Heimat Nigeria, sondern in aller Welt. Und tatsächlich ist das NBM inzwischen auf fast allen Kontinenten aktiv. Rund 30.000 Mitglieder hat es nach Angaben der aktuellen Führung. Aus der Studentenbruderschaft ist eine Bewegung geworden, die sich für „soziale Gerechtigkeit und Gleichheit aller“ einsetzen will. Der deutsche Ableger ist als Verein eingetragen.

          Doch nicht nur Tobias Uche hat Zweifel an dieser Selbstdarstellung. Auch Polizisten und Staatsanwälte, die in den vergangenen Jahren gegen Mitglieder ermittelt haben, in Kanada, in Großbritannien und in Italien, sind überzeugt, dass die Bewegung weit abgekommen ist von ihrem ursprünglichen Weg. In seiner Heimat wird das NBM mit den „Black Axe“ in Verbindung gebracht, einem verbotenen „campus cult“, wie in Nigeria gewalttätige Banden und Geheimbünde heißen, die ihre Wurzeln an den Universitäten haben. „Die ,Black Axe‘ waren von allen die Schlimmsten“, sagt ein Absolvent, der Anfang der nuller Jahre in Ilorin in Westnigeria studiert hat. Während er selbst in einer Geologie-Vorlesung saß, erzählt er, hätten vor dem Hörsaal mehrere „Black Axe“ einen Kommilitonen verprügelt, der zu einem rivalisierenden Kult gehörte, und ihm dann mit Macheten den Kopf eingeschlagen.

          Nigeria zu Beginn der siebziger Jahre: Straße in Lagos
          Nigeria zu Beginn der siebziger Jahre: Straße in Lagos : Bild: AP

          Nigeria stand noch unter britischer Kolonialherrschaft, als Anfang der fünfziger Jahre eine Handvoll Studenten die erste Bruderschaft gründete. Sie nannten sich „Pyrates“ und wählten Wole Soyinka, den späteren Literaturnobelpreisträger, zu ihrem Kapitän. Statt die auf dem Campus üblichen Anzüge trugen sie als Zeichen für ihre Ablehnung der elitären Strukturen an der damals einzigen Hochschule des Landes weite Stoffhosen und Kopftücher. Als nach der Unabhängigkeit Nigerias neue Universitäten entstanden, wuchsen auch die Piraten schnell. Es gab Machtkämpfe, Flügel spalteten sich ab.

          Und an der Universität von Benin schlossen sich zu Beginn des Studienjahrs 1977/78 neun Studenten zusammen. Sie wollten sich gegen die Übermacht der Piraten wehren, die inzwischen nicht nur die Hochschulpolitik dominierten, sondern auch auf dem Campus oft rücksichtslos auftraten. Auch sie wollten einen schlagkräftigen Namen, so jedenfalls erzählte es später einer von ihnen. „Wikinger“ war eine Idee, doch dann entschieden sie sich in Anlehnung an deren Waffen für „The Black Axe Confraternity“: „Die Bruderschaft der Schwarzen Axt“.

          Ideologisch sahen sie sich im Panafrikanismus verwurzelt, dem Kampf gegen Apartheid in Südafrika, gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner, gegen die Armut der Schwarzen. Als Vorbild nahmen sie sich die amerikanischen „Black Panther“: militant, diszipliniert und aktionsfreudig. „Unsere Bewegung sollte die Avantgarde sein auf dem Weg zu einer neuen schwarzen Nation“, schrieb einer der Gründer. „Wir sahen uns als Führer aller schwarzen Menschen auf der ganzen Welt.“ Ihren Namen änderten sie schließlich zu „Neo-Black Movement of Africa“. Das Logo mit der schwarzen Axt, die die Ketten eines Sklaven zerschlägt, und den Spitznamen „Axemen“ behielten sie bei.

          Selbstdarstellung: offizielle Homepage des „Neo-Black Movement of Africa“
          Selbstdarstellung: offizielle Homepage des „Neo-Black Movement of Africa“ : Bild: nbmworldwide.org/Screenshot F.A.Z.

