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Getöteter Polizist in Herborn : Tödlicher Kampf im Einstiegsraum

  • -Aktualisiert am

Er habe sich angegriffen gefühlt und um sein Leben gekämpft: Das sagt der Angeklagte Patrick S. zum Angriff auf zwei Polizisten in Herborn. Das Bild stammt von Anfang Juni. Bild: dpa

An Heiligabend wollen zwei Polizisten Patrick S. im Zug kontrollieren. Der junge Mann sticht sofort auf die Beamten ein, einer stirbt. Vor Gericht behauptet er, sich von den Beamten bedroht gefühlt zu haben.

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          „Das war gelerntes Kämpfen“, sagt der Sachverständige von der Polizeiakademie Hessen, der selbst Kampfsportler ist und Nahkampf unterrichtet. Nach Auswertung des Videomaterials der Deutschen Bahn, auf dem die Auseinandersetzung zwischen Patrick S. und den Polizeibeamten zu sehen ist, kommt er zu dem Schluss, dass der Angeklagte die Polizeibeamten gezielt angegriffen hat. Patrick S. wird beschuldigt, am 24. Dezember vergangenen Jahres in Herborn einen 46 Jahre alten Polizisten tödlich und seinen 47 Jahre alten Kollegen lebensgefährlich verletzt zu haben.

          Der Sachverständige macht seine Einschätzung am Freitag vor dem Landgericht Limburg unter anderem an der Art fest, wie der Angeklagte im Nahkampf mit der Tatwaffe, einem Springmesser, agierte. Die Stiche seien geradezu in Idealform ausgeführt worden, sagt er. Der Angeklagte habe gezielt Deckungslücken gesucht, um die Polizisten mit Messerstichen im Hals- und Schulterbereich zu verletzen. Seine Körperhaltung während des Nahkampfs lasse auf eine antrainierte Kampfstellung schließen. Für das Aufeinandertreffen mit den Beamten habe Patrick S. den Ein- und Ausstiegsbereich des Bahnabteils gewählt, weil er dort auf reichlich Bewegungsfreiheit hoffte. Zudem entledigte er sich davor seiner Sporttasche, um die Hände frei zu haben. Aus der Umklammerung der Polizeibeamten habe er sich mit einem geschickten Kopfstoß und der Verlagerung seines Körpergewichts gelöst – alles Indizien, die laut dem Sachverständigen auf einen versierten Kampfsportler deuten.

          Der 27 Jahre alte Angeklagte soll womöglich Mitglied des in Deutschland verbotenen Rocker-Clubs Satudarah MC gewesen sein. Darauf deuten zumindest mehrere Tätowierungen hin. Auf den Fingergliedern der rechten Hand hat Patrick S. „ACAB“ (All Cops Are Bastards) tätowiert. Gegenüber einer Bekannten soll der Angeklagte zuvor den Wunsch geäußert haben, einmal einen Polizisten zu erstechen. Am Mittwoch ergänzte die Frau ihre Aussage vor dem Landgericht Limburg. So habe Patrick S. gesagt, er beabsichtige dort zuzustechen, wo Polizeibeamte trotz Schutzkleidung verletzbar seien. Während der Aussage wurde die Zeugin von Weinkrämpfen geschüttelt. Gegenüber Patrick S. entschuldigte sie sich für ihre Aussage.

          Angeklagter wegen Gewaltdelikten vorbestraft

          Zur Tatzeit hatte der Angeklagte rund 1,7 Promille und Amphetamine im Blut. Er stand nach früheren Verurteilungen wegen Gewaltdelikten unter Bewährung. Der tödlichen Auseinandersetzung ging eine Diskussion mit dem Zugbegleiter voraus, da Patrick S. als Schwarzfahrer erwischt worden war. Auf den Videos der Bahn ist deutlich zu erkennen, wie der Beschuldigte aufgebracht diskutiert und gestikuliert. Außerdem sieht man, wie sich der Zugbegleiter entfernt und Patrick S. auf den Ein- und Ausstiegsbereich zusteuert. Nach dem Halt des Zuges, so der Sachverständige am Freitag, spähte der Angeklagte nach draußen und nahm Kampfstellung ein – mit der linken Hand am Messer. Zudem sei zu sehen gewesen, wie sich der Beschuldigte mit martialischen Gesten auf einen Kampf vorbereitete. Nervosität sei nicht zu erkennen gewesen.

          Der tödlich verletzte Polizeibeamte feuerte auf den Angeklagten zwei Schüsse ab, die Patrick S. im Beckenbereich und im Oberschenkel trafen. In den Saal 129 des Landgerichts Limburg war der Kraftsportler gehumpelt. Die Verhandlung verfolgte er mit offenbar gleichgültigem Gesichtsausdruck. Zu Prozessbeginn hatte der Siebenzwanzigjährige ausgesagt, die Opfer nicht als Polizeibeamte erkannt zu haben. Wegen seiner früheren Verbindungen zur Rockerszene habe er Übergriffe befürchtet. Daher habe er vielmehr um sein Leben gekämpft. Im Einsatz trugen beide Polizisten ihre dunkelblauen Uniformjacken, auf denen groß der Schriftzug „Polizei“ zu lesen ist. Der Polizeibeamte, der die Messerattacke überlebte, sagte: „Ich mache den Job seit 27 Jahren, ich hatte noch nie das Problem, dass jemand mich nicht erkannt hat.“ Der ums Leben gekommene Polizeibeamte sei nicht nur sein langjähriger Kollege, sondern auch sein Freund und Nachbar gewesen. Das Urteil wird voraussichtlich im September verkündet.

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