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Mordprozess gegen Hochstapler : „Mr. Rockefeller“ lächelt von der Anklagebank

  • -Aktualisiert am

Guten Mutes: Gerhartsreiter zwischen den Anwälten Denner (links) und Bailey Bild: AFP

In Amerika beginnt der Mordprozess gegen den deutschen Hochstapler Christian Karl Gerhartsreiter. Er soll den Sohn seiner Vermieterin getötet haben. Das zu beweisen ist für die Staatsanwaltschaft „eine besondere Herausforderung“.

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          Nur seine Anwälte nennen ihn weiter „Mr. Rockefeller“. „Er ist optimistisch und will die Sache hinter sich bringen. Mr. Rockefeller hängt wegen des Falls schon so lange in der Luft“, sagte Verteidiger Jeffrey Denner zu Beginn des Mordprozesses gegen Amerikas geschicktesten Hochstapler. „Der Angeklagte“, wie das Gericht Christian Karl Gerhartsreiter aus dem bayerischen Siegsdorf dagegen schlicht nennt, soll im kalifornischen San Marino vor fast 30 Jahren John Sohus, den Sohn seiner Vermieterin, getötet haben. Damals nannte sich der Zweiundfünfzigjährige noch Christopher Chichester, besuchte Bibellesungen und gab vor, als Student an der University of Southern California im nahen Los Angeles Filmkurse zu belegen.

          Als Sohus und seine Ehefrau Linda Mayfield Sohus Ende Februar 1985 unter rätselhaften Umständen verschwanden, hielt es auch den angeblichen Verwandten des britischen Königshauses nicht länger in San Marino. Bevor die Ermittler den jungen Mann mit dem englischen Akzent und den tadellosen Manieren als „auffällige Person“ vernehmen konnten, zog er an die Ostküste. Unter dem Pseudonym Christopher Crowe arbeitete der ehemalige Austauschstudent an der Wall Street und stieg schließlich als Clark Rockefeller, ein vermeintlicher Spross des amerikanischen Öl-Clans, in die sonst so undurchlässige New Yorker und Bostoner Gesellschaft auf. Wie sich Gerhartsreiters frühere Freundin Mihoko Manabe bei einer gerichtlichen Anhörung erinnerte, hatte der Sohn eines Anstreichers das Alias der legendären Unternehmerfamilie gewählt, nachdem er als „Rockefeller“ in einem Restaurant besser bedient worden war.

          Gerhartsreiters selbstgebastelte Persona aus europäischer Aristokratie und amerikanischem Geldadel wird das Oberste Bezirksgericht in Los Angeles in den kommenden sechs Wochen ebenso beschäftigen wie der Mord an Sohus. Fast zehn Jahre nach dem Verschwinden des Siebenundzwanzigjährigen hatte ein Baggerfahrer im Garten des früher von seiner Familie bewohnten Anwesens in San Marino eine Tüte mit Knochen entdeckt, die Forensiker dem Sohn von Gerhartsreiters verstorbener Vermieterin Ruth Sohus zuordneten. Wie die Obduktion des dreigeteilten Körpers im Jahr 1994 zeigte, war der Programmierer mit mindestens drei Schlägen auf den Kopf getötet worden.

          Als der angebliche Rockefeller nach der Scheidung von der Millionärin Sandra Boss dreizehn Jahre später mit der Entführung der gemeinsamen Tochter Reigh an der Ostküste Aufsehen erregte, wurden fast 5000 Kilometer entfernt auch die kalifornischen Ermittler wieder auf ihn aufmerksam. Gerhartsreiter hatte Sohus’ Gästehaus an der Lorain Road bewohnt, als der Science-Fiction-Anhänger über Nacht verschwand. „Anfangs machte ich mir keine Gedanken. Da John und Linda frisch verheiratet waren, schien es normal, dass sie vorerst nicht mehr zu den Treffen der Los Angeles Science Fantasy Society kamen“, sagte Mike Glyer, ein Mitglied des Clubs, den auch die Autoren Ray Bradbury und Robert Heinlein besuchten. „Irgendwann fingen die engeren Freunde aber an, sich zu wundern und Fragen zu stellen. Bis Johns Leichnam fast ein Jahrzehnt später gefunden wurde, blieb alles im Dunklen.“

          Einige Dutzend Zeugen sollen die Geschworenen überzeugen

          Da sich der „Möchtegern-Rockefeller“, wie die amerikanischen Medien den Angeklagten nennen, nicht schuldig erklärte, erwartet die Jury nun ein Indizienprozess. „Weil der Fall lange zurückliegt, stellt er eine besondere Herausforderung dar“, gab der stellvertretende Staatsanwalt Habib Balian schon bei der Auswahl der zwölf Geschworenen in der vergangenen Woche zu. Gerhartsreiter, der den potentiellen Juroren in einem dunklen Blazer über weißem Hemd anstelle des blauen Gefängnisoveralls mit Handschellen begegnete, erwiderte Balians Hinweis mit einem siegessicheren Lächeln. Die Anklage stützt sich vor allem auf Aussagen einiger Dutzend Zeugen.

          Wie Robert und Bettie Brown bei der Anhörung im Januar 2012 berichteten, hatte der Angeklagte im Frühjahr 1985 versucht, ihnen einen Orient-Teppich zu verkaufen. Als das Ehepaar Blutflecken entdeckte, soll Gerhartsreiter den Teppich hastig wieder eingerollt haben. Auch Sohus’ Lastwagen bot Gerhartsreiter nach dem plötzlichen Verschwinden des Programmierers zum Verkauf. Ein weiterer Zeuge gab an, dem vermeintlichen Studenten eine Kettensäge geliehen zu haben. Nachbarn erinnern sich zudem an Erdarbeiten vor dem Gästehaus, das Gerhartsreiter damals an der Lorain Road bewohnte. Während dort fast zehn Jahre später die in Plastik eingeschlagenen Körperteile von John Sohus entdeckt wurden, fanden die Ermittler aber keine Spur seiner Ehefrau Linda.

          „Nach unserer Meinung kann der Bundesstaat Kalifornien nicht beweisen, dass der Angeklagte John Sohus ermordete“, ließ Anwalt Denner jetzt wissen. Wie die Verteidigung andeutete, schließt sie vielmehr Linda Sohus als Täterin nicht aus. Angeblich schrieb die Sechsundzwanzigjährige ihrer Schwiegermutter Postkarten aus Paris, als deren Sohn nach den bisherigen Ermittlungen schon ermordet worden war. Bei einer Anhörung hatten Gerhartsreiters Anwälte Denner und Brad Bailey Zeugen auch zu Spannungen zwischen den Eheleuten befragt. Während eine Kollegin der Buchhändlerin Linda Sohus sich an eine Auseinandersetzung über Geld erinnerte, bleibt ein mögliches Motiv des angeklagten Gerhartsreiter weiter im Dunklen. Dass der einst als sympathischer Plauderer geschätzte Bayer in den kommenden Wochen Einblick in die Beziehung zu John Sohus gewährt, ist jedoch unwahrscheinlich. Da „Mr. Rockefeller“ im Zeugenstand auch über die Entführung seiner Tochter befragt würde, die ihm in Massachusetts vier Jahre Haft einbrachte, verzichtet er wohl auf die Aussage.

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