          Auch Ernest Osa Amadasu wurde einer von ihnen. Heute gehört er zur Führung des NBM, damals stand er am Anfang seines Bauingenieur-Studiums. „Was mich besonders fasziniert hat, war die Fokussierung auf Afrika, die Geschichte, den Kampf um soziale Gereichtigkeit“, sagt er. Um aufgenommen zu werden, musste er allerlei Tests über sich ergehen lassen: Fragerunden und politische Diskussionen, Froschsprünge, Liegestütze und Rangeleien. „Wir mussten unsere geistige und körperliche Stärke unter Beweis stellen.“ Als alles vorüber war, bekam er wie alle Mitglieder den Namen eines afrikanischen Helden verliehen: Mansa Musa, nach einem malischen König des 14. Jahrhunderts.

          Noch in Amadasus erstem Semester putschte sich 1983 ein Generalmajor an die Macht: Muhammadu Buhari. Er rief einen „Krieg gegen die Disziplinlosigkeit“ aus. Wie viele Studenten hoffte Amadasu, dass er die Korruption überwinden würde, die das Land lähmte. Doch Buhari konzentrierte seine Härte bald auf Kritiker und Oppositionelle. Tausende wurden eingesperrt. Proteste gegen die Einführung von Studiengebühren ließ er von Soldaten niederschlagen. Die Studenten wehrten sich, mischten in den Chemielaboren ihr eigenes Pfefferspray. Amadasu und seine „Axemen“ verfassten Kampfschriften gegen das Regime, die sie in ihrem „Black Axe“-Magazin veröffentlichten. Buhari reagierte mit einem Verbot. Durchsetzen konnte er es nie, 1985 putschte ihn schon der nächste General weg. Doch die Bruderschaften zogen sich weiter ins Geheimbündlerische zurück.

          Die Wirtschaft lag da längst am Boden. Sie war nach dem kurzen Ölboom zu Beginn der siebziger Jahre kollabiert – und mit ihr die Hoffnung einer ganzen Generation. An den Schulen und Hochschulen fehlte es am Nötigsten. Und auf den Abschluss folgte für Abertausende die Arbeitslosigkeit. Wie man es trotzdem zu Reichtum bringen konnte, lebte die Militärjunta vor: „Die Hauptaufgabe des Staates wurde es“, schreibt der britische Historiker Stephen Ellis, „Geld für die Männer an seiner Spitze anzuhäufen.“ Wie ein schleichendes Gift zog ihre Botschaft immer tiefer in die Gesellschaft ein: Der beste Weg zum Erfolg führt über Gewalt und Skrupellosigkeit.

          Die NBM-Mitglieder, die die Universitäten verlassen hatten, nannten sich „Lords“. Sie organisierten sich in regionalen Gruppen, den Zonen, wählten einen gemeinsamen Vorstand und als höchstes Organ den „Rat der Ältesten“. Dieser sollte unter anderem die Einhaltung der Verhaltensregeln überwachen. Mitglieder, die sich nicht beteiligten, die den Ruf der Bewegung etwa durch Suff oder Verbrechen gefährdeten, konnten bestraft werden. Die Sanktionen reichten von Geldbußen über körperliche Züchtigung bis hin zur „de-axetion“, dem Ausschluss.

          Die Rivalität der Bruderschaften an den Universitäten wurde unterdessen immer gewalttätiger. Da Studenten und Dozenten die lautesten Verfechter der Demokratie waren, taten die Militärs alles, um die Universitäten unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie installierten Handlanger in den Hochschulverwaltungen – und die spannten Bruderschaften für ihre Zwecke ein. Mit Privilegien, Geld und Waffen hetzten sie sie aufeinander und auf oppositionelle Studenten. Die Aufnahmerituale wurden brutaler. Erstsemester, gerade aus bessergestellten Elternhäusern, wurden mit Prügeln zum Mitmachen gezwungen. Nichtstudenten wurden aufgenommen, um die eigenen Reihen für die Kämpfe zu stärken. „Die Kults an den Universitäten wurden zu wahren Brutstätten des nigerianischen organisierten Verbrechens“, schreibt Ellis.

