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Freiburger Mordfall Maria L. : Das alles passt nicht zu unserem Freiburg

Viel Engagement, Anteilnahme - und eine Hasslawine bisher ungekannten Ausmaßes: Blumen und Botschaften am Tatort in Freiburg. Bild: Getty

Im Mordfall Maria L. gibt es mehr Details – aber auch neue Fragen. Was ging schief bei der Betreuung des Täters? Seine Facebook-Kommentare zeugen von Depressivität.

          Maria L. hätte in der Nacht vom 16. Oktober noch zehn Minuten radeln müssen, dann hätte sie ihr WG-Zimmer in der Thomas-Morus-Burse erreicht. Doch gegen drei Uhr in der Nacht traf sie auf Hussein K. Die junge Frau kam in dem gerade frisch weinrot gestrichenen und renovierten katholischen Studentenwohnheim nicht mehr an. Ihr Name steht noch am Klingelbrett. Hussein K., ein minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan, soll sie aufgehalten und vergewaltigt haben; wie sie gestorben ist, muss noch ermittelt werden. Dass K. der Täter ist, gilt als sicher; am Opfer wurden eindeutige DNA-Spuren gefunden. Der Fall wäre eine Meldung in der „Badischen Zeitung“ geblieben, wenn ein Franzose aus dem Elsass oder ein Tourist aus der Schweiz die schreckliche Tat verübt hätte. Weil die zum Teil archaischen Vorstellungen von Sexualität und ein patriarchalisches Frauenbild vieler Flüchtlinge aber immer wieder für Diskussionen sorgen, ist der Fall einer für die Talk-Shows der Republik geworden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Hussein K. ist am Freitag vergangener Woche verhaftet worden. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft stecken noch mitten in den Ermittlungen, viele Fragen – ermittlungstechnische wie politische – sind unbeantwortet. Bekannt ist mittlerweile, dass Hussein K. 2015 nach Freiburg kam wie so viele als minderjährig eingestufte Flüchtlinge, deren Alter sich häufig nicht zweifelsfrei feststellen lässt. Freiburg ist der erste Bahnhof nach der deutsch-schweizerischen Grenze, viele minderjährige Flüchtling werden im Zug oder am Bahnhof von der Bundespolizei aufgegriffen.

          Geboren wurde Hussein in Afghanistan, er gehört zur Volksgruppe der Hazara, einer überwiegend schiitischen und Persisch sprechenden Minderheit. Über seinen Facebook-Account kommunizierte er mit gleichaltrigen afghanischen Freunden, er war Mitglied der Gruppe „Süße afghanische Mädels“. Es gibt auch ein Bild, auf dem sich ein Wolf über eine schöne Frau beugt. Einer seiner Facebook-Freunde teilte ein Bild einer verschleierten Frau, die über sich sagt: „Meine Schönheit ist nur für meinen Mann.“

          Facebook-Kommentare zeugen von Depressivität und Verzweiflung

          Fröhliche Selfies hat Hussein nicht gepostet. Aus den zahlreichen verschiedenen Selbstporträts lässt sich schließen, dass ihm sein Äußeres wichtig war, denn er hat es ständig radikal verändert. Fast alle Kommentare sind düster, zeugen von Depressivität und Verzweiflung. Am 25. April schrieb Hussein: „Lieber Gott, meine Hand reicht zu Deinem Himmel, aber Deine Hand nicht zur Erde, also heb mich hoch.“ Am 5. Oktober heißt es: „Gott, mein Leben ist orientierungslos, bring mich zurück an den Tag, an dem ich geboren bin.“

          Auch ein düsteres Tattoo postete er, unter einem Adler steht auf Persisch: „Was uns passiert ist, war unser Schicksal. Alles, was uns im Kopf herumgegangen ist, zeigt, dass wir nicht achtsam gelebt haben. Als wir nachdenken wollten, war es zu spät, und auf unserer Haustür stand: Der ist gestorben.“

          Nach Auskunft seiner Lehrer war der junge Flüchtling kein schlechter Schüler. Unklar ist noch, womit er sich in seiner Freizeit beschäftigt hat. Angeblich soll er sich nachts mit afghanischen Jugendcliquen im Freiburger Colombi-Park herumgetrieben haben; die eigentlich sehr schöne Parkanlage in der Innenstadt ist seit Jahren das Revier von Drogenabhängigen, alkoholisierten Jugendlichen, Gewalttätern und Obdachlosen. Hussein soll wenig zu Hause bei seinen Pflegeeltern und oft betrunken und bekifft gewesen sein.

          „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (UMA) werden meistens in Wohngruppen untergebracht, die wiederum von Jugendhilfeträgern unterhalten werden. Für Hussein war das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald zuständig, der Landkreis betreut derzeit 181 UMA; zehn sind bei Familien im Landkreis untergebracht, nur drei bei Familien in der Stadt. Hussein nahm ein afghanischer Akademiker auf, der mit seiner Frau im Osten Freiburgs wohnt, nicht weit von Marias Studentenwohnheim.

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