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Nach Mafia-Morden in Duisburg : Waffenschmuggel, Blutrache, Drogenhandel

  • Aktualisiert am

Trauer um jugendliche Mafia-Opfer in Duisburg Bild: ddp

Was steckt hinter der Hinrichtung von sechs Männern in Duisburg, die dem Mafia-Milieu zugerechnet werden? Indizien, Täter und Hintermänner sucht die Polizei nicht zuletzt im kalabrischen Dorf San Luca.

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          Nach dem Sechsfachmord von Duisburg hat die Polizei mehrere Hinweise, aber noch keine heiße Spur zu den Tätern. Mit einem Phantombild suchen die Beamten nach dem dunkelhaarigen Fahrer eines Wagens sowie einem zweiten, nicht näher beschriebenen Verdächtigen. Beide sollen sich kurz nach der Tat am frühen Mittwochmorgen fluchtartig vom Tatort entfernt haben.

          Die Duisburger Polizei schloss sich inzwischen der Auffassung der italienischen Behörden an und geht bei dem Verbrechen von einer Blutfehde zwischen zwei Familien aus dem Dorf San Luca in Kalabrien aus. Beide Clans werden der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta zugerechnet. Bei der Bluttat in der Nacht zum Mittwoch waren vor einem Restaurant in der Duisburger Innenstadt sechs Männer im Alter zwischen 16 und 38 Jahren erschossen worden. Noch ist unklar, ob es sich um Auftragsmorde handelte oder ob Mitglieder eines Mafia-Clans die Täter waren. Außerdem fragen sich die Ermittler, ob die Täter eigens aus Italien nach Duisburg angereist waren, oder ob sie schob länger im Ruhrgebiet lebten.

          Razzia in San Luca

          Auf der Suche nach möglichen Hintermännern des Sechsfachmordes hat die italienische Polizei in der Nacht zu Freitag in San Luca mehrere Häuser durchsucht. Die Polizei überprüfte auch mehrere Verdächtige und Verurteilte, die in der Region unter Hausarrest stehen, teilte die Nachrichtenagentur Ansa mit.

          Die Frage auf  einem Plakat am Tatort bleibt vorerst unbeantwortet
          Die Frage auf einem Plakat am Tatort bleibt vorerst unbeantwortet : Bild: ddp

          Aus dem 4000-Einwohner-Dorf stammen die beiden verfeindeten Clans, deren seit Jahren andauernde Fehde nach bisherigen Erkenntnissen zu den Morden in Duisburg führte. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ berichtete am Freitag, die Vendetta zwischen den beiden Clans der 'Ndrangheta, sei in Wirklichkeit ein Kampf um die Kontrolle des Handels von Drogen aus Kolumbien.

          Waffenschmuggel als Tatmotiv

          Die Zeitung „Corriere della Sera“ berichtete ebenfalls am Freitag, dass eines der Opfer in Deutschland offenbar Waffen kaufen und nach Italien schmuggeln wollte. Der 25 Jahre alte Marco M., der dem Clan Vottari-Pelle-Romeo angehörte und erst vor kurzem in Deutschland einreiste, sei schon länger von der Polizei überwacht worden. Telefonabhörungen hätten ergeben, dass er unter anderem auf der Suche nach Maschinenpistolen war, die in der Blutfehde mit dem Clan Strangio-Nirta zum Einsatz kommen sollten. Jedoch hätten die Killer zugeschlagen, bevor die Polizei zugreifen konnte, hieß es.

          Marco M. soll zudem an der Ermordung der Ehefrau des verfeindeten Mafia-Paten beteiligt gewesen sein. Maria Strangio, Frau des mutmaßlichen Clan-Chefs Giovanni Nirta, war im vergangenen Dezember getötet worden. Dies gilt Medienberichten zufolge bei den Ermittlern bisher als Hauptmotiv für die Bluttat. Durch den Mord war die seit 16 Jahren dauernde Fehde zwischen den Familien Strangio-Nirta und Vottari-Pelle-Romeo neu aufgeflammt. Warum Marco M. als Verdächtiger nicht in Haft saß, ist unklar. Das Innenministerium in Rom wollte sich nicht dazu äußern. Ministerpräsident Romano Prodi versicherte aber, die italienische Regierung habe einen „enormen Kampf“ gegen das organisierte Verbrechen begonnen.

          Schon früher Hinweise auf Mafia in Duisburg

          Die „Berliner Zeitung“ berichtete unter Berufung auf ihr vorliegende geheime BND-Berichte, dass die 'Ndrangheta und die aus der Region um Neapel stammende Camorra feste Strukturen in Deutschland aufgebaut hätten. Insbesondere die Camorra habe in Deutschland über Jahre hinweg flächendeckend - vor allem aber in Hessen und Rheinland-Pfalz - ein dichtes Netz von Filialen geknüpft. Die kalabrische Mafia hingegen konzentriere ihre Aktivitäten vorrangig auf Ostdeutschland. Der Schwerpunkt liege dabei auf legalen wirtschaftliche Aktivitäten, die aus den in Italien und anderen Ländern erzielten kriminellen Gewinnen finanziert würden, hieß es im Bericht. Dabei gehe es um Investitionen in Milliardenhöhe.

          Tatsächlich hat die Mafia wohl auch in Duisburg schon vor geraumer Zeit Wurzeln geschlagen. 1985 starb der Polizei zufolge ein Gaststättenbesitzer in der Ruhrgebietsstadt bei einem Überfall, der von dem später als „Engelsgesicht“ bekannt gewordenen Mafia-Mörder Giorgio Basile in Auftrag gegeben worden war. (siehe auch: „Wo es Pizza gibt, ist auch die Mafia zu Hause“) Und im Frühjahr 1991 nahmen die Ermittler im Restaurant „Da Bruno“, das damals allerdings noch an einer anderen Adresse lag, einen wegen Totschlags verurteilten, entflohenen italienischen Häftling fest, der der 'Ndrangheta zugerechnet wurde.

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