          Der Ältestenrat des NBM beschloss Mitte der neunziger Jahre, alle Aktivitäten an den Universitäten den Führungen der regionalen Zonen zu unterstellen. „An den Universitäten herrschte Chaos“, sagt Amadasu. „Es gab große Anstrengungen, die Kontrolle wiederherzustellen. Doch viele dort verstanden überhaupt nicht, was es wirklich bedeutet, ein Mitglied zu sein.“ Nur wer die Regeln des NBM akzeptiert habe, sagt er, sei von der Führung anerkannt worden.

          Doch all die anderen, die auch „Axemen“ geworden waren, hielt dieser Schritt nicht davon ab, einfach weiterzumachen. An der Universität von Ilorin etwa, einer der größten des Landes, fand der Konkurrenzkampf der Bruderschaften seinen blutigen Höhepunkt nach der Jahrtausendwende. Am stärksten seien diejenigen gewesen, die sich selbst „Black Axe“ und „Neo-Black Movement“ genannt hätten, sagt der ehemalige Geologie-Student, der anonym bleiben will. „Das waren Namen für ein und dasselbe: eine fürchterliche Organisation.“

          Manche seien Studenten gewesen, andere, die „Fußsoldaten“ vor allem, die auf dem Campus mit Macheten und Pistolen auftraten, hätten nur so getan. „Normale Studenten wie mich haben sie bedrängt, bedroht und wenn du dich nicht rechtzeitig vor ihnen versteckt hast, haben sie dir dein Geld, deine Armbanduhr oder sogar die Schuhe abgenommen.“ Wer einer anderen Bruderschaft angehörte, musste um sein Leben fürchten. Falsche Klamotten konnten tödlich sein: „Einmal holten sie mich aus dem Hörsaal und hielten mir eine Pistole an den Kopf. Sie verdächtigten mich, zu einer anderen Bruderschaft zu gehören, weil ich etwas Gelbes anhatte, ein Trikot der LA Lakers.“

          Tobias Uche, der Blogger, stieß vor knapp zehn Jahren auf das NBM. Er ist Experte für Finanzkriminalität, mehr will er nicht verraten, und war damals Betrügern auf der Spur. Sie hatten die alte Masche der „nigerianischen Prinzen“ weiterentwickelt, die in E-Mails um Hilfe baten und großzügige Entlohnung versprachen. Mit immer ausgefeilteren Lügengeschichten brachten sie Opfer dazu, ihnen Geld zu überweisen. Einige der Betrüger agierten von den Niederlanden aus, andere aus Großbritannien oder Spanien. Das erschwindelte Geld wuschen sie über Konten von Kontaktmännern in Japan, die wiederum Verbindungen nach Kanada und Nigeria hatten. In internen Mails, auf die Uche Zugriff bekam, nannten sie sich gegenseitig „My Lord“. Sie unterschrieben mit Namen historischer afrikanischer Persönlichkeiten und schrieben auch sonst viel, auf das er sich zunächst keinen Reim machen konnte.

          Wohltätige Bewegung? Auf seiner Homepage zeigt das NBM Fotos von Spendenaktionen.
          Wohltätige Bewegung? Auf seiner Homepage zeigt das NBM Fotos von Spendenaktionen. : Bild: nbmworldwide.org/Screenshot F.A.Z.

          Zur selben Zeit ermittelte auch die Polizei in Kanada. Ein Nigerianer hatte dort einer Witwe das Herz gebrochen und sie um 609.000 Dollar betrogen. Er hatte sich im Internet als amerikanischer General ausgegeben, der im Nahen Osten festsaß. Immer wieder bat er seine vermeintliche Online-Liebe um Unterstützung, damit er sie nur endlich besuchen könne. Mit einem falschen UN-Ausweis gab er sich als Freund des Generals aus, traf sich so selbst mit der Frau, um das Geld entgegenzunehmen. Ein Gericht in Toronto verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft. Außerdem erwartet ihn die Auslieferung in die Vereinigten Staaten, wo er vom FBI beschuldigt wird, Teil eines Geldwäsche-Rings zu sein.

