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Mysteriöse Flucht : Die befreiende Macht der Liebe

Die Fahndungsfotos der Kantonspolizei Zürich haben auch eine Woche nach der Flucht von Gefängniswärterin und Sexualstraftäter nicht zum Erfolg geführt. Derweil rätseln viele, was die Frau zu ihrer Tat bewegt hat. Bild: Kantonspolizei Zürich/dpa

Vor einer Woche hat eine Gefängniswärterin einem Vergewaltiger in der Schweiz zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen und sich mit ihm zusammen über die Grenze nach Italien abgesetzt. Warum?

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          Auch eine Woche nach ihrer Aufsehen erregenden Flucht sind Angela Magdici und Hassan Kiko nicht gefasst. Noch immer liegt im Dunkeln, welche Motive die 32 Jahre alte Schweizerin dazu veranlassten, den fünf Jahre jüngeren Syrer aus seiner Zelle im Gefängnis Limmattal im Kanton Zürich zu befreien. Magdici war Kikos Aufseherin und hatte deshalb alle notwendigen Schlüssel und Codes, um mit ihm des Nachts die Haftanstalt zu verlassen.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der zweite Wachmann schlief ahnungslos in seiner Kammer. Als er um 5 Uhr morgens erwachte, hatte sich das flüchtende Paar im schwarzen BMW der Wärterin schon über die Grenze nach Italien abgesetzt.

          Dass sich die hübsche junge Frau in den grobschlächtigen Kraftprotz, der wegen Vergewaltigung einer Fünfzehnjährigen im Gefängnis saß, verliebt haben muss – das war von Anfang an die naheliegende Vermutung. Der so ungewöhnliche Fall bringt in den Schweizer Medien fast täglich neue Schlagzeilen, auch wenn die Polizei der Lösung nicht näher zu kommen scheint.

          „Er hat keine Achtung vor Frauen“

          Das Boulevardblatt „Blick“ hat am Montag einen „Zeugen“ präsentiert, der die These stützt, dass Liebe im Spiel sein muss. Dabei handelt es sich um Kikos ehemaligen Mithäftling G., der im Juni 2015 eine kürzere Freiheitsstrafe im Gefängnis Limmattal abbüßen musste. Gleich am ersten Tag habe er Kiko kennengelernt.

          „Wir Häftlinge wussten, dass er ein Sextäter war. Wir nahmen ihn in die Mangel. Nur so viel: Er ist nicht okay. Er hat keine Achtung vor Frauen“, sagte G. gegenüber „Blick“. Die Aufseherin Angela Magdici sei hingegen bei den Häftlingen sehr beliebt gewesen: „Sie war nicht nur die jüngste und die schönste Frau im Gefängnis. Sie war auch nett und anständig. Einfach eine liebe Person.“

          Nach den Angaben des ehemaligen Mitinsassen hat Kiko die Wärterin um den Finger gewickelt. Der Syrer habe sich als Opfer geriert und darüber gejammert, wie sehr er bis heute unter der Flucht aus seiner alten Heimat leide. „Angela fiel voll auf ihn herein. Wir wussten alle, dass die beiden etwas zusammen haben.“

          „Sie steht wohl auf kriminelle Männer“

          Diese Erzählung passt in das Bild, das zuvor schon der Ehemann von Angela Magdici entworfen hatte. Die Zeitung „20 Minuten“ hat mit Vasile Leon Magdici gesprochen: „Ich habe Angela geliebt und wollte Kinder mit ihr“, gab er zu Protokoll. Doch vor drei Monaten habe sie sich von ihm getrennt und sei aus der gemeinsamen Dachgeschosswohnung in Dielsdorf im Kanton Zürich ausgezogen.

          Zuvor schon habe sie ihr bis dahin liebevolles Verhalten verändert, sei ihm gegenüber gleichgültig und schließlich aggressiv geworden. Einige Wochen vor der Trennung habe seine Frau angefangen, sich mit dem Koran zu beschäftigen. Einmal sei eine SMS auf Arabisch gekommen, und ihre beste Freundin habe diese so schnell wie möglich übersetzen müssen.

          Gegenüber „Blick“ zeigt sich Vasile Magdici erschüttert, dass sich seine Frau offenkundig in einen (noch nicht rechtskräftig) verurteilten Vergewaltiger verliebt habe: „Sie steht wohl auf kriminelle Männer, wahrscheinlich war ich ihr zu lieb“, mutmaßt er. Tatsächlich soll sich die Gefängniswärterin vor einigen Jahren schon in einen Kosovo-Albaner verliebt haben, der angeblich in Drogendelikte verwickelt war.

          Psychiater sprechen vom Phänomen der Hybristophilie

          Für das seltene Phänomen, dass sich Frauen zu Kriminellen – und zwar vor allem zu Sexualstraftätern und Gewaltverbrechern – hingezogen fühlen, gibt es einen Namen: Hybristophilie. Der österreichische Psychiater Reinhard Haller, der mehr als 400 Mörder und Gewalttäter begutachtet hat, teilt die Frauen, die Beziehungen zu Gewalttätern aufnehmen, in drei Gruppen ein.

          Erstens, so beschrieb es Haller vor einiger Zeit im „Spiegel“: die Retterinnen. Sie glauben trotz aller Gegenbeweise an die edle Seele des Mannes ihrer Wahl und an die erlösende Kraft ihrer Liebe. Zweitens: die Seelenforscherinnen. Sie sind fasziniert vom Bösen und erhoffen sich davon eine bessere Sicht auf Abgründe der eigenen Seele. Die dritte Gruppe hat laut Haller ein archaisches Motiv: „Da gehört das Morden, Töten und Schlachten zum Männlichen, die Frau identifiziert es mit Stärke, Schutz und Sicherheit.“ Das mache den erotischen Reiz aus.

          In fast allen Fällen verleugne oder bagatellisiere die Frau die Taten des Mannes. Haller hält es außerdem für denkbar, dass sich eine Frau mit jemandem identifiziert, den sie eigentlich fürchtet, um dadurch die eigene Angst zu bewältigen.

          Wie dem auch sei: In der so sicheren Schweiz mit ihren modernen Gefängnissen wundert man sich im Augenblick vor allem darüber, dass es so einfach war, aus einer Haftanstalt heraus zu spazieren. Und das geht auch nicht überall: In den Berner Gefängnissen könne ein Aufseher nie allein eine Tür zu den Zellentrakten öffnen, sagte Laszlo Polgar vom Berner Amt für Freiheitsentzug. Der Zutritt zu einer Abteilung gehe meist über Schleusen, die immer nur von zwei Betreuern zu öffnen seien. Das Zürcher Amt für Justizvollzug hat nun reagiert und mit nicht weiter beschriebenen „Sofortmaßnahmen“ die Sicherheit erhöht.

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