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Nach der Schreckensnacht : Die Nerven der Münchner liegen blank

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Einer der wenigen, der sich am Samstagmorgen auf die Straße traut: Ein Mann stellt eine Kerze am Zugang zur U-Bahnstation Olympia-Einkaufszentrum ab, der noch immer abgesperrt ist. Bild: dpa

In München sind am Morgen nach der Schießerei kaum Passanten auf der Straße, dafür umso mehr Polizei. Volksfeste wurden abgesagt, Misstrauen und Angst sind allgegenwärtig in der Stadt.

          München, am Morgen nach der Schreckensnacht: Eine bleierne Stille liegt auf der Stadt. Nur wenige Menschen sind auf der Straße – die vertraute Briefträgerin, die Nachbarin, die ihren Hund ausführt, die Obsthändlerin an ihrem Stand, die Kisten auslädt. Am U-Bahnhof Laimer Platz steht am Bahnsteig nur ein einzelner älterer Herr, ratlos, weil kein Zug angezeigt wird. Schließlich springt die Anzeige an – in 24 Minuten soll es losgehen. Doch dann fährt ein Zug am Gegenbahnsteig ein, mit Fahrgästen aus der Innenstadt; er soll hier wenden. Der Zug hält, aber die Türen öffnen nicht.

          Sofort bricht große Unruhe aus, im und vor dem Zug. Ein Mann schreit: „Öffnen, öffnen, öffnen, mach doch auf, Kollege!“ Die Nerven liegen blank. Nach gefühlten Minuten – tatsächlich sind es zwanzig bis dreißig Sekunden – gehen die Türen schließlich auf. Was zu einer anderen Zeit als normal empfunden würde, ist wenige Stunden nach dem Anschlag beängstigend.

          Nicht ist normal an diesem Morgen: Die wenigen Fahrgäste, die in den Zug steigen, mustern einander misstrauisch. Schließlich wagt einer ein Lächeln, das erwidert wird. Die Stimmung entspannt sich ein wenig. Auf dem Informationsmonitor im Waggon wird die Telefonnummer der Polizei angezeigt, bei der anrufen kann, wer einen Angehörigen vermisst. Viele sind in der Nacht nicht nach Hause gekommen, da der öffentliche Nahverkehr eingestellt wurde; die Polizei hatte die Sorge, dass sich mögliche Täter in der  U-Bahn oder Bus flüchten könnten.

          Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, was jetzt am Morgen ziemlich sicher ist: Dass der achtzehn Jahre alte Täter allein gehandelt hat, als er im Olympia-Einkaufszentrum um sich schoss und neun Menschen tötete. Der Zug quert den Hauptbahnhof und den Stachus, erreicht schließlich den Odeonsplatz. Leer und verlassen stehen die Buden, die dort errichtet wurden, um ein großes Fest zum fünfhundertjährigen Bestehen des bayerischen Reinheitsgebots zu feiern.

          Polizisten patrouillieren durch die Fußgängerzone

          Es wurde noch in der Nacht abgebrochen, als die ersten Meldungen über den Anschlag eintrafen – dass es nicht fortgesetzt wird, bedauert an diesem Morgen von den Arbeitern niemand. Sie beginnen schon damit, die Buden auszuräumen: „Keine Zeit zum Feiern.“ Auch ein Musikfest für Jugendliche, das am Abend am Königsplatz stattfinden sollte, ist schon abgesagt worden. Polizisten in schwarzen Unifomen patrouillieren durch die Fußgängerzone in der Innenstadt – sichtbares Zeichen, dass die Polizei präsent ist auch nach den Strapazen des nächtlichen Großeinsatzes.

          Ein Mannschaftswagen mit jungen Polizisten steht in der Theatinerstraße quer; sie können jederzeit verhindern, dass ein Fahrzeug in die Fußgängerzone einfährt – und sich ein Szenario wie in Nizza wiederholt. Aus Bamberg stammen sie, sind noch in der Nacht wie viele andere Einsatzkräfte nach München gefahren. Sie sind trotzdem hellwach, schauen die Straße rauf und runter.

          In der Theatinerkirche am Odeonsplatz knien drei Gläubige auf den Gebetbänken. Am Altar des Heiligen Dominikus brennen Opferlichter; auf einer Tafel wird die „wunderbare Hoffnung“ beschworen, die mit ihm verbunden wird. Draußen vor dem Kirchenportal wird ein Obststand aufgebaut. „Die Erdbeeren, die mach ma heute für 2,99“ sagt die Standlfrau zu ihrem Helfer. Er lacht. Das Leben muss weitergehen.

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