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Kindesmissbrauch in Münster : Jugendamt wusste von früheren Straftaten des Hauptverdächtigen

  • Aktualisiert am

Die Gartenlaube, in der es zu den Verbrechen gekommen sein soll Bild: AFP

Obwohl er im Zusammenhang mit Kinderpornographie zweimal verurteilt war, konnte der Mann offenbar den Sohn seiner Lebensgefährtin anderen zum Missbrauch anbieten. Münsters Oberbürgermeister ist bestürzt über den Fall.

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          Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe hat bestürzt auf den bekanntgewordenen Missbrauchsfall in seiner Stadt reagiert. „Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt offenbar Schauplatz solch schrecklicher Taten war“, teilte der CDU-Politiker mit. „Unsere Aufmerksamkeit und unsere Gedanken sind bei der Kindern, die nun in sicheren Einrichtungen sind und dort umfassende professionelle Hilfe bekommen.“ Der Fall zeige in erschreckender Weise, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern und die Brutalität der Täter viel größere Dimensionen habe, als noch vor wenigen Jahren allgemein bekannt gewesen sei.

          Vier Männer sollen wechselweise zwei Kinder in einer Gartenlaube in Münster über Stunden schwer sexuell missbraucht haben. Der 27 Jahre alte hauptverdächtige Münsteraner soll dazu den Männern den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin überlassen haben. Das zweite Opfer war den Angaben zufolge der fünfjährige Sohn eines Beschuldigten aus Staufenberg (Hessen). Bilder und Videos der Taten bot der Hauptverdächtige im Darknet an.

          Jugendamt wusste von früheren Taten des Hauptverdächtigen

          Behörden und Justiz hatten offenbar trotz Wissens um frühere Kinderpornographie-Straftaten des Hauptverdächtigen das Kind in der Familie gelassen. Die Familie eines der Opfer sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, „weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war“, teilte die Stadt Münster  am Samstag mit. In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 habe das Familiengericht keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen. Oberbürgermeister Lewe sagte dazu: „Eine Bewertung können wir erst vornehmen, wenn die Faktenlage dafür ausreichend geklärt ist.“

          Nach Angabe der Ermittler war der Hauptverdächtige 2016 und 2017 zweimal wegen des Zugänglichmachens kinderpornografischer Schriften zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Er sei zu einer Therapie verpflichtet worden, die er auch absolviert habe.

          Am Wochenende wurde der Tatort in der Kleingartenanlage im Norden Münsters von Polizisten bewacht. Kleingärtner und Besucher der gepflegten Anlage zeigten sich entsetzt, wollten sich aber nicht zu den mutmaßlichen Geschehnissen auf der durch die Polizei versiegelten Parzelle äußern.

          Riesige Datenmengen

          Der Fall war am Freitag bekannt geworden, nachdem in mehreren Bundesländern insgesamt elf Tatverdächtige festgenommen worden waren. Die Ermittler stellten mehr als 500 Terabyte professionell verschlüsselten Materials sicher. Nach der Auswertung der ersten Daten gehen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass bislang nur ein kleiner Teil der mutmaßlichen Verbrechen bekannt geworden ist. Sieben der Festgenommenen sitzen in Untersuchungshaft.

          Die Expertise des Hauptverdächtigen als IT-Techniker ist es wohl, die es möglich machte, dass er überhaupt noch auf freiem Fuß war, obwohl er bereits vor einem Jahr wegen des Besitzes von Kinderpornografie erneut ins Visier der Ermittler geraten war. Doch es dauerte ein Jahr, bis es Experten der Polizei gelang, bei ihm bereits im April 2019 sichergestelltes Material zu entschlüsseln.

          Als den Ermittlern beim Sichten der Videos klar wurde, dass er nicht bloß Filme von sexueller Gewalt an Kindern verbreitet, sondern auch selbst Missbrauch begangen und anderen ermöglicht haben soll, kam er am 14. Mai in Haft. Die immensen Datenfunde bei Durchsuchungen, die Befragungen und weiteren Ermittlungen ließen dann bald erkennen, das es hier nicht um einen Einzeltäter geht, sondern ein ganzes Netz der sexuellen Gewalt gegen Kinder – mit mehr Tätern, mehr Tatorten, mehr Querverbindungen und schlimmstenfalls auch mehr jungen Opfern.

          Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten übereinstimmend der zuständige Oberstaatsanwalt und der Leiter der polizeilichen Ermittlungen. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“

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