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Mordprozess gegen Hochstapler : Erzengel erscheint irakischem General

  • -Aktualisiert am

Dame der Gesellschaft: Viola Drath 2004 auf dem Woodrow-Wilson-Gartenfest in Washington Bild: AP

In Washington wird dem deutschstämmigen Hochstapler Albrecht Muth der Prozess gemacht. Er soll seine 45 Jahre ältere Ehefrau Viola Drath ermordet haben.

          Der Mordprozess gegen den deutschstämmigen Albrecht Muth begann in Washington ebenso skurril wie seine Ehe mit der 40 Jahre älteren Düsseldorferin Viola Drath, die im August 2011 mit Rippenbrüchen und Quetschungen am Hals tot im Bad ihres Hauses im Stadtteil Georgetown entdeckt wurde. Während die Angehörigen der früheren Journalistin und Gesellschaftsdame in den vergangenen Tagen in der ersten Reihe des Obersten Bezirksgerichts in Washington saßen, verfolgte der Angeklagte das Verfahren etwa 15 Kilometer entfernt per Video aus dem Krankenhausbett. Nach der Anklageerhebung vor zwei Jahren hatte der Neunundvierzigjährige immer wieder die Nahrung verweigert und magerte auf 45 Kilogramm ab. „Um sich der Strafe zu entziehen“, ließ der Staatsanwalt Glenn Kirschner die Geschworenen am Dienstag in seinem Eröffnungsplädoyer wissen. „Weil er unschuldig ist und eines Verbrechens verdächtigt wird, das er nicht begangen hat“, hielt Muths Pflichtverteidiger Craig Hicklein dagegen.

          Der Angeklagte macht höhere Mächte geltend. Gefängniswärtern vertraute er vor dem geplanten Prozessbeginn zu Beginn des vergangenen Jahres an, ihm sei der Erzengel Gabriel erschienen und habe ihn zum spirituellen Fasten aufgefordert. Schon zuvor hatte Muth, der von Psychiatern als voll zurechnungsfähig eingestuft wurde, staunenerregende Allüren gezeigt. So hatte er verlangt, vor Gericht die maßgeschneiderte Uniform eines irakischen Offiziers zu tragen, die er immer trug, wenn er auf dem Weg zu Viola Drath durch Georgetown stolzierte. Die irakische Botschaft teilte nach dem Tod der 91 Jahre alten Journalistin mit, Muth habe nie in der Armee des Landes gedient. Die Uniform soll „Mutey“, wie seine Ehefrau ihn an den seltenen guten Tagen nannte, im Internet bestellt haben.

          „Er war der Freund, sie war die Ehefrau“

          Drath, die früher über deutsch-amerikanische Beziehungen schrieb und für das „Handelsblatt“ aus den Vereinigten Staaten berichtete, hatte den Hochstapler im Jahr 1980 bei einer Pressekonferenz kennengelernt. Die gebürtige Rheinländerin war nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem ersten Ehemann, dem stellvertretenden amerikanischen Militärgouverneur in Bayern, Francis Drath, erst nach Nebraska und anschließend nach Washington gezogen. Einige Monate nach dem Krebstod ihres Mannes im Jahr 1981 gab Drath die Verlobung mit dem Praktikanten Muth bekannt. Neun Jahre später trat die damals Einundsiebzigjährige schließlich mit dem Sechsundzwanzigjährigen vor den Traualtar, ohne ihre beiden Töchter Constanze und Francesca einzuladen. Wie Staatsanwalt Kirschner recherchierte, schlief das ungleiche Paar in dem erdfarbenen Townhouse an der Q Street stets in getrennten Betten.

          Nach Draths Tod gestand Muth, während der Ehe fünf Jahre lang eine sexuelle Beziehung zu einem Mann gepflegt zu haben. „Er war der Freund, sie war die Ehefrau. Aus bestimmten Gründen hat man das eine, aus anderen Gründen das andere“, sagte Muth dem Fernsehsender „9News“. Draths Tochter Francesca sagte jetzt vor Gericht aus, Muth habe die gesellschaftliche Stellung seiner Ehefrau dazu genutzt, Politiker und Juristen um sich zu scharen. Als Mitglied der „Kissinger-Runde“ des National Committee in American Foreign Policy und Beraterin des amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush hatte die Journalistin ein Netzwerk aufgebaut, an dem auch Muth teilhaben wollte. Bei Draths Einladungen soll der gebürtige Kölner die Gäste mit selbstgekochten Gerichten beeindruckt haben. Zudem unterhielt er sie mit Anekdoten über den Dienst in der irakischen Armee und mit gleichfalls erfundenen Abenteuer als Spion. „Meine Mutter genoss die Aufmerksamkeit. Er wollte sie zu einem Star machen“, erinnerte sich Francesca Drath.

          „Mutey“ droht eine lebenslange Haftstrafe

          Aber in dem Townhouse an der Q Street war das Leben wohl weit weniger glanzvoll. Bei der Vorbereitung des Prozesses wurde bekannt, dass „Mutey“ zu Gewaltausbrüchen neigte, vor allem nach Alkoholkonsum. Nachbarn berichteten, immer wieder sei die Polizei bei Drath und Muth erschienen. Im Jahr 2008 griff der fast zwei Meter große Muth seine damals 86 Jahre alte Ehefrau mit einem Stuhl an und schlug ihren Kopf mehrmals auf den Boden. Der Washingtoner Anwalt William Boltz sagte den Geschworenen, Viola Drath habe schon zwei Jahre vor diesem Angriff bei Gericht die Trennung von Tisch und Bett beantragt. „Sie hatte Angst, dass er zurückkommt.“ Muth war aber damals vorübergehend untergetaucht, und so ließ sich Beschluss nicht zustellen.

          Unter welchen Umständen „Mutey“ dennoch wieder bei seiner Frau einzog, blieb in der ersten Prozesswoche offen. Am Morgen des 12. August 2011 rief der Hochstapler die Polizei und meldete, er habe die Einundneunzigjährige leblos im Badezimmer entdeckt. „Sie starb an einer Kopfverletzung, die sie bei dem Sturz erlitt“, teilte Muth einen Tag später in einem Nachruf der „Washington Post“ mit. Gerichtsmediziner des District of Columbia stuften Draths Tod aber wegen Verletzungen an Hals und Oberkörper als Mord ein. Als die Polizei Muth einige Tage nach der Obduktion festnahm, fielen den Ermittlern Kratzer an der Stirn und ein abgeplatzter Zahn auf.

          Noch während die Polizei nach Draths Tod in dem Townhouse ermittelte, forderte „Mutey“ ihre Töchter auf, ihm auch weiterhin jeden Monat 2000 Dollar Taschengeld zu zahlen, wie es seine Frau getan hatte. Zudem präsentierte er den Töchtern ein angeblich von ihrer Mutter unterzeichnetes Schreiben, nach dem die Familie ihm im Fall ihres Todes 200.000 Dollar überweisen sollte. „Das Schriftstück ist ein Mordmotiv“, sagte Ankläger Kirschner. Falls er die Geschworenen bei der Fortsetzung des Prozesses in dieser Woche von der Schuld des Angeklagten überzeugt, droht „Mutey“ eine lebenslange Freiheitsstrafe.

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