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Nach dem Überfall in Celle : „Die einzigen Verdächtigen hier, das sind immer nur wir“

Das Juweliergeschäft in der Innenstadt von Celle war schon häufiger Ziel von Überfällen. Bild: dpa

In Celle tötet ein Juwelier zwei Räuber. Er war zum wiederholten Mal Ziel eines Überfalls geworden. Die Nachbarn haben die Schüsse nicht gehört. Hoffnung darauf, dass sich Zeugen melden, haben sie nur begrenzt.

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          „Das ist der Laden“, raunt ein Jugendlicher dem anderen zu. Mehr als einen verstohlenen Blick auf das olivgrüne Fachwerkhäuschen wagen sie nicht. Wer dieser Tage an dem Juweliergeschäft darin vorbeikommt, wirft entweder wie die beiden nur einen schüchternen Blick in Richtung des Schaufensters – oder inspiziert dieses sorgfältig. Prunkvoller Ohrschmuck etwa liegt da, filigran verzierte Gläser, ein kleiner bronzener Dackel und ein lachender Hodscha aus bunt bemalter Keramik. Der Raum dahinter wirkt düster, nur das weiße Porzellan blitzt hier und da aus den Vitrinen. „Vorübergehend geschlossen“ heißt es auf einem Notizzettel, der hinter der Glastürscheibe klebt. Auf das Interesse der Passanten stößt jedoch vor allem eine andere Nachricht auf der Tür: „Amtlich versiegelt Polizeiinspektion Celle“.

          Hier in der Celler Altstadt, die von den Bomben des Zweiten Weltkriegs wie durch ein Wunder verschont blieb und in der die Fachwerkhäuser wie in Reih und Glied stehen, fielen am Montagnachmittag Schüsse. Zwei Männer betraten an diesem Tag das Fachwerkhäuschen, offenbar mit dem Ziel, das Juweliergeschäft auszurauben. Die beiden sind nun tot: Einer verstarb noch vor Ort, der andere erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die tödlichen Kugeln stammen aus der Schusswaffe des 71 Jahre alten Ladeninhabers.

          Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt wegen versuchten schweren Raubes gegen die beiden verstorbenen mutmaßlichen Täter sowie wegen des Verdachts des Totschlags gegen den Inhaber des Juweliergeschäfts. Geprüft wird außerdem, inwieweit für den Gold- und Antiquitätenhändler Voraussetzungen eines Handelns in Notwehr vorliegen. Nachdem er zunächst von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, signalisierte er inzwischen über seinen Rechtsanwalt seine Aussagebereitschaft. Sowohl der Juwelier als auch seine Ehefrau sollen in der kommenden Woche vernommen werden.

          Identität eines Täters noch unbekannt

          Erste Aussagen machte der Ladenbesitzer bereits gegenüber der „Bild“-Zeitung. In einem Video spricht der sichtbar unter Schock stehende Mann mit brüchiger Stimme, zwischen den Worten schnappt er nach Luft. „Kopfüber, meine Frau, ich hatte Angst und hab’ den, der mich mit einer Waffe bedrohte, einfach erschossen“, stammelt er. Demnach sei einer der Täter über den Tresen gesprungen, habe sich auf die Ehefrau des Ladenbesitzers gestürzt und zur Waffe gegriffen. Der Mann, so sagte die Ehefrau des Juweliers der „Bild“, habe sie gewürgt, „bis mir schwarz vor Augen war“.

          Spurensicherung am Dienstag in Celle
          Spurensicherung am Dienstag in Celle : Bild: dpa

          Darüber, was hier in ihrer kleinen Straße passiert ist, will kaum jemand von den Ladenbesitzern reden. Aus der Bar schräg gegenüber des Juweliergeschäfts ertönen fröhliche Partyhits, in der Bar schunkeln Männer mit roten Nasen, es ist später Nachmittag. Auf den Raubüberfall angesprochen, zapft der Mann hinter dem Tresen nur schweigend sein Bier, ein Gast nimmt einen großen Schluck aus seinem Bierglas, sein Blick verharrt starr auf dem Spielautomaten. „Ich habe ein Alibi“, sagt der eine. „Ich war im Urlaub“, der andere.

          Inzwischen konnte die Identität eines der zwei Tatverdächtigen ermittelt werden. Der 35 Jahre alte Mann ist wegen Diebstahldelikten vorbestraft, deutscher Staatsbürger und zuletzt im Jahr 2018 in Dortmund gemeldet gewesen, heißt es von der Staatsanwaltschaft Lüneburg. Zumindest einer der Täter trug zudem eine Waffe bei sich. Ob auch er Schüsse abfeuerte und ob es sich bei seiner Waffe um eine scharfe Schusswaffe oder eine Schreckschusswaffe handelte, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Eine erste polizeiliche Untersuchung weist allerdings auf eine scharfe Waffe hin.

          Täter nutzten einen Rollstuhl

          Zum Tatzeitpunkt in ihrem Laden gewesen wäre eigentlich die Dame von dem Bekleidungsgeschäft, das gegenüber dem Juwelierladen liegt. Zwischen langen paillettenbesetzten Kleidern und Anzügen stehend, blickt sie drei Tage nach der Tat durch ihr kleines Fenster. Im Hintergrund läuft ein Lied aus einem Bollywood-Streifen. Den Juwelier kennt sie vom Sehen. Man grüße sich und wünsche einander „Guten Morgen“ und „Schönen Feierabend“. Nur wegen eines Termins bei der Bank hat sie am Montag ihren Laden verlassen. Bei ihrer Rückkehr war die gesamte Straße von der Polizei abgesperrt.

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