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Patienten-Mörder Niels H. : Eine unfassbare Mordserie

Lage des Angeklagten kann sich nicht mehr verschlechtern

Neben den sechs Todesfällen in Delmenhorst, für die Niels H. bereits zur Rechenschaft gezogen wurde, hat die „Soko Kardio“ dort nun Hinweise auf 48 weitere mutmaßliche Morde gefunden. Schon länger bekannt ist, dass die Vorgesetzten von Niels H. auch in Delmenhorst trotz eindeutiger Hinweise untätig blieben.

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Als „sinnbildlich für das Versagen der Verantwortlichen“ bezeichnete Kriminaloberrat Schmidt den womöglich letzten Mord durch Niels H. Am 22. Juni 2005 war er von einer Kollegin auf frischer Tat ertappt worden. Sie traf ihn bei einem Patienten an, dessen Diffusor Niels H. auf Null gestellt hatte und dessen Überwachungsmonitor er abgeschaltet hatte. Im Abwurfbehälter fanden sich zudem vier leere Ampullen des eigentlich nur höchst selten erforderlichen Gilurytmal. Eine erdrückende Beweislast, über die auch die Krankenhausleitung informiert wurde. Doch anstatt die Polizei einzuschalten, stellte man dort eigene Untersuchungen an und beließ Niels H. weiter im Dienst. Zwei Tage später gegen Mittag trafen dann die Ergebnisse aus dem Labor ein, welche die Verabreichung von Gilurytmal eindeutig belegten. Um 15Uhr trafen sich Ärzte und Pfleger, um die neue Lage zu besprechen. Man einigte sich jedoch darauf, zunächst nichts zu tun, weil Niels H. am nächsten Tag seinen Urlaub antrat. Zuvor hatte Niels H. jedoch noch einen Spätdienst. Am Abend kam er in die Klinik. Um 19 Uhr war die nächste Patientin tot.

Die Lage von Niels H. kann sich durch die neuen Ermittlungsergebnisse und wohl auch durch den nun anstehenden weiteren Strafprozess nicht mehr gravierend verschlechtern. Das Landgericht Oldenburg hat bei ihm bereits in seinem Urteil vom Februar 2015 eine „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt, die einer Entlassung aus der lebenslangen Haft nach bereits 15 Jahren entgegensteht.

Staatsanwalt versäumte Ermittlung

Bisher noch gar nicht zur Verantwortung gezogen wurden indes die Klinikleitungen. Mit Blick auf die Morde in Delmenhorst gibt es zwar bereits eine Anklagen gegen sechs Mitarbeiter wegen Totschlags durch Unterlassen. Das zuständige Gericht hat davon allerdings nur drei Anklageschriften zugelassen. Die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde gegen diese Entscheidungen eingelegt. Wann die Verantwortlichen aus Oldenburg angeklagt werden, ist derzeit noch nicht absehbar.

Bereits abgeschlossen ist hingegen der Fall jenes Staatsanwalt, der es trotz eindringlicher Hinweise von Polizeibeamten und Richtern über Jahre hinweg versäumt hatte, Ermittlungen gegen Niels H. in die Wege zu leiten. Die Anklage gegen ihn wurde vom zuständigen Gericht, bei dem der Mann inzwischen selbst als Richter beschäftigt ist, nicht zugelassen. Das Oberlandesgericht bestätigte diese Entscheidung.

Die Oldenburger Kriminalisten äußerten am Montag zumindest die Hoffnung, „dass sich eine solche Tragödie im deutschen Gesundheitswesen nicht wiederholen wird“. Auch wenn in diesem Fall mehrere Ebenen versagt hätten, sei Niels H. „ein Einzelfall und wird es immer bleiben“.

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