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Patienten-Mörder Niels H. : Eine unfassbare Mordserie

Niels H. im Dezember 2014 vor Gericht Bild: Reuters

Wegen sechs Morden ist Pfleger Niels H. bereits verurteilt, doch insgesamt soll er 90 Patienten getötet haben. Wie konnte all das unter den Augen verschiedener Klinikleitungen geschehen?

          6 Min.

          Personen, denen in nächster Zeit ein Klinikaufenthalt bevorsteht, sollten von einer eingehenderen Beschäftigung mit dem Fall Niels H. womöglich besser absehen. Inzwischen herrscht nämlich Gewissheit darüber, dass sich die größte Mordserie der Nachkriegsgeschichte nicht im Zwielicht verrufener Hinterhöfe oder im Unterholz eines deutschen Mittelgebirges ereignet hat, sondern in den neonhell erleuchteten Räumlichkeiten der Intensivpflege eines Krankenhauses. Ebenso eindeutig belegt ist zudem, dass der „Todespfleger von Delmenhorst“ seine Patienten über Jahre ermorden konnte, obwohl seinen Kollegen, aber auch den Ärzten sowie den Klinikverwaltungen eine Fülle von Verdachtsmomenten gegen den jungen Mann vorlagen. Dennoch ließen sie den Serientäter über Jahre gewähren.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          „Ich scheue mich, hier von einem ‚Fall’ zu sprechen – das ist eine Situation, die einfach unfassbar ist“, erklärt Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme am Montag bei der Vorstellung der Ermittlungsergebnisse, welche die „Soko Kardio“ zu Niels H. zusammengetragen hat. Wenn die Sonderkommission Ende August ihre Arbeit beendet, liegen fast drei Jahre mühsamster Kleinarbeit hinter den Beamten: 500 Patientenakten wurden ausgewertet, 332 Strafverfahren wegen Mordverdachts eingeleitet, mehr als 300 Gutachten in Auftrag gegeben sowie 134 Exhumierungen auf 67 norddeutschen Friedhöfen. Allein für die Ausgrabungen fielen bei der Polizei 10.000 Einsatzstunden an.

          Das alles soll gegen Ende dieses Jahres oder zu Beginn des kommenden Jahres in eine abermalige Anklage gegen Niels H. münden. Polizei und Staatsanwaltschaft sind sich aufgrund ihrer neuen Erkenntnisse sicher, dem 40 Jahre alten Krankenpfleger, der bereits wegen sechs Todesfällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden ist, weitere 84 Taten nachweisen zu können. „Diese Zahlen sind einmalig in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik“, sagte Kriminaloberrat Arne Schmidt.

          Es herrscht ein größeres Dunkelfeld im Fall

          Der Leiter der Soko Kardio musste am Montag aber auch eingestehen, dass es sich bei diesen insgesamt 90 Taten nur um das „Hellfeld“ handelt. „Darüber hinaus gibt es noch ein großes Dunkelfeld.“ Vermutlich sehe man auch weiterhin nur „die Spitze des Eisbergs“, erklärte Schmidt. Denn jene Taten von Niels H., in denen die Opfer anschließend feuerbestattet wurden, lassen sich kaum mehr nachweisen. Die schon seit mehreren Jahren kursierende Vermutung, Niels H. habe letztlich mehr als 200 Menschen ermordet, scheint also nach wie vor realistisch.

          In solche Dimensionen stößt man vor, wenn man die stark gestiegenen Zahlen der Sterbefälle auf den Stationen, auf denen Niels H. gearbeitet hat, als Maßstab heranzieht. „Natürlich kann man die Mathematik bemühen“, sagte Kriminaloberrat Schmidt dazu; als Polizist allerdings müsse er sich auf gerichtsfeste Beweise stützen.

          Das Muster, nach dem Niels H. bei seinen Taten vorging, ist bereits aus den beiden zurückliegenden Strafprozessen gegen ihn bekannt. Der Pfleger versetzte seine Patienten, die er nur noch als „vergammelte Hülle“ wahrgenommen haben will, durch Verabreichung von Medikamenten in einen akut lebensbedrohlichen Zustand, um sich bei der darauffolgenden Reanimation als Retter aufspielen zu können. Seine Kollegen verpassten ihm darum den Spitznamen „Rettungsrambo“. Niels H. gelang es auch häufig, seine Opfer wieder ins Leben zurückzuholen. In ähnlich vielen Fällen war der Patient jedoch am Ende tot. Den alkohol- und tablettenabhängigen Niels H. berührte das Leid seiner wehrlosen Opfer und von deren Angehörigen kaum. Er machte einfach weiter. Immer weiter, ohne Ende.

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