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Mordprozess Brunner : „Wir haben alle von den Schülern Geld gefordert“

Der Angeklagte Sebastian L. am vierten Prozesstag Bild: AFP

Am vierten Tag des Mordprozesses erklärt der Zeuge Christoph T., dass es ursprünglich seine Idee war die vier Jugendlichen zu erpressen. Er bestätigt, dass die Täter stark alkoholisiert waren, beschreibt die Stimmung aber als „entspannt“.

          Der 18 Jahre alte Christoph T. hatte die Idee, die vier Jugendlichen, die Dominik Brunner später beschützen wollte, zu bedrohen und Geld zu fordern. Das hat er als Zeuge im Mordprozess gegen Markus S. und Sebastian L. ausgesagt. Alle drei hätten jedoch dann von den Schülern Geld gefordert. Der Achtzehnjährige sagte, sie seien am 12. September 2009 zu dritt zur Haltestelle Donnersbergerbrücke gegangen. Dort seien sie auf die Jugendlichen getroffen. Er habe die Idee zum „Abziehen“ gehabt, die anderen hätten eingewilligt. „Wir haben darüber gesprochen.“ Nach seinen Angaben verlangte jeder von ihnen mit einem „Spruch“ Geld von den jungen Leuten, fünf oder zehn Euro, sie hätten selbst kein Geld dabei gehabt. Das Geld sollte für Marihuana oder Speed ausgegeben werden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Gebt Geld oder ihr kriegt a Watschn“, habe er gesagt, gibt Sebastian L. vor Gericht zu. Markus S. soll sich dabei in der Nähe der beiden Mädchen aufgehalten haben, Sebastian L. habe neben ihm gestanden. Einer der Jungen habe gesagt, er solle sie in Ruhe lassen. „Da habe ich ihm a Watschn verpasst.“ Vielleicht habe der Junge auch „Hurensohn“ zu ihm gesagt, er wisse das nicht mehr so genau. Einen anderen Jungen habe er hinterher noch in den Rücken getreten, sagte Christoph T. Während der Auseinandersetzung mischte sich demnach eine Frau ein, die sich als Polizistin ausgab. Sie soll gesagt haben: „Erwachsen werden ist schwer.“ Er habe sie nach ihrem Ausweis gefragt. Als sie keinen zeigen wollte, sei es ihm egal gewesen, was sie erzählte. Als seine S-Bahn einfuhr, sei er gegangen und habe nur „Haut’s rein“ zu seinen Freunden gerufen. Damit habe er „Macht’s gut“ gemeint. Auf keinen Fall habe er „Macht sie fertig“ oder Ähnliches gesagt. Er wollte zu seiner Großmutter fahren, um dort Geld zu holen.

          Zeuge beschreibt die Stimmung vor der Schlägerei als „entspannt“

          Markus S. und Sebastian hingegen wollten in die Wohngemeinschaft „Easy Contact“ fahren, in der Sebastian L. wohnte – dort gab es am Wochenende immer 20 Euro Taschengeld. Christoph L. nahm die Stimmung als „entspannt“ wahr, als er die beiden auf dem Bahnsteig zurückließ. „Für mich war das Thema mit den Jugendlichen erledigt.“

          Erst hinterher habe Sebastian L. ihn angerufen und gesagt, dass es eine Schlägerei gegeben habe: „Der Markus blutet, der andere auch.“ Dass der Vorfall dann so zu Ende ging, kann sich Christoph T., wie er sagt, nicht erklären. „Ohne den ausschlaggebenden Punkt, dass irgendwo was passiert sein muss, dass beide so hoch gepuscht werden, kann ich mir das nicht vorstellen.“ Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, was er damit meine, sagt Christoph T.: „Ohne den Schlag von Herrn Brunner, meine ich, sonst wäre das nicht so ausgeartet.“

          Täter forderten öfter Geld von Jugendlichen

          Den Tag vor dem 12. September schildert er ähnlich wie die Angeklagten: Am Freitag trafen sich die drei bei Markus S. und kauften 15 Flaschen Bier, eine Flasche Wodka und eine Flasche „Jack Daniel’s“. Nachdem sie abends Musik gehört und getrunken hätten, seien sie schlafen gegangen. Am nächsten Morgen in der Früh hätten sie weiter getrunken. Bis sie am Nachmittag zur Haltestelle gingen, hätten sie fast das gesamte Bier und den Wodka getrunken. „Jeder hat etwa gleich viel getrunken“, sagt Christoph T. Ein oder zwei Wochen vor dem 12. September habe Sebastian L. schon einmal versucht, jemanden „abzuziehen“, also Geld zu fordern. Auch von Markus S. habe er gehört, dass er so etwas schon einmal gemacht habe. „Das hat mir sein Bruder erzählt.“ Aber ob die beiden auch schon mal in eine Schlägerei verwickelt waren, dazu könne er nichts sagen.

          Christoph T., der im April wegen räuberischer Erpressung zu einer Bewährungsstrafe von 19 Monaten verurteilt wurde, kennt Sebastian L. aus der Wohngemeinschaft „Easy Contact“. Zusammen hätten sie öfter mal eine geraucht oder Musik gehört. Markus S. lernte er erst zwei oder drei Tage vor dem 12. September 2009 über Sebastian L. kennen. Einen Beruf hat er so wenig wie die beiden anderen. Markus S. hat als Beruf Schüler angegeben, Sebastian L. und Christoph T. nennen sich „berufslos“.

          Seine schulische Laufbahn schildert der Angeklagte Sebastian L. am Freitag als ein bewusstes Verweigern. Nach Grundschule und Hauptschule wurde er von letzterer ohne Abschluss ausgeschlossen, weil er kam und ging, wie es ihm gepasst habe. Er sei „zu faul“ zum Lernen gewesen. Auch eine angefangene Malerlehre habe er schnell wieder abgebrochen. Nach dem Tod seines Vaters im November 2008 – die Mutter war im Krankenhaus und nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern – war er in verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Keine habe ihm gefallen, oft seien ihm die Regeln zu streng gewesen. Zuletzt war Christoph T. seit Mai 2009 in einer offenen Suchthilfeeinrichtung – dem „Easy Contact“.

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