https://www.faz.net/-gum-8iy6z

Terrorverdächtiger Halil D. : Explosive Mischung aus Irrsinn und Islamismus

  • -Aktualisiert am

Doch kein Terrorist: Halil D. Bild: dpa

Halil D. hat eine Bombe gebaut. Ein Terrorist soll er trotzdem nicht sein. Vielleicht ist er nur verrückt. Sein Verhalten in der Untersuchungshaft erscheint höchst merkwürdig. Heute fällt das Urteil.

          Mal angenommen, Sie planten einen terroristischen Anschlag. Würden Sie sich auf die Sprengkraft einer „Haushaltsbombe“ verlassen, bestehend aus einem tiefen Kochtopf, einer Prise Rattengift, vier Messbechern Waschpulver und einem kräftigen Spritzer Fliesenreiniger? Nicht? Halil D., 36 Jahre alt, Familienvater aus einem Vorort von Frankfurt, soll zumindest über ein Attentat nachgedacht haben, und auf einer von 37 Karteikarten hat er handschriftlich die Zutaten für die Haushaltsbombe aufgelistet. Eine andere bei D. gefundene Karte ließ wissen, woraus „Badewannen-Napalm“ herzustellen sei; demnach gehörten Reinigungsmittel und Benzin zu den Inhaltsstoffen, und, so notierte D.: „Wenn man es braucht, nur noch anzünden.“

          Das alles ist lustig, und es ist es nicht. Halil D. ist der Mann, dessentwegen am 1. Mai 2015 ein Radrennen in Frankfurt abgesagt wurde, zu dem regelmäßig Tausende Zuschauer kommen. Es sah so aus, als sei Deutschland knapp dem ersten großen islamistischen Anschlag entgangen: Im Keller von D. fanden die Ermittler eine zündfertige Rohrbombe und alles zur Herstellung des unter Islamisten gängigen Sprengstoffs TATP. D. hatte Kontakte in die islamistische Szene, mehr als 70 Gewaltvideos des „Islamischen Staats“ auf seinem Rechner und war bei Nacht die Strecke des Radrennens abgefahren. Was bitte sollte man da denn denken?

          „Umso länger sein Bart wurde, desto kürzer wurden meine Haare.“

          Am Montag soll Halil D. verurteilt werden, allerdings nicht als Terrorist. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nach fünf Monaten Gerichtsverhandlung noch Urkundenfälschung, illegalen Waffen- und Sprengstoffbesitz vor. Dass er die Rohrbombe in seinem Keller einsetzen wollte, dass das Wochen vor dem Radrennen gekaufte Wasserstoffperoxid zum Bau einer weiteren Bombe, einer mit TATP, dienen sollte, ist unbewiesen geblieben. Für Halil D. ist es das Ende einer Verschwörung gegen ihn. In echt ist es eine Geschichte über die explosive Mischung aus Irrsinn und Islamismus.

          Halil D., geboren im Januar 1980 in Bad Friedrichshall als Sohn türkischer Einwanderer, aufgewachsen in Kassel, soll schon als Kind versucht haben, aus der Zigarettenasche seines Vaters Bomben zu bauen. So erzählt das die jüngere seiner beiden Schwestern, und sie ist es auch, die ihm nach seiner Festnahme am ehesten zutraute, einen Anschlag geplant zu haben. Wobei Schwester N. skeptisch war: „Vielleicht wollte er das Wasserstoffperoxid nur an Al Qaida verkaufen?“, fragt sie in einem von der Polizei abgehörten Telefonat. Einer der Mitschüler von Halil D. aus Kasseler Schulzeiten, der heute der rechten Szene angehört, erzählte vor Gericht über D.s Radikalisierung: „Umso länger sein Bart wurde, desto kürzer wurden meine Haare.“

          Nach der Schule zieht D. nach Frankfurt, er studiert Chemie und arbeitet dann bei einem Pflegedienst - ausschließlich zu dem Zweck, seine kranke Mutter zu pflegen, weil er niemandem zutraut, das auf eine dem muslimischen Glauben angemessene Art zu tun. Er gibt Frauen nicht die Hand, hält sich mit ihnen nicht in geschlossenen Räumen auf und sagt bei einer Polizeikontrolle, für ihn zähle nur die Scharia. Wenn zu Hause bei Familie D. - Halil ist inzwischen Vater von zwei kleinen Kindern und hat sich von einem bekannten Salafistenprediger trauen lassen - Besuch da ist, sind die Frauen in dem einen und die Männer in dem anderen Raum.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erstes Zeitungsinterview : AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          In ihrem ersten Zeitungsinterview als Verteidigungsministerin spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über ihr Verhältnis zum Militär, über das Vermächtnis der Männer des 20. Juli und über den Lieblingspulli ihrer Teenagerzeit. Auch in kritischen Zeiten werde die Truppe ihr Vertrauen genießen.
          Freiherr von Boeselager sind humanitäre Missionen wichtiger als die prunkvollen Traditionen des Malteserordens. Deswegen ist er oft vor Ort, wie hier bei einem Schlafkrankheitspatienten im südsudanesischen Yei.

          FAZ Plus Artikel: Malteserorden : Der bescheidene Großkanzler

          Albrecht Freiherr von Boeselager führt den ehrwürdigen Malteserorden. Als Großkanzler bricht er mit der Tradition – damit der Orden besser helfen kann. Das macht ihm nicht nur Freunde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.