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Amokläufer und ihre Waffen : Gewehre im Supermarkt, Pistolen für psychisch Kranke

  • -Aktualisiert am

Absperrband sichert am Sonntag den Tatort des jüngsten Amoklaufs im amerikanischen Oregon. Bild: AFP

Nach dem Amoklauf von Oregon diskutiert Amerika einmal mehr über schärfere Waffengesetze. Die Attentate der letzten Jahre zeigen: Die Täter kommen oft problemlos an Pistolen und Gewehre – auch, weil die Behörden versagen.

          Wenige Tage nach dem Amoklauf von Oregon diskutiert Amerika über eine Verschärfung der Waffengesetze. Präsident Barack Obama äußerte bereits am Freitag den Willen, den Zugang zu Schusswaffen stärker zu reglementieren. „Es kann nicht sein, dass Menschen, die anderen schaden wollen, so leicht an Waffen kommen“, sagte Obama im Weißen Haus.

          Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg will auch die potentielle demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton am Montag einen neuen Vorschlag präsentieren, um die Abgabe von Waffen stärker zu beschränken. Dieser sieht vor, Waffenverkäufer mit in die Verantwortung zu ziehen, wenn bei Verbrechen Waffen aus ihrem Geschäft eingesetzt werden.

          Noch ist allerdings Obama in der Verantwortung. Und die Zahlen sprechen nicht für den amtierenden Präsidenten. Das Massaker am Umpqua Community College, bei dem der 26 Jahre alte Chris Harper-Mercer neun Menschen tötete und neun weitere verletzte, ist nicht der erste Fall dieser Art in Obamas Amtszeit. Seit 2009 gab es elf Amokläufe, die den Präsidenten zu einer öffentlichen Stellungsnahme bewegten. Die Bilanz: 104 Tote, 151 Verletzte. Das amerikanische Online-Magazin „Slate“ hat nun zusammengetragen, mit welchem Waffentyp die Attentäter ihre Opfer richteten – und wie sie überhaupt in Besitz der Revolver, Pistolen und Gewehre gelangt sind. Dabei fällt auf: In den meisten Fällen hatten die Täter keine Probleme, an ihre Tatwaffen zu gelangen. Selbst Personen, die im Vorfeld bereits straffällig geworden waren oder als psychisch labil eingeschätzt wurden, konnten sich mit Schusswaffen eindecken.

          Harper-Mercer litt vermutlich am Asperger-Syndorm

          Bereits der jüngste Fall wirft Fragen auf. Harper-Mercer, der Attentäter von Oregon, besaß 13 Schusswaffen; zu seinem Amoklauf nahm er fünf Pistolen und ein Gewehr mit in die Bildungseinrichtung in Roseburg im Bundesstaat Oregon. Nach Angaben von „Slate“ erwarb Harper-Mercer alle Waffen auf legalem Wege. Damit befanden sich 13 Waffen in den Händen eines Mannes, der von ehemaligen Nachbarn als sozialphobisch beschrieben wird und vermutlich am Asperger-Syndrom litt, wie ein Interneteintrag seiner Mutter nahelegt. Da die vermuteten Störungen aber nie ärztlich diagnostiziert wurden, fiel die Käufer-Prüfung von Harper-Mercer beim Erwerb der Waffen stets positiv aus.

          Wie lückenhaft die Prüfungen beim Kauf mitunter sind, zeigt das Beispiel von Aaron Alexis. Der ehemalige Marineunteroffizier tötete im September 2013 zwölf Menschen bei einem Amoklauf auf einem Marinestützpunkt in Washington. Seine Tatwaffe, ein Gewehr der Marke Remington, kaufte Alexis zwei Tage zuvor in einem Waffenladen im Bundesstaat Virginia – obwohl er bereits zwei Mal zuvor polizeilich auffällig geworden war. 2004 hatte er die Reifen eines Autos zerschossen, 2010 die Decke seines Apartments mit einer Kugel durchlöchert; doch keiner der Vorfälle fiel in Virginia bei der Prüfung gegen ihn ins Gewicht.

          Auch in anderen Fällen kamen Attentäter unter dubiosen Umständen an ihre Tatwaffen: Jared Lee Loughner, der 2011 bei einer Versammlung einen Politiker und fünf weitere Menschen erschoss, war vor dem Attentat von einer Schule suspendiert worden, Begründung: psychische Probleme. Da er allerdings nie von einem Gericht für psychisch ungeeignet eingestuft wurde, konnte Loughner unter den laschen Waffengesetzen in Arizona problemlos eine halbautomatische Pistole erwerben.

          Auch das FBI macht Fehler

          Frazier Glenn Miller Jr., ein verurteilter Straftäter, kaufte im April 2014 in einem Walmart-Supermarkt ein Gewehr – legal, da ihm nur der Besitz von Pistolen verboten war. Vier Tage später tötete Miller drei Menschen in einem jüdischen Gemeindezentrum in Kansas.

          Doch nicht immer waren zu lasche Waffengesetze dafür verantwortlich, dass Amokläufer sich mit Gewehren und Pistolen ausstatten konnten. In mindestens einem Fall versagten die Behörden: Als sich der ehemalige Landschaftsgärtner Dylann Roof 2015 in einem Waffengeschäft eine Pistole zulegen wollte, fragte der Ladenbesitzer beim FBI nach der Tauglichkeit des potentiellen Käufers an. Die Behörde erbat sich eine dreitägige Bearbeitungszeit, schließlich war Roof kurz zuvor wegen Drogenbesitzes verhaftet worden. Eine Anfrage bei der zuständigen Polizeidienststelle blieb jedoch unbeantwortet; nach 72 Stunden waren die näheren Umstände der Verhaftung weiter unklar.

          Roof durfte die Pistole schließlich kaufen – und erschoss mit der Waffe wenige Tage später neun Menschen. Der Bericht, der dem FBI erst verspätet zugestellt wurde, beinhaltete die Information, das Roof den vorgeworfenen Drogenbesitz gestanden hatte. Per Gesetz war er somit für den Besitz einer Schusswaffe nicht geeignet, der Kauf hätte nicht erlaubt werden dürfen.

          Acht der elf gelisteten Amokläufer in Amerika waren nach Gesetz legitime Waffenbesitzer. Auch in Deutschland haben die Täter bei vergleichbaren Verbrechen oft leichten Zugang zu Schusswaffen: Der Amokläufer von Erfurt, der 2002 an einem Gymnasium 16 Menschen erschoss, war Mitglied in einem Schützenverein und trug eine Waffenbesitzkarte. Der 17 Jahre alte Schütze von Winnenden, der 2009 15 Menschen tötete, entwendete die Tatwaffen aus der Sammlung seines Vaters, eines Sportschützen.

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