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Mordfall Ursula Herrmann : Haftbefehl nach 26 Jahren

  • -Aktualisiert am

Ursula Herrmann wurde 1981 entführt Bild: dpa

Sie erstickte qualvoll in einer Holzkiste: Ursula Herrmann aus Oberbayern, damals zehn Jahre alt. Lange Zeit schien es, als würde der Entführer nicht gefasst. Doch nach 26 Jahren erging nun doch noch ein Haftbefehl.

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          In dem beschaulichen Eching am Ammersee erinnern sich manche Bürger immer noch gut an Ursula Herrmann: Sie sei ein aufgewecktes und fröhliches Kind gewesen. Und immer noch befällt ältere Echinger das Grauen, wenn sie auf einem Waldweg ins nahe Schondorf gehen - den Weg, auf dem das zehn Jahre alte Mädchen in den Abendstunden des 15. September 1981 auf dem Weg nach Hause verschwand. Zweieinhalb Wochen später fand die Polizei seinen Leichnam - in einer tief im Waldboden vergrabenen Holzkiste, in der es erstickt war.

          Es ist ein Verbrechen, bei dem die Polizei trotz vieler entmutigender Fehlschläge nie die Suche nach dem Täter oder den Tätern aufgegeben hat. Bis nach Taiwan führte die Fahndung - und endete doch jetzt dort, wo sie bald nach der Tat begonnen hatte, bei einem Tatverdächtigen, der damals in einem Ort lebte, der nicht weit von Eching entfernt ist.

          Beweislage erdrückend

          Der Mann, der am Donnerstag festgenommen worden ist, war schon nach dem Fund des toten Kindes ins Visier der Fahnder geraten. Doch damals konnten ihm die Ermittler keine Tatbeteiligung nachweisen. Er zog schließlich aus Bayern weg - doch aus dem Fokus der Ermittler geriet er nicht. Sie sind jetzt, nach mehr als 26 Jahren, überzeugt davon, dass nunmehr die Beweislage erdrückend ist, auch wenn der Verdächtige eine Tatbeteiligung bestreitet.

          In dieser vergrabenen Holzkiste starb das Mädchen

          Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Tonbandgerät, das bei ihm sichergestellt worden ist. Der Verdächtige ist mittlerweile 58 Jahre alt und lebt in Kappeln in Schleswig-Holstein. Nach dem Verschwinden Ursulas hatte die Eltern ein Schreiben mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben erreicht, das am 16. September 1981 aufgegeben worden war. Darin wurde ein Lösegeld von zwei Millionen Mark gefordert und angekündigt: „Wir melden uns telefonisch per Pfeifton.“

          Drei weitere Beschuldigte

          Es folgten Anrufe mit einer immer gleichen Tonfolge - der „Bayern 3 Erkennungsmelodie“. Die Eltern erhielten auch einen weiteren Brief und ein Telegramm, in dem die Rede davon war, dass Ursula durch einen raffinierten Plan überleben könne. Dann verstummten der oder die Entführer. Das Tonbandgerät, das bei dem Tatverdächtigen gefunden wurde, weist nach Angaben der Staatsanwaltschaft phonetische Auffälligkeiten auf, wie sie auch bei den Erpresseranrufen festgestellt worden waren. Von einer „komplexen Beweislage“ mit drei weiteren Beschuldigten sprach die Staatsanwaltschaft am Freitag; ein Abgleich von DNS-Spuren sei noch nicht abgeschlossen. Aus taktischen Gründen wollten die Ermittler auch nicht alle Indizien preisgeben, die sie so sicher machen, den Fall aufgeklärt zu haben.

          Im vergangenen Jahr hatte eine DNA-Spur, die an einer Schraube der Holzkiste, in der Ursula erstickte, gesichert wurde, Aufsehen und Verwirrung in einem anderen Strafverfahren erregt. Dort geht es um das Verbrechen an einer vermögenden Münchnerin, die über einem ihr gehörenden Parkhaus in der Innenstadt tot aufgefunden wurde. In der Wohnung der „Parkhaus-Millionärin“ wurden an einem Glas und an einem Griff einer Schublade genetisches Material gefunden, das mit der Spur an der Schraube übereinstimmt. Nachforschungen, ob in beiden Fällen Ermittler tätig waren, von denen die Spur stammen könnte, blieben erfolglos.

          Erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge

          Die Holzkiste war am 4. Oktober 1981 gefunden worden, nachdem Polizeihunde angeschlagen hatten. Die Entführung des Mädchens, das nach einer Turnstunde den Nachhauseweg angetreten hatte, muss von langer Hand vorbereitet worden sein. Die Stelle, an der die Kiste in eine Tiefe von eineinhalb Metern versenkt wurde, war mit frisch gepflanzten Fichten getarnt. Zu der Kiste führten Lüftungsrohre; sie war als ein enges unterirdisches Verlies ausgestattet, mit Keksen, Wasser, einem Radio und eine Lampe, die von einer Autobatterie gespeist wurde. Nach den rechtsmedizinischen Untersuchungen ist Ursula wenige Stunden nach der Entführung erstickt. Kriminaltechnische Untersuchungen ergaben, dass die Luftzufuhr nicht ausreichend funktionierte; ob es ein Versehen der Täter war oder sie die Öffnung, weil ihr Opfer möglicherweise nach Hilfe schrie, verstopften, blieb offen. Der Haftbefehl, der gegen den Verdächtigen aus Kappeln ergangen ist, lautet auf erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge.

          Nicht klar ist immer noch, warum Ursula als Opfer ausgesucht wurde; ihr Vater war Lehrer und nicht vermögend. In den Jahren nach dem Tod Ursulas wurde immer wieder Hoffnungen geweckt, das Verbrechen könne aufgeklärt werden. Große Erwartungen wurden in den kriminaltechnischen Fortschritt gesetzt: Doch nun scheint eine Mischung aus Beharrlichkeit der Ermittler und klassischen Fahnungsmethoden zu der Festnahme geführt zu haben - mehr als 26 Jahren nach Ursulas grausamen Tod.

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