          Auch das Geld aus diesen Betrügereien floss meist über Konten asiatischer Banken. Das machte es den Polizisten in vielen Fällen unmöglich, die Empfänger zu ermitteln. Und es stellte sie vor ein Rätsel: „Kriminelle vertrauen sich eigentlich nicht. Sind ja Kriminelle, und die bestehlen sich auch gegenseitig“, sagt Michael Kelly, der die Ermittlungen der Polizei in Toronto führte. „In diesem Fall aber überwiesen sie Hunderttausende, ohne dass sie besorgt schienen, dass die Kriminellen am anderen Ende der Welt das Geld für sich behalten könnten. Woher kam dieses Vertrauen?“

          Wie Uche brauchten auch die kanadischen Polizisten einige Zeit, bis sie herausfanden, was viele der Verdächtigen verband: Sie waren „Axemen“. Der falsche General war Schatzmeister des NBM in Kanada, das dort offiziell als Non-Profit-Organisation registriert war. Und als sich die Ermittler die „Canada Zone“ näher anschauten, stießen sie auf weitere Betrugsmaschen, eine Entführung und Bar-Schlägereien. „Ich wüsste keine andere Organisation“, sagt Kelly, „in der die Korrelation zwischen Mitgliedschaft und krimineller Aktivität so hoch ist.“

          Als der Hotelier Augustus Bemigho-Eyeoyibo 2012 zum „National Head“ gewählt wurde, zum obersten Führer des NBM, hielt er eine selbstkritische Rede: Die ursprünglichen Werte hätten gelitten. „Banditentum, Rücksichtslosigkeit und Hass haben übernommen“, sagte er laut Protokoll, das unter Mitgliedern verbreitet wurde. „Das ist nicht das Bild, das wir von der Bewegung erwarten, zu der wir gehören und deren Ideale wir zu verteidigen geschworen haben.“

          Beschlagnahmt: Mütze mit NBM-Logo, von der italienischen Polizei bei Drogendealern gefunden
          Beschlagnahmt: Mütze mit NBM-Logo, von der italienischen Polizei bei Drogendealern gefunden : Bild: Polizia di Stato

          Im August wurden in London drei Geschwister von Bemighos Ehefrau wegen Geldwäsche verurteilt. Die Ermittler sind überzeugt: Drahtzieher war der frühere NBM-Chef selbst. Von Nigeria aus habe Bemigho alles koordiniert, sagt der Polizist, der drei Jahre an dem Fall arbeitete. So habe er seine Schwägerinnen etwa angewiesen, mit schmutzigem Geld Fitnessgeräte zu kaufen und an sein Hotel bei Lagos verschiffen zu lassen. Und auch E-Mails, die Tobias Uche vorlegt und die offenbar aus Bemighos Account stammen, legen nahe, dass er in großem Maßstab an Betrug beteiligt war. Sie enthalten Excel-Tabellen mit Tausenden Post- und E-Mail-Adressen, offensichtlich falsche Ausweisdokumente und Schriftverkehr mit Opfern von Jacksonville in Florida bis Wendelstein in Mittelfranken. Auf Bitten um eine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen reagierte Bemigho nicht.

