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Mordprozess in Augsburg : „Das sind nicht meine Eltern“

  • -Aktualisiert am

Anfang des Jahres fand die Polizei die Leichen im Gülletank Bild:

Weil es ihm die „Stimme“ sagte, habe Landwirt Alexander W. seine Mutter und seinen Vater umgebracht. Er schlug sie mit einer Axt bewusstlos und warf sie dann in eine Güllegrube. Der Bauer bestreitet, dass es sich bei den Toten um seine Eltern handelt.

          Als die Polizei am 5. Januar 2009 auf den Hof der Familie K. kam, weil dort in der Güllegrube ein Arm aus dem Kuhmist ragte, blieb Alexander K. lieber im Kuhstall. Er blieb auch bei den Kühen, als sich innerhalb der nächsten Stunden die gesamte Verwandtschaft auf dem Hof versammelte. Die Polizei bewachte ihn also im Stall, denn er wollte partout nicht ins Haus zu seinen Angehörigen. Währenddessen wurden seine toten Eltern aus dem Kuhmist geborgen. Noch am selben Tag erzählte Alexander K. der Polizei, wozu ihn die „Stimme“ getrieben hatte. Die „Stimme“, die er seit dem 5. Januar nun nicht mehr hört.

          Aufrecht geht Alexander K. an diesem Donnerstag zur Anklagebank im Augsburger Landgericht, doch die zerfurchte Stirn verrät, wie schwer ihm der Weg in den Gerichtssaal fällt. Als er das Mikrofon einschaltet, zittern seine Hände. Was er von Beruf sei, fragt ihn der Vorsitzende Richter. „Landwirt“, antwortet der 35 Jahre alte Angeklagte und sieht mit seinem blonden Zopf und dem grauen Sweatshirt doch eher aus wie ein Musiker in einer Band. Später wird er verlegen lächeln, wenn der Vorsitzende Richter die Axt mit dem 70 Zentimeter langen Holzgriff aus einer Mülltüte holt, um sie mit Verteidiger und Staatsanwalt an der Richterbank zu begutachten. Und als der Staatsanwalt die Mordanklage verliest, in der von vielen Axthieben, aber von keiner einzigen „Stimme“ die Rede ist, wird er seinen Blick in die Ferne schweifen lassen.

          Der Vater lebte noch

          Gestritten hätten sich Vater und Sohn um die Art und Weise, wie der Hof mit den 170 Milchkühen im bayerischen Penzing in der Nähe von Landsberg am Lech am besten zu bewirtschaften sei. Offenbar wollte Alexander K. die Milchwirtschaft aufgeben, sein Vater hingegen nicht. So fasste er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft etwa ein Jahr vor der Tat den Plan, seine Eltern zu töten. Um dem ewigen Gezanke ein Ende zu setzen, habe Alexander K. somit am 4. Januar im Stall eine Axt bereitgelegt. Um dem Drängen der „Stimme“ endlich nachzugeben, sagt indes der Angeklagte. Und führt vor Gericht aus, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dass die Stimme seit Weihnachten 2007 zu ihm spricht: „Das sind nicht deine Eltern. Bring’ sie um!“ Ihn beeindruckt am Donnerstag auch nicht das DNA-Gutachten, das eindeutig belegt, dass er das leibliche Kind der beiden Toten sei. „Es sind nicht meine Eltern.“ Alexander K. leide unter einer schizophrenen Psychose, sagt sein Verteidiger Hartmut Wächtler. Auch der Gutachter werde die verminderte Schuldfähigkeit, wenn nicht sogar die Schuldunfähigkeit, noch bestätigen. Wieder und wieder habe die „Stimme“ ihn gepeinigt, zu tun, was dann auch getan wurde, sagt Alexander K. Und gesteht damit vor Gericht im Wesentlichen den Tatablauf, wie ihn die Staatsanwaltschaft sieht.

          Auf Drängen der „Stimme” habe Alexander K. seine Eltern umgebracht

          Am 4. Januar 2009 verließ die 54 Jahre alte Irmgard K. gegen 20 Uhr den Kuhstall und wollte ins Haus gehen. Das Vieh war versorgt, die Arbeit getan. Doch sie kam nicht weit. In der Dunkelheit trat von hinten Alexander K. an seine Mutter heran und schlug mit voller Wucht gegen ihren Kopf. Dann schleppte er die bewusstlose Frau an den Füßen zur Güllegrube und warf sie hinein. Sie wurde wach, fing an zu schreien. Wieder mehrere Hiebe auf den Kopf. Er hörte erst auf, als sie tot war.

          Anschließend ging er zum Wohnhaus und versteckte die Axt vor dem Haus. Sein Vater Martin K. saß im Wohnzimmer auf der Couch, der Fernseher lief. „Die Mutter ist gestürzt“, sagte Alexander K. Sofort verließen Vater und Sohn das Haus in Richtung Stall. Der Vater ging vor, Alexander K. hinterher. Der nahm wieder die Axt und schlug zu. In den Hinterkopf getroffen, sank der 70 Jahre alte Mann zu Boden. Ein weiterer Schlag verletzte das Schädeldach. Auf der Schaufel eines Traktors transportierte Alexander K. seinen leblosen Vater zur Güllegrube. Nachdem er ihn hineingeworfen hatte, hörte er es noch blubbern, wie von Luftblasen. Der Vater lebte noch.

          Er habe gewusst, dass der Vater ersticken würde, sagt die Staatsanwaltschaft. Daher drehte Alexander K. sich um und ging ins Haus. Dort duschte er, schaute noch etwas Fernsehen und ging dann schlafen. Zuvor aber rief er noch einen Viehhändler an und verkaufte am Telefon die Kühe. Zwei Tage später wurden alle Tiere abgeholt.

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