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Nafissatou Diallo : Das mutmaßliche Opfer

Während zwischen New York und Paris über Diallos mangelnde „credibility“ spekuliert wurde, machten sich Journalisten auf beiden Seiten des Atlantiks auf die Suche nach dem Zimmermädchen. Nachdem die Afrikanerin mit dem Spitznamen „Ophelia“ versteckt unter einem weißen Laken das Justizgebäude in Manhattan verlassen hatte und untergetaucht war, avancierte sie innerhalb weniger Tage zur am meisten gesuchten Frau der Vereinigten Staaten. Die Zeitung „New York Post“ entdeckte als erste die Wohnung des Zimmermädchens im Stadtteil Bronx und meldete, dass das Gebäude des Harlem United Community Aids-Zentrums für HIV-infizierte Bewohner reserviert sei. Während Diallo verschwunden blieb, setzten umgehend Spekulationen über eine mögliche Ansteckung Strauss-Kahns ein. Dabei, so wurde schnell versichert, sei weder Nafissatou Diallo noch ihre minderjährige Tochter mit dem Aidserreger infiziert, weshalb die beiden eigentlich auch kein Wohnrecht in dem Haus haben dürften. Unklar blieb, ob sie sich den Zugang erschlichen haben. Nachdenklich stimmten dann auch die Interviews eines angeblichen weiteren Bruders der jungen Guineerin, der sich wenig später als möglicher Lebensgefährte entpuppte.

Aus der Opferrolle Kapital schlagen

Gleich drei Reporter der „New York Times“ machten sich auf den Weg nach Afrika, in das Dorf Tchiakoullé in Guinea, um Nafissatou Diallos Geschichte und damit vielleicht auch der Wahrheit ein bisschen näher zu kommen. Doch auch die Gespräche mit den zahllosen Verwandten, die bis heute in den bescheidenen, meist aus Lehm gebauten Hütten wohnen, brachten nichts Eindeutiges. Allerdings berichtete die Zeitung im Anschluss von der frühen Zwangsheirat Diallos – und dass das Mädchen schon bald nach der Eheschließung zur Witwe wurde. Angeblich sei sie dann ihrer Schwester Hassanatou in die Vereinigten Staaten gefolgt, in die Bronx von New York, wo viele Guineer als Asylanten leben. Denn jeder in der ehemaligen französischen Kolonie Guinea, so wird einer der Brüder der beiden Frauen aus der Heimat zitiert, wolle doch in Amerika leben. Die französische Zeitung „Paris Match“ indes, die ebenfalls bis nach Tchiakoullé vorgedrungen ist, will von einer Hochzeit Nafissatou Diallos erst mit 17 Jahren erfahren haben. Auch habe sie ein zweites Kind zur Welt gebracht, das früh gestorben sei. Ob ihr Mann Abdoul, tatsächlich ein Cousin, an Aids gestorben sei, lasse sich nicht eindeutig klären. In einigen Zeitungen wird auch darüber spekuliert, ob Nafissatou, die selbst als Kleinkind beschnitten wurde, ihre Tochter vor einer Genitalbeschneidung habe schützen wollen und darum ihre Heimat verließ. So bleibt das Bild, das in den vergangenen sechs Wochen von Diallo gepuzzelt wurde, schemenhaft.

Sicher ist, dass sich Nafissatou 2008, als sie anfing, im Sofitel als Zimmermädchen zu arbeiten, legal in den Vereinigten Staaten aufhielt. Das bestätigt unter anderem ihr Anwalt. Schon der Umstand, dass die Westafrikanerin die beiden Anwälte Jeff Shapiro und Kenneth Thompson verpflichtete, rief Erstaunen hervor. „Sie braucht keinen Rechtsbeistand, ihre Interessen werden von der Staatsanwaltschaft verfolgt. Damit hat sie sich keinen Gefallen getan“, sagt die amerikanische Juristin Lisa Bloom, die seit Jahren Vergewaltigungsopfer vertritt. Wer wie Diallo während eines Strafprozesses mit Anwälten auftrete, erwecke schnell den Eindruck, aus der Opferrolle Kapital schlagen zu wollen.

Strauss-Kahns Anwalt Brafman, der unter anderen auch schon Michael Jackson, Sean „P. Diddy“ Combs und Jay-Z vor Gericht vertrat, hat derweil erwirkt, dass sein Mandant – bis zur Verhaftung war er sogar als künftiger französischer Präsident im Gespräch – wieder auf freiem Fuß ist (siehe Nach Anhörung vor Gericht: Strauss-Kahn auf freiem Fuß).

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