          Nachfolger an der Spitze des NBM ist seit 2016 Felix Kupa, ein Ingenieur, tätig im Ölgeschäft. Er schreibt auf eine Interviewanfrage per Whatsapp: „Wenn in einer Kirche eine oder zwei Personen vom bösen Geist besessen sind, bedeutet das nicht, dass die gesamte Gemeinde des Teufels ist.“ Und als Postskriptum schiebt er nach, was die Führung wie ein Mantra wiederholt: „,Black Axe‘ und ,Neo-Black Movement‘ haben nichts miteinander zu tun.“

          Zu einem ganz anderen Urteil kam 2018 eine Richterin in Palermo. Sie verurteilte 14 Straßendealer, die den Rauschgifthandel im Altstadtviertel Ballarò kontrolliert hatten und auch in die Ausbeutung von Zwangsprostituierten aus Nigeria verwickelt waren. Strafverschärfend wertete die Richterin, dass die Angeklagten „Axemen“ waren. Auf Grundlage der Aussagen von drei Kronzeugen kam sie zu dem Schluss, dass „Black Axe“ und „Neo-Black Movement“ ein und dasselbe seien – und zwar eine kriminelle Vereinigung „nach Art der Mafia“.

          Nicht nur in der italienischen Öffentlichkeit ist seither schnell von „der nigerianischen Mafia“ die Rede, wann immer es um Verdächtige mit entsprechender Herkunft geht. Dabei trifft der Begriff nicht wirklich zu, denn klar definierte Zugehörigkeiten und straffe Hierarchien wie bei Cosa Nostra oder ’ndrangheta sind für das nigerianische organisierte Verbrechen untypisch. Einzelne Kriminelle oder Zellen, die mit den Millionen Nigerianern, die seit den achtziger Jahren ihre Heimat verlassen haben, in aller Welt verteilt sind, arbeiten in losen Netzwerken zusammen, mal für eine Tat, mal für ein paar Jahre. Was sie auch auf die Ferne verbindet, sind Bekanntschaften, die gemeinsame Ethnie. Oder eben der Treueschwur auf eine Bruderschaft. „Eine Organisation wie das NBM ist perfekt für Kriminelle“, sagt Uche. „Die Einzelnen sind durch sie wesentlich weniger lose verbunden. Und können viel effektiver arbeiten.“

          Ein Opfer von Zwangsprostitution in Benin Stadt: Auch im Menschenhandel sind Netzwerke der nigerianischen Organisierten Kriminalität aktiv.
          Ein Opfer von Zwangsprostitution in Benin Stadt: Auch im Menschenhandel sind Netzwerke der nigerianischen Organisierten Kriminalität aktiv. : Bild: Reuters

          Die Rauschgifthändler in Palermo traten als geschlossene und gewalttätige Gruppe auf. Einer war eigens zurück nach Nigeria gereist, um ein „Axeman“ zu werden und so an einem besseren, umkämpften Platz Rauschgift verkaufen zu können. Die Namen „Black Axe“ und „Neo-Black Movement“ nutzten die Männer in ihren Chats synonym. Sie nahmen an Treffen der offiziellen NBM-Zone Italien teil und zahlten Mitgliedsbeiträge. Einer der Kronzeugen berichtete von einem okkulten Aufnahmeritual in Verona, bei dem Neulinge brutal gedemütigt und geschlagen wurden. Aber er sagte auch: „Rauschgifthandel und Prostitution sind die persönlichen Aktivitäten jedes Einzelnen. Es gibt genauso ,Black Axe‘, die nichts Kriminelles tun.“

          Die italienische Staatsanwaltschaft klagte trotzdem weitere NBM-Mitglieder an, unter ihnen auch Osahenagharu Uwagboe, genannt Sixco. Er lebte bei Verona und arbeitete als Automechaniker. Es gab keinerlei Hinweise, dass er mit den Straftaten in Palermo direkt zu tun hatte oder davon wusste. Der einzige Vorwurf gegen ihn: Er war für ein paar Jahre Chef der NBM-Zone Italien – und damit in der Argumentation der Staatsanwaltschaft eben ein Mafiaboss. Nach einem langen Prozess widersprach das Gericht der Anklage. Anfang November kam Sixco frei. Fast drei Jahre lang hatte er in einem Hochsicherheitsgefängnis gesessen.

