https://www.faz.net/-gum-tmbh

Nach dem Amoklauf : Politiker fordern Verbot von „Killerspielen“

  • Aktualisiert am

Zudem kommt aus der Union der Vorschlag, Internet-Anbieter verstärkt in die Pflicht zu nehmen. „Ich finde, es ist an der Zeit, die Internet-Anbieter zu verpflichten, bei bestimmten Stichworten die zuständigen Behörden zu informieren“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Katherina Reiche dem Sender N24. Ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen werde wahrscheinlich nicht ausreichen. „Es gab Hilferufe im Internet, die überhört wurden“, sagte Frau Reiche. „Es gab sogar die Ankündigung im Internet, daß ein solcher Amoklauf stattfinden kann. Niemand hat reagiert.“ Das sei unverständlich, denn die Pläne seien zwei Jahre lang bekannt gewesen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sagte über das Drama von Emsdetten: „Der Vorfall sollte ein Anlaß sein, über das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft nachzudenken.“ Zuvor hatte er mit Opfern, Angehörigen und Polizeibeamten in Emsdetten gesprochen. Es müsse auch überlegt werden, wie gewaltverherrlichende Computerspiele aus Kinderzimmern verbannt werden könnten, so Rüttgers weiter. Grenzüberschreitungen dürften bei Gewalttätern nicht akzeptiert werden. „Wir müssen die Frage der Gewaltbereitschaft im Lande neu diskutieren.“

Beck: Videoverbot „einfältige Forderung“

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte: „Wenn die Informationen zutreffen, daß der Täter gesellschaftlich isoliert war und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von Killerspielen verbracht hat, dann muß jetzt verstärkt eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und eine sinnvolle Computernutzung geführt werden.“ Die „einfältige Forderung“ der großen Koalition nach einem Verbot von Killerspielen reiche „sicher nicht aus, zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich um so reizvoller ist“.

Die Stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei Katja Kipping beklagte eine „virtuelle Debatte“. Politiker und Medien reagierten nach einem wiederkehrenden Verhaltensmuster, ohne ernsthaft über die eigentlichen Ursachen nachzudenken. „Nicht die brutalen PC-Spiele, über deren Wert und (Un-)Sinn sich sicherlich vortrefflich streiten läßt, sind Ursache für das menschenverachtende Verhalten eines Bastian B.“, teilte Frau Kipping mit. „In seinem Abschiedbrief wird deutlich, daß er selbst seine soziale Situation als Ursache sieht: Leistungsdruck, soziale Auslese, Markenwahn, Wertigkeit nach Größe des Geldbeutels, Zukunftsangst, Ausweglosigkeit.“ Wer jetzt die virtuelle Computerspielwelt „als Feindbild ausmacht und lauthals nach Verboten ruft, verzichtet auf ernsthafte Ursachensuche und versucht, den wahren Zustand dieser Gesellschaft zu ignorieren und sich an den realen Problemen junger Menschen vorbeizumogeln“, so Kipping.

„Eine neue Dimension“

Die „Bild“-Zeitung zitierte den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, mit den Worten: „Brutale Computerspiele und Videofilme gaukeln Jugendlichen den schnellen Sieg des Stärkeren vor. Auswege für den Verlierer bieten sie nicht.“ Von Eltern und Lehrern verlangte Kraus, Kindern durch eigenes Handeln ein positives Zukunftsbild zu vermitteln. „Wir Erwachsene müssen unseren Kindern immer wieder beweisen: Arbeit, Leistung, Treue, Verläßlichkeit - das sind trotz aller Probleme und Widerstände feste Werte, für die es sich zu leben lohnt.“ Eine Gesellschaft, die diese Werte verliere, laufe irgendwann selbst Amok.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, hat die Gewalttat von Emsdetten unterdessen als ein neues Ausmaß von Brutalität bezeichnet. „Daß Sprengstoff im Spiel war, gibt dem Fall eine neue Dimension“, sagte Freiberg der „Münsterschen Zeitung“. Das habe es noch nicht gegeben und sei „höchst erschreckend“.

Weitere Themen

Fler muss Bushido-Disstrack ändern

Gerichtsentscheidung : Fler muss Bushido-Disstrack ändern

Der Rapper Fler muss nach einer Gerichtsentscheidung den Text seines Songs „Noname“ ändern, weil er die Kinder von Bushido erwähnt. Die Mutter der Kinder müsse beleidigende Zeilen dagegen hinnehmen. Beide Seiten sind unzufrieden.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.