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Serienmörder aus dem Taunus : Hinter der Fassade

Das ist die wohl überraschendste Wendung – und gleichzeitig auch das größte Rätsel, vor dem die Beamten stehen. Denn der 13 Jahre alte Schüler, der am 26. März 1998 in einem Tunnel des Liederbachs in Frankfurt-Höchst gefunden worden war und dessen brutale Ermordung bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, passt nicht ins Schema. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass der gleiche Täter immer wieder Frauen tötet und plötzlich einen Jungen“, sagt Forensikerin Dudeck.

Auch Mordermittler Frank Herrmann sieht diesen offenbaren Widerspruch bezüglich Alter und Geschlecht. Doch die Vorgehensweise und die Art der Verletzungen ähnelten denen der anderen Opfer fast bis ins Detail. Der Täter hatte Tristan geschlagen und gewürgt und ihm dann mit einem Messer die Kehle durchtrennt. Anschließend setzte der Mörder einen tiefen Schnitt oberhalb des Schambeins, entnahm beide Hoden und schnitt aus Oberschenkel und Gesäß große Teile Muskelfleisch heraus.

Einen Menschen aus Körperteilen zusammenbauen?

Und noch etwas ließ die Beamten aufhorchen: Sowohl bei Tristan Brübach als auch bei Gisela Singh hatte der Täter die Schuhe seiner Opfer auf besondere Weise drapiert. Einmal auf dem Rücken der Leiche, einmal neben dem Kopf. Das sei nur ein Indiz, heißt es in der „AG Alaska“. „Aber eines, das man nicht ignorieren kann. Damit wollte der Mörder etwas ausdrücken.“

Grausam ermordet: Auch im Fall Tristan wird wieder ermittelt
Grausam ermordet: Auch im Fall Tristan wird wieder ermittelt : Bild: Marcus Kaufhold

Einige der Organe, die bei den Frauen und bei Tristan entfernt wurden, fehlen bis heute. Mordermittler Herrmann sagt, es sei auffällig, dass an allen Leichen der mutmaßlichen Mordserie nie zweimal die gleichen Teile entwendet wurden. „Es war mal ein linker Arm, mal ein rechter Arm, mal ein linkes Bein, mal ein rechtes Bein. Mal Kopf. Mal Torso. Wenn man das zusammenrechnet, könnte man sich tatsächlich einen neuen Körper herstellen.“

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mörder die Körperteile möglicherweise als Trophäen mitgenommen habe. „Es handelt sich wahrscheinlich um einen Fetisch des Täters: Er kann seine Lust nur ausleben, indem er sich die Körperteile des Opfers aneignet“, erklärt Forensikerin Dudeck. „Nähe und Wärme, wie wir sie auch in normalen sexuellen Kontakten erfahren, können Menschen mit einem derartigen Fetisch nur über tote Gegenstände ausleben – und das können eben auch abgetrennte Körperteile sein.“

Pause wegen Familienplanung

Auch wenn die Ermittler inzwischen eine vage Vorstellung davon haben, wen Manfred S. mutmaßlich getötet hat, so liegt dennoch vieles im Dunkeln. Zum Beispiel gehe man zurzeit noch der Frage nach, warum zwischen den ersten bekannten Morden 1971 und den nächsten ab dem Jahr 1991 eine so lange Pause gelegen hat, so Herrmann. Dass die Fälle aber zusammenhängen, darin sind die Polizisten sich einig.

Sieht man sich die Biographie von Manfred S. an, so stand in diesen Jahren vielleicht schlicht anderes im Vordergrund. Er heiratete, gründete eine Familie, bezog das Haus in Schwalbach und trat dem dortigen Jazzorchester bei. Er soll in dieser Zeit sogar sein Abitur nachgeholt und studiert haben. Kurzum: Er baute sich eine unauffällige, beinahe spießige Existenz auf. Die Fassade eines Kleinbürgers, an die man in Schwalbach am Taunus gern weiterhin glauben würde.

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