          „Das Urteil bestätigt unsere Feststellung, dass wir eine gemeinnützige Organisation sind, die zum Ziel hat, das Beste für die Menschheit anzustreben“, sagt Macjean Omuvwie. Er arbeitet als Systemadministrator in Berlin und ist Präsident der NBM-Region Europa. Insgesamt vertritt er zwölf Zonen, darunter auch Deutschland. „In Italien kannte ich nur Sixco. Ich weiß nicht, ob die anderen wirklich Mitglieder waren, aber ich kann es mir nicht vorstellen“, sagt er. „Manche von ihnen konnten nicht einmal ihren Namen schreiben. Da können sie doch unmöglich zu einer intellektuellen Organisation gehören!“

          Viel zu lange, sagt Omuvwie, habe die Führung des NBM keine Kontrolle mehr darüber gehabt, wer Mitglied wurde, wer Mitglied war. Inzwischen arbeite eine IT-Firma in Nigeria daran, eine Datenbank zu erstellen. Darin sollen die Namen aller „Axemen“ erfasst werden, dazu ein biometrisches Foto, Jahr und Ort der Aufnahme und die Zone, in der sie aktiv sind. „Das wird uns helfen“, sagt Omuvwie, „alle auszumerzen, die nicht dazugehören.“ Die Verurteilten in Italien und Kanada sind schon ausgeschlossen.

          Doch das unschuldige Selbstporträt des NBM ist genauso falsch wie das Gemälde einer weltumspannenden Mafia, das Medien und immer wieder auch Ermittler präsentieren: Den „Neo-Black Movement Germany e.V.“, sagt ein Beamte eines Landeskriminalamts, der sich seit vielen Jahren mit nigerianischer Kriminalität beschäftigt, habe man sich angeschaut, aber nichts Nennenswertes gefunden. „Es gibt die weißen Schafe“, sagt der Geologie-Absolvent aus Ilorin. Jahre nach seinem Abschluss sei er auf einer Feier in Berlin zufällig wieder auf „Axemen“ gestoßen – „friedfertige und herzliche Gentlemen“. „Das ändert aber nichts daran“, sagt er, „dass im Namen des ,Neo-Black Movement‘ so viele Verbrechen begangen worden sind.“

          Auch Tobias Uche, der wegen seines Blogs schon Hunderte Todesdrohungen bekommen hat, hält die Transparenzoffensive der Führung für Weißwascherei. Zwar gebe es Saubermänner, die alte Ideale hochhielten, letztlich profitierten aber auch davon die kriminellen Mitglieder, die das Netzwerk für ihre Aktivitäten nutzten. Screenshots aus internen Foren, die Uche gemacht hat, legen nahe, dass das NBM den skrupellosen „Black Axe“-Banden in Nigeria noch immer viel näher steht, als es öffentlich zugibt. In den Diskussionen werden die Gewalt und die Morde zwar überwiegend verurteilt. So kritisiert einer der „Lords“ die „bittere Wahrheit, dass wir nun seit Jahren ununterbrochen in Kämpfe verwickelt sind“. Wir – die Zugehörigkeit der Täter stellt er intern nicht in Frage.

          Und umgekehrt sehen viele derjenigen, die in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten „Axemen“ geworden sind, gar keine Notwendigkeit, sich der Kontrolle der aktuellen Führung zu unterwerfen, ob sie selbst nun kriminell sind oder nicht. Selbst Usman dan Fodio, der in seinen Videos das NBM besingt und die Ideen der Gründungsväter beschwört, ist in keiner Zone registriert. „Das brauche ich nicht“, sagt er. Dass ein NBM-Sprecher seine Facebook-Seite in einem Kommentar als „Fake“ bezeichnet, ficht ihn nicht an. Am 7. Juli, der Legende nach der Gründungstag, trifft er sich mit befreundeten „Axemen“ im Park. Sie heften sich das Logo mit der schwarzen Axt an. Sie trinken Bier, singen und feiern – ihr „Neo-Black Movement“.

          Die Recherche wurde unterstützt von „The Money Trail Project“ (www.money-trail.org).
          Die Recherche wurde unterstützt von „The Money Trail Project“ (www.money-trail.org). : Bild: journalismfund.eu

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