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Nach Chantals Tod : Wer ist schuld?

  • -Aktualisiert am

Trauer und Wut: Vor dem Wohnhaus der Pflegeeltern in der Hamburger Fährstraße Bild: dapd

Die 11 Jahre alte Chantal ist an einer Methadon-Vergiftung gestorben. Ihre Pflegeeltern waren Junkies, die Wohnung war vermüllt. Doch den Behörden fiel nichts auf.

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          Sie aßen Yum-Yum-Suppen. Jeden Tag. Die beiden Mädchen kamen immer in den kleinen Eckladen, zwei Blocks von zu Hause entfernt. Sie kauften die Pakete mit Instantnudeln, drei für einen Euro. Sie nahmen fast nichts anderes, höchstens mal eine Süßigkeit. Beide waren still und schüchtern. Kurz bevor Chantal mit elf Jahren starb, waren sie noch einmal da, kauften ein, gingen und kamen kurz darauf wieder. Die acht Jahre alte Ashley sagte: „Wir haben vergessen, das hier zu bezahlen“, und legte zitternd einen Riegel auf den Tisch. Der türkische Verkäufer sagte: „Weil ihr so ehrlich wart, könnt ihr es so mitnehmen.“

          Durch die Scheiben sah er den Pflegevater, der fuhr ein Motorrad. „Da geht es hin, das Pflegegeld“, dachte der Verkäufer. Die Ziehmutter kam immer am Monatsanfang in den Laden, wenn Geld eingetroffen war. Dann kaufte sie eine Stange Zigaretten. Manchmal nahm sie auch noch Kaffee mit. Jetzt ist das Paar abgetaucht. „Aus Scham“, sagt der Verkäufer. „Und aus Angst.“ Alle wissen es, hier im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Vor dem roten Backsteinhaus stehen Grabkerzen, Kuscheltiere und Fotos von Chantal. In einem Brief heißt es: „Jeder konnte deine müden Augen sehen, aber nix ist geschehen.“

          Die Wohnungstür im ersten Stock ist zerkratzt. Weihnachtsschmuck hängt da noch, ein Stern, er verdeckt den Aufkleber mit den Namen. Die Klingel fehlt. Der Briefkasten quillt über. „Die sind nicht da“, sagt eine Nachbarin. „Ich habe sie seit Tagen nicht gesehen.“

          Die Haut eines Junkies

          Eine Straße weiter, im Deichhaus, sitzt Pfarrer Henatsch an einem Tisch mit Essensmarken. Er hat hier Anfang der Neunziger eine Arbeitsloseninitiative gegründet, mit einer Essensausgabe für Bedürftige. Viele Werften waren geschlossen worden, es herrschte große Not in Wilhelmsburg. Auch Sylvia L., Chantals Pflegemutter, kam ins Deichhaus, hatte an der Fachhochschule für Sozialpädagogik gelernt und war arbeitslos. Der Pfarrer verschaffte ihr eine Stelle als Helferin, sie machte Fahrdienst. Ihre Drogensucht hatte sie immer abgestritten, hatte versichert, das sei vorbei. Sie legte eine Bescheinigung vom Arzt vor. Leute, die sich auskannten, sagten, sie nähme noch Heroin. Das sähe man an ihren Augen. Aber sie konnten ihr nichts nachweisen. Und der Pfarrer hoffte, dass sie durch die Beschäftigung da wieder herauskommt.

          Heute ist Sylvia L. 47 Jahre alt, hat die Haut eines Junkies, lila und pickelig, drei Piercings im Gesicht und Tattoos auf dem ganzen Rücken. Sie hat drei leibliche Kinder. Die älteste Tochter ist selbst schon Mutter, von Ashley. Sie wurde 2005 in die Obhut von Großmutter Sylvia L. gegeben. Das Bezirksamt bewilligte die Pflegeschaft. Später wurde Ashleys Mutter am Flughafen von Madrid festgenommen, wegen Kokainschmuggels. Sie saß ein paar Jahre im Knast.

          Ashley und Chantal waren Freundinnen. Chantal wohnte nebenan in der Fährstraße. Der Vater war drogenabhängig, die Mutter trank. Sie gaben das Kind an Sylvia L. ab, wo es ohnehin ein und aus ging. Das Amt bewilligte das. Prinzip milieunahe Unterbringung. Die Familie wurde nicht weiter geprüft. Chantals Mutter soff sich zu Tode. Der leibliche Vater soll versucht haben, Chantal zurückzubekommen. Doch obwohl er nebenan wohnte, sah man ihn nie mit seiner Tochter. Er habe nur zu Hause gesessen und Playstation gespielt, sagen die Nachbarn. Chantal blieb bei Sylvia L.

          Methadon als Ersatzdroge

          Die beiden Pflegekinder waren dünn. Die leiblichen Kinder waren dick. Lange Zeit war der Herd kaputt, da kamen Chantal und Ashley zum Essen ins Deichhaus. Die Mitarbeiterinnen beobachteten, wie hart Sylvia L. mit den Mädchen umging. Den eigenen Kindern erfüllte sie jeden Wunsch. Die Pflegemädchen zwang sie, das Wochenblatt auszutragen.

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