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„Immer beeinträchtigt“: Bernhard Günther am Freitag in Wuppertal Bild: dpa

Prozess nach Säureanschlag : „Mein Körper fühlt sich fremd an“

Der Innogy-Manager Bernhard Günther wurde 2018 beim Joggen überfallen und mit Säure überschüttet. Seit Freitag steht einer der mutmaßlichen Täter vor Gericht.

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          Dem Mann in die Augen zu schauen, der ihm sein Gesicht zerstört hat – nicht nur deshalb ist Bernhard Günther am Freitagmorgen zum Prozessauftakt ins Landgericht Wuppertal gekommen, obwohl er das als Nebenkläger nicht müsste. „Ich hoffe, dass wir heute einen Riesenschritt voran machen, dass am Ende der gesamte Fall bis hin zum Auftraggeber aufgeklärt wird“, sagt Günther im Flur des Gerichts.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am 4. März 2018 war Günther, damals Finanzvorstand des Energieunternehmens Innogy, auf dem Rückweg vom Joggen in Haan bei Düsseldorf eben noch beim Bäcker vorbeigegangen, um für das Sonntagsfamilienfrühstück Brötchen zu kaufen, als ihn auf dem allerletzten Stück seiner Runde gut 200 Meter vor seiner Villa zwei Männer überfielen und hoch-konzentrierte Schwefelsäure über den Kopf schütteten. Der Manager kam mit schweren Verätzungen in eine Spezialklinik und schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Sein Augenlicht verlor er wohl nur deshalb nicht, weil er an jenem Schicksalsmorgen Kontaktlinsen trug.

          Zahllose Operationen musste Günther über sich ergehen lassen. Anders als bei früheren öffentlichen Auftritten trägt er diesmal weder Stirnband noch Sonnenbrille. Auf die Frage eines Reporters, ob es ihm mittlerweile besser gehe, weil er gut aussehe, antwortet Günther freundlich lächelnd: „Was Sie jetzt sehen, ist der Kunst des Make-ups geschuldet.“ Die tiefen Narben in seinem Gesicht blieben für immer. „Die Augenlider werden immer beeinträchtigt bleiben. Das spüre ich jeden Morgen, wenn ich aufwache, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie vor dem Anschlag war; der Körper fühlt sich fremd.“

          War ein anderer Manager Auftraggeber?

          Eine brutale Säureattacke am helllichten Tag auf einen arglosen Mann – wer macht so was, oder wer gibt dafür den Auftrag? Günther äußerte früh die Vermutung, dass der Anschlag mit seiner beruflichen Position und damit zu tun haben könnte, dass er für noch höhere Posten im Gespräch war. Auftraggeber sei ein anderer Manager aus der Energiebranche, der ihn aus dem Weg habe räumen wollen, sagte Günther in mehreren Interviews, der Staatsanwaltschaft teilte er sogar einen Namen mit. Es wäre ein ungeheuerlicher, in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte einmaliger Fall: Ein Manager versucht einen anderen Manager per Säureattacke für einen Vorstandsposten untauglich zu machen.

          Insidern war Anfang 2018 selbstverständlich längst bekannt, was dann kurz nach dem Überfall auf Günther öffentlich wurde: Die RWE-Tochter Innogy wurde zerschlagen, Teile von ihr übernahm der Konkurrent Eon, diverse Posten mussten neu besetzt werden. Für Günthers These schien auch eine merkwürdige Parallele zu sprechen. Dem Manager war schon einmal, im Juni 2012, von zwei Männern beim Joggen aufgelauert worden. Auch damals standen in seinem Unternehmen wichtige Personalentscheidungen an.

          Doch nach dem Säureanschlag konnten Polizei und Staatsanwaltschaft Günthers Konkurrenten-These nicht erhärten. Auch greifbare Hinweise in andere Richtungen gab es nicht. Ende 2018 wurden die Ermittlungen vorläufig eingestellt. Doch Günther ließ nicht locker. Auf eigene Kosten setzte der Manager Privatermittler auf seinen Fall an, startete gemeinsam mit Innogy einen Zeugenaufruf. Nach ersten erstaunlich detailreichen Hinweisen eines Unbekannten schien der Fall 2019 kurz vor der Aufklärung. Die Polizei nahm bei einem Sportturnier in Köln einen Ringer fest. Er musste allerdings bald wieder freigelassen werden, weil dem Haftrichter die Beweise nicht ausreichten. In dem zentralen Beweismittel – in dem Handschuh, den einer der Täter am Tatort zurückgelassen hat – fanden sich zwar reichlich DNA-Spuren, doch sie stammen nicht von dem Ringer.

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