https://www.faz.net/-gum-6kw1s

Mordprozess : Gefesselt und vergewaltigt

  • -Aktualisiert am

Russell Williams war das Musterbeispiel eines Offiziers Bild: dapd

Ein bekannter kanadischer Offizier, Russell Williams, gesteht zwei Frauenmorde. Das Geständnis sorgt aber nicht für Erleichterung. Es kommen viele abscheuliche Details zum Vorschein, die die Zuschauer zu Tränen der Hilflosigkeit bewegen.

          Eigentlich hätte das Geständnis des kanadischen Offiziers Russell Williams die Angehörigen seiner Opfer im Gerichtssaal von Belleville erleichtern sollen. Nach einer Reihe von ungeklärten Frauenmorden und Vergewaltigungen sowie mysteriösen Einbrüchen in der Provinz Ontario, bei denen in den vergangenen drei Jahren stets Damenunterwäsche, Dessous und Schuhe verschwanden, hatte der 47 Jahre alte Pilot der kanadischen Luftwaffe zugegeben, am Tod von Jessica Lloyd und Marie-France Comeau schuld zu sein. Als im vollbesetzten Gerichtssaal aber die weiteren 86 Anklagepunkte gegen den für seine Korrektheit bekannten Oberst verlesen wurden, machte sich anstelle des Gefühls der Erleichterung schnell ungläubiges Entsetzen breit.

          Obwohl Richter Robert Scott die Zuschauer vorbereitet hatte, flossen Tränen des Abscheus und der Hilflosigkeit, als auf zwei Bildschirmen Hunderte Fotos präsentiert wurden, die Williams von sich in bizarren Situationen an verschiedenen Tatorten aufgenommen hatte: Eine ganze Bilderserie zeigt den durchtrainierten Piloten, wie er bei einem Einbruch in ein Wohnhaus die Schränke der Töchter im Alter von zwölf, 19 und 25 Jahren nach Unterwäsche durchsucht, masturbiert und sich mit einem schnell getippten „Merci“ auf dem Computer des jüngsten Mädchens bedankt.

          Als kurz vor Ende des ersten Verhandlungstages fast 70 Fotos auf die Bildschirme projiziert wurden, die Williams in einem Zustand perverser Erregung beim Spiel mit dem blutbefleckten Slip einer Fünfzehnjährigen zeigen, mussten die Zuschauer im Verhandlungssaal des Obersten Gerichtshofs von Ontario hörbar nach Luft ringen. Williams saß unterdessen mit gesenktem Kopf vor den fast 40 Angehörigen seiner Opfer, die zu dem Prozess gekommen waren.

          Williams gestand zwei Morde

          Das Urbild des aufrechten Offiziers

          „Er hat sich gut eingefügt und wurde von allen respektiert“, hatte Williams' früherer Ausbilder Greg McQuaid schon nach der Verhaftung des Siebenundvierzigjährigen im Februar erklärt. „Ich hätte nie geahnt, dass er zu so etwas fähig sein könnte.“ Tatsächlich galt der Oberst, der seit dem vergangenen Sommer Kanadas größten Luftwaffenstützpunkt Trenton leitete, als Urbild des aufrechten Offiziers. Nach dem Abschluss an der Universität von Toronto machte er als Soldat der kanadischen Streitkräfte Karriere und wurde bald als Pilot an prestigeträchtigen Einsatzorten wie dem Flugdienst für namhafte Persönlichkeiten in Shearwater eingesetzt.

          Vor fünf Jahren erreichte der gebürtige Brite einen Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn, als er die englische Königin Elisabeth II. und ihren Mann Prinz Philip von London über den Atlantik flog. Mehrmals soll Williams zudem kanadische Regierungsmitglieder befördert haben.

          Bei seinen Nachbarn in Ottawa und Tweed bei Belleville galt er mit seiner Frau Mary Harriman als „absolut phantastisches, wunderbares Paar“. Als in dem Ort zwei Frauen im vergangenen Herbst nachts in ihren Häusern überfallen, nackt an Stühle gefesselt und vergewaltigt wurden, kam niemand auf die Idee, ihn mit den Verbrechen in Verbindung zu bringen.

          Lebenslange Freiheitsstrafe droht

          Ende November wurde der Leichnam der Flugbegleiterin Comeau in ihrem Haus bei Belleville gefunden. Die Achtunddreißigjährige, die ebenfalls auf dem Luftwaffenstützpunkt Trenton stationiert war, hatte in den Neunzigern wiederholt Flüge mit Williams absolviert. Ende Januar verschwand dann die 27 Jahre alte Jessica Lloyd. Ihre misshandelte Leiche wurde eine Woche später nach einem Hinweis von Williams auf einem Feld entdeckt.

          Die Polizei war zuvor bei einer Verkehrskontrolle auf den Offizier aufmerksam geworden, da die Reifenspuren seines Wagens den Abdrücken vor Lloyds Haus ähnelten. Williams droht nach dem Geständnis eine lebenslange Freiheitsstrafe. Unmittelbar nach seiner Verurteilung in dieser Woche wird der einstige Hoffnungsträger der kanadischen Luftwaffe degradiert und aus den Streitkräften entlassen.

          Weitere Themen

          Sophia L. war allgegenwärtig

          Urteil im Mordprozess : Sophia L. war allgegenwärtig

          Für den Mord an der Studentin Sophia L. muss ein Lastwagenfahrer lebenslang ins Gefängnis. Für den Richter war es ein besonderes Verfahren: Sonst stehe immer der Angeklagte im Zentrum – diesmal sei es das Opfer gewesen.

          Topmeldungen

          Emmanuel Macron am Dienstag bei einer Veranstaltung im Elysée-Palast

          Frankreich : Der Präsident entdeckt das einfache Volk

          Emmanuel Macron will in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit stärker auf die Ängste ärmerer Franzosen vor Migranten eingehen – und stößt damit auf Widerstand.

          Die EU und Großbritannien : Warten auf Boris

          Einen Monat vor dem europäischen Gipfeltreffen, das Klarheit über den britischen EU-Austritt schaffen soll, wächst die Anspannung. Die EU hofft weiter auf konkrete Vorschläge aus Großbritannien. Doch die Zeit wird knapp.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.