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Patienten-Mörder Niels H. : Eine unfassbare Mordserie

Das sträfliche Versagen der Klinik wird offenkundig

Der erste Fall, den die Ermittler Niels H. auch nachweisen können, ereignete sich im Februar 2000 im Klinikum Oldenburg. Der 23 Jahre alte lebenslustige Pfleger war acht Monate zuvor vom St.-Willehad-Hospital in seiner Heimatstadt Wilhelmshaven gekommen. Niels H. hat den Ermittlern selbst erzählt, dass er mit der Verabreichung gefährlicher Medikamente jedoch schon kurz nach seinem Wechsel begonnen habe. Ende des Jahres 2000 kommt es dann zu einer „sehr deutlichen Verdichtung“ der Taten. Niels H. greift immer öfter in den Medikamentenschrank, um das Herz von Patienten zum Stehen zu bringen. Er benutzt dafür unterschiedliche Präparate: Gilurytmal, Sotalex, Lidocain, Cordarex, aber auch Kaliumchlorid. Im zurückliegenden Prozess hatte Niels H. noch bestritten, bereits in seiner Oldenburger Zeit gemordet zu haben und außer Gilurytmal noch andere Mittel verwendet zu haben. Inzwischen geht die Polizei davon aus, dass Niels H. bereits in seiner Oldenburger Zeit zwischen 1999 bis 2002 „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ 36 Todesfälle anzulasten sind.

In noch grellerem Licht als bislang erscheint auch das sträfliche Versagen der Klinikums Oldenburgs. Die Häufung der Todesfälle auf der Station von Niels H. war schon bald derart auffällig, dass man dort eine Statistik darüber führte, welche Pfleger bei wie vielen Todesfällen Dienst schoben. Dieses Zahlenwerk, das den Zusammenhang zwischen Todesfällen und der Anwesenheit von Niels H. eindeutig vor Augen führte, wurde auch der Geschäftsführung vorgelegt.

Man ließ den „Todespfleger“ gewähren

Im August 2001 gab es dann eine Besprechung des Personals, bei der Niels H. laut eigener Aussage den Eindruck gewann, dass man ihm „auf die Schliche“ gekommen sei. Er meldete sich daher für drei Wochen krank. In diesem Zeitraum verstarben auf der Station lediglich zwei Patienten. Als Niels H. wieder zurückgekehrt war, mussten prompt in einer einzigen Nacht 14 Reanimationen an fünf Patienten durchgeführt werden, die auch allesamt verstarben. Obwohl „das Erinnerungsvermögen der Zeugen aus Oldenburg sonst nicht sonderlich gut ausgeprägt“ sei, hätten sich die damaligen Kollegen von Niels H. an die Häufung von Reanimationen bis heute erinnert, berichtet Soko-Chef Schmidt.

Die Klinik ließ den „Todespfleger“ dennoch gewähren. Im Dezember 2001 wechselte Niels H. in die Anästhesie, wo der Stationsleiter immerhin dafür sorge, dass er keinen Patientenkontakt haben durfte. Todesfälle aus dieser Zeit sind nicht nachweisbar, obwohl Zeugen sich auch hier an auffallend viele Reanimationen erinnern. Im September 2002 entschied sich die Geschäftsführung dann für eine Trennung von Niels H. und band dabei auch den Betriebsrat ein. Niels H. bekam ein tadelloses Arbeitszeugnis ausgehändigt. Ein Zeugnis ohne irgendeinen Hinweis auf Auffälligkeiten und ohne jede Warnung an den künftigen Arbeitgeber.

Einige Wochen später, am 15. Dezember 2002, trat Niels H. seine neue Stelle im städtischen Krankenhaus in Delmenhorst an. Den ersten nachweisbaren Mord beging er schon sieben Tage später.

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