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Tödlicher Nachbarschaftsstreit : „Heil Hitler“ auf dem Auto und Abneigung gegen die Justiz

Bisher durchstreiften die Ermittler die Gegend um Stiwoll bei Graz vergeblich auf der Suche nach dem Schützen. Bild: dpa

Ein Mann soll bei Graz mit einem Gewehr zwei Menschen getötet und eine weitere Person schwer verletzt haben. Ein Opfer wurde am Samstag unter hohen Sicherheitsvorkehrungen beigesetzt, denn der Täter ist noch immer nicht gefasst.

          Seit einer Woche hält die Suche nach einem 66 Jahre alten Mann, der in Stiwoll bei Graz mit Schüssen aus dem Hinterhalt zwei Personen getötet und eine schwer verletzt haben soll, das österreichische Dorf und die Region in Atem. Der Verdächtige Friedrich F. wird seit der Tat vom vergangenen Sonntag von einem Großaufgebot der Polizei gesucht. Weil man befürchten muss, dass der Mann nach dem offenbar eskalierten Nachbarschaftsstreit rücksichtslos von der Waffe Gebrauch macht, wenn er aufgespürt wird, geht die Suche unter größter Vorsicht vonstatten. Es besteht auch die Gefahr, dass er in seinen Heimatort zurückkehrt, weshalb dort bislang schwer bewaffnete Polizisten, ausgerüstet mit Panzerwagen, Präsenz zeigten. Am Samstag wurde das erste der beiden Todesopfer unter starken Sicherheitsmaßnahmen beigesetzt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Die Polizei gab am Wochenende bekannt, dass man sich bei der Fahndung stärker auf die Persönlichkeit des Flüchtigen konzentrieren wolle. Man gehe davon aus, dass er in erster Linie versuche, „aus der Gegend herauszukommen“. Auch soll die sichtbare Polizeipräsenz in der Ortschaft heruntergefahren werden. Bislang hatte man mit vielen Beamten in schwerer Ausrüstung das mittelgebirgsartige Gelände durchstreift. Ein Polizist, der durch die Luke eines Heubodens stürzte, verletzte sich dabei. Offenbar hat Friedrich F. als Hobbyfilmer von Tieren Erfahrung darin, sich über mehrere Tage hinweg in der Natur aufzuhalten. Ausgeschlossen werden kann bisher auch nicht, dass er sich selbst getötet hat, doch weise seine Persönlichkeit eigentlich keine Suizid-Neigung auf. Nunmehr sollten verstärkt auch „Ankerpunkte“ und „Bewegungslinien“ anhand des persönlichen Profils des Verdächtigen analysiert werden, sagte der Direktor des österreichischen Bundeskriminalamts. Einen Pass oder größere Mengen Bargeld scheint der Mann nicht dabei zu haben. Sein Auto, ein weißer Transporter, wurde leer aufgefunden.

          Die Opfer waren am Sonntagmorgen von einer Luke eines Wirtschaftsgebäudes aus unter Feuer genommen worden, als sie sich zusammen mit den beiden Töchtern des Verdächtigen zur Aussprache wegen eines Streits getroffen hatten. Eine 55Jahre alte Frau und ein 64 Jahre alter Mann wurden von mehreren Projektilen tödlich getroffen, eine 68 Jahre alte Frau wurde durch Treffer am Oberarm schwer verletzt. Der Täter schoss mit einem Kleinkalibergewehr, das offenbar nicht registriert war. Gegen Friedrich F., der früher schon mit gewalttätigen Drohungen und als Querulant auffällig geworden war, bestand ein Waffenverbot.

          „Heil-Hitler“-Aufschriften auf dem Auto

          Der Mann scheint sich nach vielen Seiten hin mit Mitmenschen überworfen zu haben. Er pflegt öffentlich – auch in einem Blog – eine heftige Abneigung gegen staatliche Institutionen, besonders die Justiz, und ist mit „Heil-Hitler“-Aufschriften auf seinem Auto durch die Gegend gefahren. Ermittlungen wegen eines Verstoßes gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung wurden aber eingestellt, das Verhalten wurde offenbar als Verschrobenheit eines Unzurechnungsfähigen angesehen, der ansonsten keine Neigungen zu Nazi-Symbolen oder -Aussagen zeigte. Es gibt auch keine direkten Bezüge zur „Reichsbürger“-Ideologie.

          2011 stand er wegen versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt in Graz vor Gericht. Er hatte per E-Mail an das Justizministerium gefordert, „Justizgaunereien“ abzustellen, „widrigenfalls er nur mehr den Weg zur Waffe sehe“. 2012, 2014 und im Mai 2017 gab es weitere Strafanzeigen wegen Beleidigung und übler Nachrede (gegen Richter und Behörden) und zuletzt wegen versuchter Nötigung in einem Exekutionsverfahren. In Gutachten wurde aber seine Unzurechnungsfähigkeit festgestellt. Gleichzeitig konnte er jedoch nicht in Gewahrsam genommen werden. Für eine Unterbringung in einer dafür vorgesehenen „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ ist nach Angaben des Straflandesgerichts Graz eine „Anlasstat“ notwendig, die mit Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr bedroht ist; was Friedrich F. vorgeworfen wurde, hätte aber nur Strafen bis zu einem Jahr Haft erlaubt.

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