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Freiburger Mordfall Maria L. : Das alles passt nicht zu unserem Freiburg

An den Tatort an der Dreisam kommen noch täglich viele Freiburger, die trauern und fassungslos über das Verbrechen sind. Die meisten Freiburger kennen die Stelle gut, weil sie als SC-Fans häufig im nahen Stadion waren, im Sommer in der Dreisam gebadet oder auf der Uferwiese gegrillt haben. Ein rational planender Täter würde sich einen so gut einsehbaren Platz auch in der Nacht für einen Überfall auf eine Frau eher nicht aussuchen; erst am Freitag suchten Polizisten den Tatort noch einmal mehrere Stunden lang nach Spuren ab.

Ein 51 Jahre alter E-Bike-Fahrer hat sich als Zeuge gemeldet, der ein weißes Fahrrad beobachtet haben will; es könnte das der Medizinstudentin gewesen sein. Der Mann berichtet auch, von einer schnellen Radfahrerin überholt worden zu sein; diese mutmaßliche Zeugin hat mit der Sonderkommission „Dreisam“ noch keinen Kontakt aufgenommen.

Sicher ist, dass Hussein K. am 16. Oktober um 1.57 Uhr in der Innenstadt, am Bertoldsbrunnen, in die Straßenbahnlinie einstieg. Etwa 15 Minuten später stieg er an der Endhaltestelle Lassbergstraße aus. Zehn Minuten braucht man zum Tatort am Fluss, wenn man von der Endhaltestelle vorbei an modernen Wohnblocks mit Glasfassaden sowie am Schwarzwaldstadion zu der Fußgängerbrücke geht, die von den Gästen der Jugendherberge viel benutzt wird. Zwischen dem Aussteigen aus der Straßenbahn und der Tat liegt ein Zeitraum von vierzig Minuten – bislang weiß die Polizei nicht, was Hussein in dieser Zeit in der Oktobernacht dort getan hat. „Auf der Mediziner-Party war der Täter nicht, es gibt auch keinerlei Hinweise auf weitere Tatbeteiligte“, sagt Laura Riske, die Sprecherin der Freiburger Polizei.

Staatsanwaltschaft wird das Alter des Verdächtigen prüfen

Die genauen Umstände des Todes von Maria L. müssen auch noch aufgeklärt werden: Ist sie bewusstlos in die an dieser Stelle recht flache Dreisam gefallen, oder hat Hussein K. sie ertränkt? „Wir haben mit dem mutmaßlichen Täter gesprochen“, sagt Riske. „Aber zu den Tatvorwürfen äußert er sich im Moment auf Anraten seines Anwalts nicht.“ Die Staatsanwaltschaft wird in jedem Fall das Alter des Verdächtigen prüfen. Viele Flüchtlinge reisen mit einer falschen Altersangabe ein, weil sie vom besonderen Schutz der Jugendhilfe wissen und davon profitieren wollen. Von Husseins tatsächlichem Alter wird abhängen, ob das Strafverfahren an der Jugendkammer oder vor einer normalen Strafkammer geführt wird.

Sollte er zwischen 18 und 21 Jahre alt sein, liegt es im Ermessen der Jugendkammer, zu entscheiden, ob sie Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht anwenden will. „Es besteht der dringende Tatverdacht wegen Vergewaltigung und wegen Mordes“, so die Staatsanwaltschaft. „Ein medizinisches Gutachten über das Alter des Verdächtigen werden wir in Auftrag geben; ob wir zusätzlich während der Ermittlungen auch ein psychiatrisches Gutachten einholen, wird zu beraten sein.“

Am Tatort haben Trauernde Blumen mit Polizeiabsperrband an einem Baumstamm befestigt. „Das alles passt nicht zu unserem Freiburg“, lautet der letzte Satz eines längeren Textes, umrahmt von einem Herz. Die meisten Freiburger lassen sich durch die Tat von ihrem Engagement für Flüchtlinge nicht abbringen. „Die ungeahnte politische Instrumentalisierung des Verbrechens und der Herkunft des mutmaßlichen Täters“, heißt es etwa in einer Erklärung von Erzdiözese, Maria L.s Wohnheim und katholischer Hochschulgemeinde, lehne man „in Andenken an Maria grundsätzlich und entschieden ab“.

Die Stimmung ist aber fragiler geworden in der liberalen südbadischen Stadt. Dramatisch wäre es wohl, wenn im Fall von Carolin G., die wenige Wochen nach Maria L. im Kaiserstuhlort Endingen ermordet wurde, auch ein Flüchtling verhaftet würde.

Anmerkung der Redaktion

In einer ersten Version des Textes hieß es wegen eines Missverständnisses mit dem Landratsamt, für die Betreuung eines minderjährigen Flüchtlings bekomme eine Familie einen Tagessatz von 130 bis 150 Euro. Das wurde korrigiert.

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