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Mordprozess in Erlangen : Ein nahezu perfektes Verbrechen

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Vor der Einäscherung stehen die Särge im Kühlraum des Aalener Krematoriums bereit für die obligatorische Leichenschau Bild: Dieter Rüchel

Weil er ihnen viel Geld schuldete, sollen zwei Bestatter in Erlangen einen Kollegen getötet und ihr Opfer mit falschen Papieren einem Krematorium untergeschoben haben. Doch das klappte nur, weil sie es in Bayern taten.

          Ein perfekter Mord ist vermutlich nur in Bayern möglich - wenn der Mörder ein Bestattungsunternehmen betreibt und die Schliche kennt, eine Leiche spurlos verschwinden zu lassen. Die Staatsanwaltschaft in Nürnberg hat jetzt gegen zwei Bestatter Anklage erhoben, denen eine solche Tat zur Last gelegt wird. Sie sollen im April 2007 einen Kollegen erschlagen, dessen Einäscherung in der Nähe von Passau veranlasst und seine Asche sodann in der Regnitz entsorgt haben. Länger als ein Jahr tappten die Ermittler im Dunkeln. Dann offenbarte sich einer der Täter überraschend einem Polizeibeamten und legte ein umfassendes Geständnis ab.

          Einer der wichtigsten Zeugen in dem Mordprozess wird der Betreiber des Krematoriums in Aalen sein, einem nicht weit von der bayerischen Grenze entfernt gelegenen Städtchen im baden-württembergischen Ostalbkreis. Dorthin pflegte das mutmaßliche Mörder-Duo jene Toten zu bringen, die ihrem Institut zur Einäscherung anvertraut wurden. Denn in Aalen ging es persönlicher zu als in den kommunalen Krematorien: „Bei uns konnten sie sich wie kleine Könige fühlen - und darauf haben sie auch Wert gelegt“, sagt Paul Kling, der Betreiber und Geschäftsführer der „Feuerbestattung Ostwürttemberg AG“ in Aalen.

          Bayern kontrolliert die Toten nicht

          Um das Opfer zu beseitigen, fuhren die beiden mutmaßlichen Mörder ausnahmsweise aber nicht nach Aalen, sondern - einige hundert Kilometer weiter - nach Fürstenzell bei Passau. Denn anders als in Baden-Württemberg und allen anderen Bundesländern findet in Bayern vor der Einäscherung keine zweite Leichenschau durch einen Arzt statt, der Sarg bleibt ungeöffnet. Die schweren Schädelverletzungen des Toten wurden also so wenig entdeckt wie die falschen Dokumente, die zu einem anderen Toten gehörten. Den hatte das Duo zuvor in Aalen einäschern lassen und dessen Papiere offenbar kopiert oder gefälscht und in Fürstenzell vorgelegt.

          Am Ende wird noch einmal gezählt

          In der „Feuerbestattung Ostwürttemberg AG“ ist in den Kühl- und Lagerräumen, ebenso am Tor und vor den Verbrennungsöfen ein halbes Dutzend Überwachungskameras angebracht. „Bei uns wird jeder Schritt, jeder Handgriff dokumentiert“, sagt der Betriebsleiter Bastian Schenk.

          Ein „Diplomatenkind“ mit niederbayerischem Dialekt

          Zu den meisten Beerdigungsunternehmern der Region, die alle zwei oder drei Tage einen Toten in unlackierten Fichte- oder Kiefersärgen anliefern, unterhalten die Betreiber des Aalener Krematoriums ein fast freundschaftliches Verhältnis. Kundschaft aus dem bayerischen Nachbarland, aus Nürnberg oder Fürth zum Beispiel, kommt nicht ganz so oft, aber deren Namen sind ihnen genauso vertraut. Ein Bestatter aus Erlangen, mit Goldkettchen und nabelweit offenem Hemdkragen, der einen winzigen Chihuahua mit sich führte und nervtötend von seinem Porsche schwadronierte, hat sich unauslöschlich eingeprägt. „Geraucht hat der wie ein Schlot“, echauffiert sich Paul Kling immer noch. Natürlich hat er trotzdem, in der Sitzecke vor der Kühlkammer oder im Chefbüro, mit dem Besuch einen Cappuccino getrunken. Aber sehr sympathisch, so viel lässt er durchblicken, sei ihm dieser Michael S., wie er von der Staatsanwaltschaft genannt wird, nicht vorgekommen.

          Dass der augenfällig halbseiden wirkende Herr sich als 1953 in Algier geborenes, in Kanada aufgewachsenes „Diplomatenkind“ ausgab, aber „breitestes Niederbayerisch“ sprach, kommentiert Kling mit spöttischem Lächeln und einer wegwerfenden Handbewegung: „Ein Aufschneider“, fügt er leise hinzu. Verstört und misstrauisch gemacht hat Kling allerdings, dass sein Gegenüber schon bei nächstbester Gelegenheit angeblich „fünftausend Leichen aus Italien ankarren“ wollte, mit denen er das Krematorium „auf Monate auslasten“ könne. Am liebsten jedoch, so habe er wiederholt erklärt, hätte er das Krematorium gleich komplett gekauft, „und wenn nicht dieses, dann irgendein anderes“.

          „So ordinär tritt kein Bestatter auf“

          Der bei den Besuchen in Aalen als Kompagnon von Michael S. auftretende Friedrich P. musste in solchen Situationen von jenem ominösen „Geldkoffer“ prahlen, in dem S., der mutmaßliche Drahtzieher des Ganzen, angeblich stets anderthalb Millionen Dollar bei sich trug. Dass S. zu dieser Zeit schon mehr als vier Jahre wegen einiger Betrugs- und Vermögensdelikte hinter Gittern gesessen hatte, scheint P. nicht gewusst oder zumindest gern verdrängt zu haben. Als „Gemütsmenschen“, der „dem S. total auf den Leim gegangen“ sei, schildert ihn sein Anwalt Axel Graemer: als willensschwachen Mitläufer, den der „Blender“ und „Macher“ S. auf Zuruf als willfähriges Mordwerkzeug benutzt habe.

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