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Freiburger Mordfall Maria L. : Das alles passt nicht zu unserem Freiburg

Von seiner Wohnung hätte Hussein zehn Minuten gebraucht, um in das Wohnheim zu kommen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Maria und Hussein schon einmal begegnet sind - in der Straßenbahnlinie 1, in den Stadtteilen Littenweiler oder Ebnet. Belege gibt es hierfür jedoch nicht. Die vor allem im Internet verbreitete Behauptung, mutmaßlicher Täter und Opfer könnten sich in einer Arbeitsgruppe des Vereins „Weitblick“ kennengelernt haben, erwies sich als Falschmeldung. Die Polizei hat bislang keinerlei Anhaltspunkte für eine Bekanntschaft oder gar Beziehung zwischen beiden.

Über Verhältnisse in Husseins Pflegefamilie ist noch wenig bekannt

„Maria L. engagierte sich seit Anfang des vergangenen Semesters bei Weitblick Freiburg e.V. im Arbeitskreis International“, teilte der Verein in dieser Woche mit. „Gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern organisierte sie Aktionen, um Spenden für die Renovierung einer Grundschule in Ghana zu sammeln. Maria war in unserem Verein dementsprechend nicht in der Hilfe für Geflüchtete aktiv, sondern im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.“

In der Todesanzeige der Studentin hatten die Eltern um Spenden für „Weitblick“ gebeten; das hatte zu wilden Spekulationen geführt, und die AfD und verschiedene Rechtsradikale hatten sogar das humanitäre Engagement von Marias Familie für ihren Tod mitverantwortlich gemacht. Im Internet führte der Fall zu einer Hasslawine bislang unbekannten Ausmaßes, die auch vor den Eltern des Mädchens keinen Halt machte.

Mit der Unterbringung in einer Familie hatte Hussein großes Glück – bei schwer durch Krieg oder die Flucht traumatisierten Migranten gilt ein familiäres Umfeld als beste Voraussetzung für eine gelungene Integration. In vielen Pflegefamilien, die syrische, afghanische oder auch afrikanische Flüchtlinge aufgenommen haben, gehören Auseinandersetzungen über das archaische Frauenbild zum Alltag. Psychologen halten dennoch nichts davon, derartige Gewalttaten mit der kulturellen Herkunft zu erklären. Sie nehmen an, dass pubertierende Flüchtlinge sich schnell an das Frauenbild und die Vorstellungen von Sexualität im Gastland anpassen, weil sie Erfolg und Anerkennung haben wollen.

Über die Verhältnisse in Husseins Pflegefamilie ist noch wenig bekannt. Bei minderjährigen Flüchtlingen muss mindestens ein Elternteil der aufnehmenden Familie eine pädagogische oder ärztliche Qualifikation haben; in diesem Fall hatten sogar beide Elternteile diese. Sexualstraftäter leiden oftmals an einer schweren Psychose. Wahnhafte Gedanken, Halluzinationen, Denkstörungen, Selbstvernachlässigung oder ein emotionaler Rückzug können Vorboten eines derart schweren Gewaltverbrechens sein, sagen Psychologen. Bei den weiteren Ermittlungen und in der Gerichtsverhandlung wird noch zu klären sein, ob die Pflegeeltern in den Wochen und Tagen vor der Tat etwas bemerkt haben.

40 Minuten in Oktobernacht noch ungeklärt

Die Kosten eines UMA gibt das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald durchschnittlich mit 130 bis 150 Euro pro Tag an. Das ist der Kostensatz, der für die Träger der Jugendhilfe im Durchschnitt gezahlt wird. Ist der minderjährige Flüchtling in einer Pflegefamilie untergebracht, erhält diese unter 1000 Euro, dazu kommen die Kosten für den Jugendhilfeträger, der den Flüchtling in der Familie betreut.

Es gibt regelmäßig Gespräche mit den Mitarbeitern des Jugendamtes und der betreuenden Jugendhilfeeinrichtung über die Entwicklung des Jugendlichen. Husseins Akten hat das Landratsamt, sie werden in dem Strafverfahren sicher eine Rolle spielen.

Das Landratsamt, das nach dem Tod des Kleinkinds Alessio im vergangenen Jahr erheblich in der Kritik stand, wird sich auch im Fall Hussein die Frage gefallen lassen müssen, ob der Flüchtling stark genug kontrolliert und ausreichend intensiv betreut worden ist. Im Landratsamt sind mittlerweile 13 Mitarbeiter nur mit der Kontrolle und Betreuung der UMA befasst.

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