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Mordprozess nach 40 Jahren : „Wirklich wie verhext“

  • -Aktualisiert am

Späte Anklage: Erna F. mit ihrem Verteidiger in Neuruppin am ersten Prozesstag. Bild: dpa

Erna F. soll 1974 in der ehemaligen DDR ihren achtjährigen Sohn vergiftet haben. Seit April steht die 74 Jahre alte Frau in Neuruppin vor Gericht. Eine verschwundene Ermittlungsakte gibt nun Rätsel auf.

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          Der Auftritt der Mitarbeiterin des Brandenburger Generalstaatsanwalts machte den Fall Erna F. noch mysteriöser. Oberstaatsanwältin Martina S. las irgendwann im Mai im Pressespiegel ihrer Behörde über der Fall, der zurzeit vor dem Neuruppiner Landgericht verhandelt wird. Eine Mutter soll 1974 in Schwedt ihren achtjährigen Sohn mit Gas vergiftet haben. Die Ermittlungen gegen sie wurden nach einer Weile eingestellt. Die Frau verließ die DDR Jahre nach dem Tod des Jungen und zog in die Bundesrepublik. Da aber laut Einigungsvertrag Mord nicht verjährt und da 2009 eine anonyme Anzeige gegen sie bei der Staatsanwaltschaft einging, in der sie verdächtigt wird, den kleinen Mario umgebracht zu haben, wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Nun steht sie also vor Gericht, inzwischen 74 Jahre alt.

          Die damalige Akte, die über den Todesfall des Jungen geführt wurde, ist verschwunden. Das Gericht besitzt daraus nur den Obduktionsbericht, der damals von der Berliner Charité angefertigt wurde. 73 Prozent Kohlenmonoxid im Blut des Jungen wiesen überdeutlich auf eine Vergiftung durch Gas hin.

          Doch was Staatsanwältin S. am Donnerstag vorträgt, kann den Fall nicht erhellen. Sie erinnert sich an ein Akteneinsichtsbegehren im Fall eines gestorbenen Jungen. Sie erinnert sich auch, vor etlichen Jahren die alte DDR-Akte darüber in der Hand gehabt und durchgesehen zu haben. Sie habe einiges aus der „dünnen Akte“ kopieren und der Dame schicken lassen, die um Auskunft gebeten hatte, weil sie die Mutter im Verdacht habe, den Sohn umgebracht zu haben.

          Doch nun ist die Akte wieder verschwunden, wahrscheinlich irgendwo im Archiv des Generalstaatsanwalts in Brandenburg an der Havel. Und auch der Verwaltungsvorgang um das Akteneinsichtsbegehren lässt sich nicht mehr auftreiben: „Es ist wirklich wie verhext.“

          Viele offene Fragen

          Der Fall, an den sich die Staatsanwältin erinnert, ist ähnlich, doch in entscheidenden Punkten anders als der, um den es in Neuruppin geht. Der Junge wurde nicht in der Küche tot aufgefunden, sondern im Bett, und die Küchentür war nicht verschlossen. Mario war auch nicht „etwas zurückgeblieben“, wie sie sich erinnert und auf Nachfrage beteuert. Er sei „kein normal entwickeltes Kind“ gewesen, da sei sie „ziemlich sicher“. Seiner Mutter erschien er jedoch „schwierig“. Doch das mag mehr an ihrer Lage - allein mit drei Kindern - gelegen haben als an dem Jungen. Woran sich die Staatsanwältin erinnert, ist ihre Empfindung beim Lesen der Abschlussverfügung des Staatsanwalts: „Das kann man auch anders sehen.“

          Beim Generalstaatsanwalt muss nun weiter gesucht werden, obwohl es „noch und nöcher“ getan worden sei. Die Sache wird nicht einfacher dadurch, dass selbst das Aktenzeichen irregulär und anders als üblich war. Nun müssen beide Töchter von Erna F. noch einmal vor Gericht erscheinen; bei der einen lebt sie, die andere hat ein zerrüttetes Verhältnis zu ihr.

          Ob sie es war, die vor Jahren beim Generalstaatsanwalt Einsicht in die Akte zum Tod ihres Bruders begehrte, ob sie es war, die mit einer anonymen Anzeige das Verfahren gegen die Mutter neu in Gang setzte, ist nicht bekannt. Carmen F. bestreitet es vor Gericht. Und Oberstaatsanwältin S. sagt, nachdem ihr die Anzeige gegen Erna F. vorgehalten worden ist, der Stil des Akteneinsichtsbegehrens und der anonymen Anzeige unterschieden sich stark. Der Brief an den Generalstaatsanwalt sei im Ton „echter Betroffenheit“, in „nachdenklichem Stil“ verfasst gewesen.

          Auch nach Lektüre der umfangreichen Anklageschrift bleibt Staatsanwältin S. sicher, dass das Verfahren gegen Erna F. und das aus der verschwundenen Akte ein und derselbe Fall sind. Die Unterschiede zwischen ihrer Erinnerung und den in der Anklage aufgeführten Fakten bewertet sie als geringfügig.

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