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Nafissatou Diallo : Das mutmaßliche Opfer

„unglaubwürdig” in den Augen der Staatsanwälte: Zimmermädchen Nafissatou Diallo Bild: dpa

Sechs Wochen nach Strauss-Kahns Festnahme jetzt die spektakuläre Wende: Das angebliche Opfer soll mehrfach die Unwahrheit gesagt haben. Aber wer ist die Frau, die aussagt, Dominique Strauss-Kahn habe sie vergewaltigt?

          Sie war 14, als sie angeblich mit einem entfernten Cousin verheiratet wurde. Ihr Vater habe es so gewollt, und Nafissatou Diallo hatte offenbar keine andere Wahl, als ihm zu gehorchen. Der Vater war Imam des Ortes, und die Tochter wurde streng nach dem Koran erzogen. Sie sei ein Dorfmädchen gewesen, sei nicht zur Schule gegangen, habe weder Englisch noch Griechisch oder Portugiesisch gelernt, nur den Koran. Ob man sich da nicht vorstellen könne, wie sehr sie unter der Tortur leiden müsse, will ihr älterer, 49 Jahre alter Bruder Mamoudou von den Journalisten wissen, die ihn in dem kleinen Ort Tchiakoullé in Guinea aufgesucht haben. Mamoudou lebt noch heute dort, wo auch Nafissatou und ihre drei weiteren Geschwister sowie etliche Stiefgeschwister aufwuchsen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mamoudous 32 Jahre alte Schwester Nafissatou, die er als schüchterne und hart arbeitende alleinerziehende Mutter einer inzwischen 15 Jahre alten Tochter beschreibt, arbeitete bis vor wenigen Wochen im Luxushotel Sofitel in New York. Dort soll sie der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, am 14. Mai vergewaltigt haben. Doch sechs Wochen nach Strauss-Kahns Festnahme bahnt sich offenbar eine spektakuläre Wende an. Wie die „New York Times“ unter Berufung auf Justizbeamte in Manhattan berichtet, soll das angebliche Opfer des 62 Jahre alten Franzosen mehrfach die Unwahrheit gesagt haben. Das Zimmermädchen aus dem Hotel in Manhattan habe nicht nur über Einzelheiten der behaupteten Tat gelogen, sondern den Ermittlern auch falsche Details zu ihrer Lebensgeschichte präsentiert.

          Dabei schien alles klar

          Nach den bisherigen Ermittlungen hat Nafissatou Diallo als Einwanderin aus dem westafrikanischen Guinea schon bei ihrem Antrag auf Asyl in den Vereinigten Staaten im Jahr 2002 unwahre Angaben zu einer Vergewaltigung gemacht. Zudem soll sie Kontakte zu einem Straftäter unterhalten, der wegen Rauschgiftschmuggels und Geldwäsche in Haft sitzt. Wie ein Telefonmitschnitt zeigt, hat Diallo ihren Bekannten wenige Stunden nach der sexuellen Begegnung mit Strauss-Kahn angerufen, um den möglichen Nutzen einer Strafanzeige gegen den Politiker zu besprechen. Nach Einzahlungen aus verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten in Höhe von insgesamt etwa 100.000 Dollar sollen die New Yorker Behörden inzwischen auch das Konto der Hotelangestellten untersuchen.

          Verwandte der Belastungszeugin: Das Zimmermädchen kommt aus Tchiakoullé im Norden Guineas

          Dabei schien spätestens nach Strauss-Kahns medialem Spießrutenlauf Mitte Mai – in Handschellen und mit achtlos geknöpftem Hemdkragen – alles klar. Wie Diallo erst den Sicherheitskräften des Hotels und dann den Beamten des New York Police Department unter Tränen erzählte, hat der nackte Strauss-Kahn sie in seiner Suite überfallen, begrabscht und zu Oral- und Analsex gezwungen. An Diallos Version mochte in den Vereinigten Staaten anfangs kaum jemand zweifeln. Nach Berichten über frühere Übergriffe fügten sich die Schilderungen der Hotelangestellten nahtlos in das Muster aggressiver sexueller Avancen, die Strauss-Kahn in seiner Heimat das zweideutige Attribut „Großer Verführer“ eingebracht hatten.

          Nicht überraschend taten die Äußerungen der Staatsanwaltschaft zu den an der Uniform des mutmaßlichen Opfers gefundenen Spermaspuren ein übriges. Den sexuellen Kontakt zu Diallo leugnete Strauss-Kahn auch nicht, verwies aber auf einvernehmlichen Sex mit der Zweiunddreißigjährigen. Bei der Eröffnung des Prozesses vor dem Obersten Gerichtshof von New York erklärte sich Strauss-Kahn am 6. Juni daher für „nicht schuldig“. Wie sein Anwalt Benjamin Brafman schon damals andeutete, gebe es viele Gründe, an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers zu zweifeln.

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