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Mutmaßlicher Kindermörder : „Dass ich das nie wieder gutmachen kann“

  • -Aktualisiert am

Silvio S. vor einigen Tagen vor dem Landgericht Potsdam. Jetzt hat sich zum ersten Mal zu seinen Taten geäußert. Bild: dpa

Bislang hat der mutmaßliche Mörder von Elias und Mohamed, vor dem Potsdamer Landgericht zu den Tatvorwürfen geschwiegen. Jetzt hat er sich überraschend an die Angehörigen gewandt.

          3 Min.

          Am Ende spricht er doch. Knapp zweieinhalb Minuten redet Silvio S., und dass er so lange braucht, liegt daran, dass er mehrmals ins Stocken gerät und mit den Tränen kämpft. Vor dem Mann, der seit Mitte Juni vor dem Landgericht Potsdam steht, weil er zwei kleine Jungen entführt, missbraucht und ermordet haben soll, liegt ein handgeschriebener Zettel. Zehn Verhandlungstage lang hat der Dreiunddreißigjährige geschwiegen, obwohl der Vorsitzende Richter mehrmals an ihn appellierte, seinem Schweigerecht zum Trotz zur Aufklärung beizutragen. Am letzten Verhandlungstag nun, bevor am Dienstag das Urteil gesprochen werden soll, ist zum ersten Mal in diesem Aufsehen erregenden Prozess die Stimme des Angeklagten zu hören: dunkel, etwas belegt, trotzdem irgendwie cremig.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich möchte mich eigentlich nur entschuldigen bei denen, denen ich mit meinen Taten Schaden zugefügt habe“, sagt Silvio S. und nennt ausdrücklich die Familien und Freunde der beiden Opfer. „Ich bereue, was ich getan habe, und ich weiß auch, was ich getan habe. Wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun.“ Kein Wort auf der Welt könne beschreiben, wie leid es ihm tue. „Ich selbst kann es mir nicht verzeihen“, sagt er, und die Stimme bricht weg, mehrere Male holt Silvio S. tief Luft. Unabhängig davon, wie das Urteil ausfalle, werde die Verantwortung „für die schrecklichen Taten“ ihn für immer begleiten „genauso wie die Gewissheit, dass ich das nie wieder gutmachen kann“. Im Gefängnis, versichert Silvio S., werde er alle Behandlungsangebote annehmen, „damit so was auf keinen Fall noch mal passieren kann“. Bevor die Verhandlung beendet und der Angeklagte in Handschellen abgeführt wird, reibt er sich mit einem Taschentuch die Augen.

          Es ist ein Schlusswort, keine Einlassung. Auf drängende Fragen, vor allem zum Tod des sechsjährigen Elias aus Potsdam, gibt es auch nach Ende der Beweisaufnahme keine Antworten. Eben noch hatte die Rechtsanwältin, die dessen Mutter als Nebenklägerin vertritt, eindringlich darum gebeten, den genauen Todeszeitpunkt zu benennen: Diese Information könne ihrer Mandantin auf lange Sicht helfen, über den gewaltsamen Tod ihres einzigen Kindes und die damit einhergehende Verzweiflung und Leere hinwegzukommen. Andreas Schulz, einer der beiden Rechtsbeistände für die Familie des getöteten Flüchtlingsjungen Mohamed, sagt nach der Verhandlung: „Wie will man sich bei einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, entschuldigen? Das ist doch kein Verkehrsunfall.“

          „Bestie in Menschengestalt“

          Im Einklang mit der Staatsanwaltschaft fordern alle drei Nebenklagevertreter die Höchststrafe für Silvio S.: Lebenslang bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, die eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren nahezu unmöglich macht. Außerdem wird angesichts eines laut Schulz „in seiner Schwere einzigartigen Verbrechens“ eine Sicherungsverwahrung angestrebt. Der Staatsanwalt hatte Silvio S. in seinem Plädoyer am Montag als „tickende Zeitbombe“ und „Bestie in Menschengestalt“ bezeichnet.

          Die Verteidigung sieht das naturgemäß anders. Die Rechtsanwälte von Silvio S., Mathias Noll und Uwe Springborn, sitzen beide im Vorstand der Strafverteidigervereinigung des Landes Brandenburg. Nolls Telefonnummer muss sich der mutmaßliche Doppelmörder aus dem Internet herausgesucht haben, bevor er am 29. Oktober vergangenen Jahres verhaftet wurde. Ohne auch nur zu ahnen, was ihn erwartete, sei er damals nach Luckenwalde geeilt, wo Silvio S. in Polizeigewahrsam gesessen habe, sagt Noll. Und natürlich stelle man sich die Frage, ob man so ein Mandat annehme: „Die Beweislage war von Anfang an erdrückend.“ Aber zu seinem Selbstverständnis als Strafverteidiger gehöre eben auch das Credo: „Jeder hat das Recht auf eine Verteidigung, egal, was er getan hat.“

          Die Verhandlung über haben Noll und sein Kollege auffällig wenige Fragen und keinen einzigen Beweisantrag gestellt, eine Verteidigungsstrategie war – abgesehen von dem Schweigen des Angeklagten – nicht erkennbar. In ihrem Plädoyer nun versuchen sie, vermeintliche Gewissheiten über die Verbrechen an den Kindern zumindest teilweise als Spekulation zu entlarven. Eine Verurteilung wegen eines „Verdeckungsmordes“ an Mohamed und eine lebenslange Freiheitsstrafe halten zwar auch sie für zwingend. Dass es ihre Aufgabe sei, ihren Mandanten zu beschützen, „heißt nicht, dass wir blind sind“, so Noll. Weder eine besondere Schwere der Schuld noch das Verhängen der Sicherungsverwahrung halten sie indessen für gerechtfertigt.

          Ausgerechnet die Verteidigung ist es deshalb, die noch einmal die verstörenden Details der Beweisaufnahme heraufbeschwört: Weder sei der schwere sexuelle Missbrauch des kleinen Elias erwiesen noch geklärt, wie genau der Junge erstickt sei und ob sein Tod überhaupt von dem Angeklagten beabsichtigt gewesen sei. Hämatome an Armen und Beinen müssten dem gerichtsmedizinischen Gutachten nach nicht auf ein Sexualdelikt hinweisen, sondern könnten auch beim Transport des Leichnams entstanden sein. Selbst Genspuren seien kein Beweis dafür, dass die beiden Kinder tatsächlich Kontakt mit einem Gegenstand gehabt hätten, argumentieren die Verteidiger unter Berufung auf eine Rechtsbiologin besonders im Hinblick auf Kondome aus der Wohnung des Angeklagten. Und selbst wenn Elias tatsächlich die Maske, den Knebel, die Halskrause getragen habe, die eine große Rolle in diesem Prozess gespielt haben, müsse es keinen Zusammenhang mit seinem Tod geben. Rechtsanwalt Noll sagt außerdem: „Man muss dem Strafvollzug eine Chance geben.“ Eine lebenslange Strafe sehe schließlich nicht automatisch nach 15 Jahren die Entlassung vor, sondern nur dann, wenn ein Täter nicht mehr als gefährlich gelte.

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