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Attacke von Illerkirchberg : Jetzt beginnt die Suche nach den Verantwortlichen

Thomas Strobl (kniend, CDU), Innenminister von Baden-Württemberg, und Ahmet Basar Sen (r), Botschafter der Türkei in Deutschland, am Tatort in Illerkirchberg Bild: dpa

Nach der Attacke auf zwei Mädchen in Illerkirchberg befindet sich der Tatverdächtige noch im Krankenhaus. Nun wird nach Warnsignalen geforscht.

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          Die Stimmung nach dem brutalen Mord in Illerkirchberg ist aufgewühlt. Als sich einige Bürger am Tatort versammelten, wurde das stille Gedenken immer wieder von mahnenden Gongschlägen durchbrochen. An der Stelle, an der der mutmaßliche Täter, ein 27 Jahre alter Flüchtling aus Eritrea, die 14 Jahre alte Ece S. und deren Freundin Nerea M. mit Stichen in den Bauch sowie in die Brustgegend schwer verletzte, haben Freunde und Bürger der kleinen Gemeinde im Süden Ulms mit knapp 5000 Einwohnern Grablichter angezündet und Trauerbriefe niedergelegt. Ein Jugendlicher legte ein selbstgezeichnetes Bild von einem Sportwagen an die Unglücksstelle. Leider habe er es Ece nicht mehr geben können, schrieb er auf die Zeichnung. Das 14 Jahre alte Mädchen, deren Großeltern aus der Türkei stammten, hatte der mutmaßliche Mörder so schwer verletzt, dass es noch an der Unfallstelle reanimiert werden musste und dann trotz intensivmedizinischer Behandlung Stunden später im Universitätsklinikum Ulm verstarb.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Dienstag besuchte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) gemeinsam mit dem türkischen Botschafter den Tatort. Am Dienstagabend sollte es eine Gedenkstunde in der Alevitischen Gemeinde in Ulm für das getötete Mädchen geben.

          „Wir haben einen dringenden Tatverdacht wegen Mordes und versuchten Mordes und haben beim zuständigen Haftrichter den Haftbefehl beantragt“, sagt der zuständige Oberstaatsanwalt in Ulm. Den Verdächtigen musste die Haftrichterin im Krankenhaus aufsuchen. „Es spricht vieles dafür, dass der mutmaßliche Täter sich diese Verletzungen selbst zugefügt hat, aber selbstverständlich prüfen wir auch das“, sagte der Oberstaatsanwalt.

          Tatverdächtiger verfügt über Aufenthaltserlaubnis

          Der Flüchtling aus Eritrea soll 2016 nach Deutschland eingereist sein. Seitdem soll er weder bei der Polizei noch bei den Ausländerbehörden aufgefallen sein, registriert wurde nur das Erschleichen von Beförderungsleistungen. Der mutmaßliche Täter verfügt nach Paragraph 25 Absatz 3 Aufenthaltsgesetz über eine Aufenthaltserlaubnis. Er fällt nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention, genießt aber subsidiären Schutz, weil er glaubhaft machen konnte, dass sein Leben im Falle einer Rückkehr in Eritrea bedroht wäre. Auf eine vorherige Bekanntschaft zwischen dem Tatverdächtigen und seinen Opfern deutet bislang nichts hin; die Elternhäuser der beiden Mädchen liegen auch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem kommunalen Flüchtlingsheim. Das schwer verletzte 13 Jahre alte Mädchen wird weiterhin in einer Klinik behandelt, befindet sich aber nicht mehr in Lebensgefahr und konnte von der Staatsanwaltschaft vernommen werden. Der Beschuldigte schweigt zu den Tatvorwürfen.

          Bei der Flüchtlingsunterkunft, in der der Verdächtige gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus Eritrea lebte, handelt es sich um eine sogenannte kommunale Anschlussunterbringung. Während für die Erstaufnahme die Landesregierung und für die vorübergehende Unterbringung der jeweilige Landkreis zuständig ist, unterliegen Häuser und Wohnungen für die Anschlussunterbringung der Verantwortung der Stadt oder Gemeinde.

          Die grün-schwarze Landesregierung richtete zwar 2018 auf Landesebene und später in den vier Regierungspräsidien zur schnelleren Abschiebung von Intensivtätern, Gefährdern oder Integrationsverweigerern „Sonderstäbe gefährliche Ausländer“ ein. Diese werden aber erst tätig, wenn ihnen die Polizei oder die Ausländerbehörde einen straffälligen Asylbewerber melden – Flüchtlinge, die psychisch krank sind oder die durch wiederholtes Stören der öffentlichen Ordnung auffallen, werden von den Stäben kaum registriert. Der Tatverdächtige aus Illerkirchberg jedenfalls war nach Auskunft des Integrationsstaatssekretärs Siegfried Lorek (CDU) bislang weder als Gefährder noch als Straftäter registriert.

          In der kleinen Gemeinde gibt es zwei kommunale Flüchtlingsheime: eines im Ortsteil Oberkirchberg, ein weiteres in Beutelreusch. Dort hatten in der Halloween-Nacht 2019 mehrere Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien ein 14 Jahre altes Mädchen betäubt und mehrfach vergewaltigt. Ein Verbrechen, das die Bürger in Illerkirchberg bis heute erschüttert. Weil in Ulm die dortigen Flüchtlingsunterkünfte überfüllt sind, sollten zum Beispiel in einigen Ulmer Umlandgemeinden zusätzliche Wohncontainer aufgestellt werden. Doch in der Bürgerschaft regt sich nun Widerstand dagegen – einige Gemeinden nahmen das Thema Flüchtlingsunterbringung von der Tagesordnung. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) warnte davor, Flüchtlinge und Asylbewerber unter Generalverdacht zu stellen: „Ich kann nur warnen, Zusammenhänge herzustellen, bevor die Tat überhaupt aufgeklärt ist.“

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