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Rechtsstreit : Die Priklopil-Protokolle

  • -Aktualisiert am

Peter Reichard vor dem Landgericht Köln Bild: dpa

Peter Reichards Absichten beim Schreiben seines Buches waren gute – meint der Kampuschfreund zumindest. Sie sieht das jedoch anders und klagt gegen das Werk. Wie wird der Fall ausgehen?

          3 Min.

          Zehn Jahre ist es bald her, dass Natascha Kampusch ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil entkam. Der Sonderling Priklopil hatte sie als kleines Mädchen in Wien entführt und acht Jahre lang in seinem Haus samt Kellergefängnis gefangen gehalten. Am 23.August 2006 gelang es der jungen Frau, sich selbst zu befreien. Priklopil starb am selben Tag, als er von einem Zug erfasst wurde. Regelmäßig beschäftigt sich die Öffentlichkeit seither mit dem monströsen Jahrhundertfall. Immer wieder kommen Verschwörungstheorien auf.

          Vor wenigen Wochen ist ein weiteres Buch über den Fall erschienen. Peter Reichard hat das Werk mit dem Titel „Der Entführungsfall Natascha Kampusch. Die ganze beschämende Wahrheit“ geschrieben. Reichard war früher Kripobeamter in Hamburg und ist seit vielen Jahren als Drehbuchautor tätig. Auch der Film „3096 Tage“ über die Entführung und Gefangenschaft Kampuschs stammt von ihm. Reichard sagt, er sei mit Kampusch „freundschaftlich verbunden“. Dutzende Gespräche haben er und seine Frau mit ihr geführt. Trotzdem klagt die Österreicherin nun gegen Reichards Buch. Sie will erreichen, dass es in der derzeitigen Form nicht mehr verbreitet werden darf.

          „Es gibt nichts, was mit diesem Dreck offengelegt werden könnte“

          Der Rechtsstreit dreht sich nicht um den Haupttext des Buches. Es geht vielmehr um den Epilog. In ihm beschreibt der Autor ausführlich Videoaufnahmen, die Priklopil in den Jahren anfertigte, in denen er Natascha Kampusch in seiner Gewalt hielt. Von der Existenz der Videos war der Öffentlichkeit zuvor nichts bekannt gewesen. Die österreichischen Behörden hatten sie Kampusch ausgehändigt, nachdem sie nichts darauf gefunden hatten, was sie bei ihren Ermittlungen für relevant hielten. Wie Reichard an die Videos gelangte, ist unklar. Jedenfalls beteuert er, ihren Inhalt mit Zustimmung des Opfers wiedergegeben zu haben. Es gehe ihm darum, endgültig mit „den ganzen Verschwörungstheorien“ aufzuräumen, sagt Reichard, als er am Mittwochnachmittag im Landgericht Köln eintrifft. „Die Protokolle sollen alle Verschwörungstheoretiker beschämen. Es ist eine Art Nothilfe für das Opfer.“

          Verhandelt wird der Fall am Landgericht Köln, weil Kampuschs Anwalt die Klage gegen Reichard und seinen Verlag, den Münchner Riva Verlag, dort eingereicht hat. Geht es um eine Publikation, die überall in Deutschland verfügbar ist, kann ein Kläger den Gerichtsort frei wählen. Natascha Kampusch ist nicht selbst nach Köln gekommen. Sie lässt sich von ihrem Anwalt vertreten, der Reichard vorwirft, das Vertrauen seiner Mandantin missbraucht zu haben. Er sieht mit der Veröffentlichung der protokollierten Videosequenzen einen Übergriff auf seine Mandantin. Sie sei stets dagegen gewesen, die Videos publik zu machen, weil sie ihr peinlich seien. Reichard gehe es nur darum, Aufmerksamkeit für sein Buch zu erlangen. „Es gibt nichts, was mit diesem Dreck offengelegt werden könnte“, formuliert der Kampusch-Anwalt in seinem emotionalen Vortrag.

          Schlechte Chancen für Kampusch

          Unstreitig betreffen die Filme die Intimsphäre des Opfers. Wie aus Reichards Beschreibungen hervorgeht, ist das spindeldürre, kahlgeschorene Mädchen in ihnen oft nackt zu sehen – allerdings nicht bei sexuellen Handlungen, sondern beim verstörenden Alltag während ihrer Gefangenschaft. Zu sehen ist ein Mann, der versucht, seine Minderwertigkeitskomplexe durch sadistische Machtdemonstrationen zu kompensieren. Zu sehen ist aber auch, wie es Natascha Kampusch, je älter sie wird, gelingt, die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu verschieben. Und tatsächlich scheinen die Videos auch zu beweisen, dass die Mutmaßungen der Verschwörungstheoretiker „über Komplizen und Pornos nichts als perverse Fantasien“ sind, wie Stefan Aust im Vorwort des Reichard-Buches schreibt. Selten sei die „seelische Stärke eines Menschen so deutlich geworden“.

          Das sind freilich nicht die Kategorien, mit denen sich das Landgericht in dem Fall befassen muss. Eine Entscheidung will es am 1. Juni verkünden. Doch deutet der Richter an, dass Kampuschs Chancen, eine Weiterverbreitung der Protokolle zu unterbinden, nicht allzu gut sind. Zum einen sieht die Kammer Hinweise, dass Reichard sein komplettes Manuskript Kampusch vor Drucklegung wie behauptet zugänglich machte. Zum anderen verweist die Kammer darauf, dass Natascha Kampusch schon vor Jahren in ihrem eigenen Buch viele Details aus den Videos offenbarte.

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