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Mordfall Peggy : Freigesprochen, aber noch nicht frei

Bedankte sich nach dem Freispruch bei seinen Unterstützern: Ulvi K. (Mitte) Bild: dpa

Das Landgericht Bayreuth hob die frühere Verurteilung Ulvi K.s wegen Mordes auf. Aus der Psychiatrie ist er damit noch immer nicht entlassen. Seine Verteidiger wollen nun auch dafür sorgen.

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          Ulvi K. ist im neu aufgerollten Prozess um die seit 13 Jahren verschwundene Peggy freigesprochen worden. Das Landgericht Bayreuth hob am Mittwoch die frühere Verurteilung des geistig Behinderten wegen Mordes auf und folgte damit den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. „Er ist aus tatsächlichen Gründen freizusprechen“, sagte der Vorsitzende Richter Micheal Eckstein. „Ein Tatnachweis ist nicht möglich.“ Im vollbesetzten Zuschauerraum kam es nach der Verkündung des Urteils zu Applaus und Bravo-Rufen. Ulvi K. selbst sagte am Ende der Verhandlung in die Zuschauer gewandt: „Ich möchte mich bei allen bedanken.“

          Die Tathergangshypothese existierte doch

          Andreas Nefzger

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Mai 2001 war Peggy im Alter von neun Jahren spurlos verschwunden, bis heute wurde ihre Leiche nicht gefunden. Im April 2004 wurde Ulvi K. als ihr Mörder zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Landgericht Hof sah es als erwiesen an, dass er Peggy tötete, um einen einige Tage vorher an ihr begangenen sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Er hatte die Tat im Juli 2002 gestanden, später aber wieder abgestritten.

          Der maßgebliche Grund für die Wiederaufnahme des Verfahrens war das psychiatrische Gutachten, das im ersten Verfahren grundlegend war für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Ulvi K. Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber schloss aus, dass der Angeklagte das Geständnis hätte erfinden können. Außerdem hätten die Ermittler keine Vorstellung davon gehabt, wie die Tat abgelaufen sein könnte, weshalb sie Ulvi K. auch nichts suggestiv hätten vorhalten können. Doch genau dies, die „Tathergangshypothese“, existierte, wie sich später herausstellte - und Ulvi K.s Geständnis war ihr auffallend ähnlich. Im Dezember 2013 beschloss daher das Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme.

          Tatsächlich modifizierte Kröber sein Gutachten im zweiten Prozess. Er halte es zwar immer noch für die wahrscheinlichste Erklärung, dass Ulvi K.s Geständnis auf einem tatsächliche erlebten Geschehen beruhe, sagte er vor Gericht. Aber anders als vor zehn Jahren hielt er es für „wissenschaftlich denkmöglich“, der Angeklagte könne sich das Geständnis auch ausgedacht haben.

          Staade: Im Zweifel für den Angeklagten

          Das Gericht wusste damit alles, was es wissen musste, und beendete frühzeitig die Beweisaufnahme. Dass es zu einem Freispruch kommen würde, hatte sich spätestens am Dienstag mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft abgezeichnet, als Staatsanwältin Sandra Staade die Anklage fallen ließ. Sie sagte: „Wir haben letztendlich nur das damalige Geständnis des Angeklagten. Wenn dieses aber womöglich falsch war, dann muss gelten: Im Zweifel für den Angeklagten.“

          Verteidiger Michael Euler hatte den Freispruch ebenfalls gefordert, jedoch nicht aus Mangel an Beweisen, sondern weil er die Unschuld seines Mandanten als erwiesen ansah. Das Gericht habe Zeugen keine Beachtung geschenkt, die angegeben hatten, Peggy auch nach dem von der Polizei vermuteten Todeszeitpunkt noch in ihrem Heimatort, dem oberfränkischen Lichtenberg, gesehen zu haben.

          Richter: Geständnis war mit keinem Sachbeweis belegt

          Richter Eckstein folgte dieser Darstellung in seiner Begründung des Urteils nicht. Anhand der Zeugenaussagen ließe sich nicht zweifelsfrei belegen, dass Peggy später noch gesehen wurden. Das Gericht begründete den Freispruch mit Zweifeln am Geständnis. „Das Geständnis mit Divergenzen und Ungereimtheiten kann keine Grundlage für eine Verurteilung sein“, sagt Eckstein. „Hinzu kommt noch, dass dieses Geständnis mit keinem einzigen Sachbeweis zu belegen ist.“

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